Rennrad
13. August 2026· 12 Min. Lesezeit

Warum ich wieder große Ziele auf dem Rennrad brauche

25 Minuten, flach, Puls unter 145 – das darf ich wieder. Und ausgerechnet diese kleine Freigabe hat mir gezeigt, was mir seit Januar fehlt.

Warum ich wieder große Ziele auf dem Rennrad brauche

Letzte Woche bin ich zum ersten Mal seit Monaten wieder losgefahren. Der Physiotherapeut hatte grünes Licht gegeben – mit Bedingungen. Flach. 25 Minuten. Kein Wiegetritt, keine Berge, Puls unter 145. Ich habe die Klamotten angezogen, das Rad aus dem Keller geholt, und bin am Rhein lang gefahren, langsam, brav, genau nach Plan.

Vor der Ausfahrt habe ich fünf Minuten am Gartentor gestanden, weil ich mir nicht sicher war, ob ich es überhaupt will. Ob ich darf, stand längst fest – das hatte der Physiotherapeut abgenommen. Ob ich wirklich Lust habe, war eine andere Frage, die ich mir früher nie gestellt habe. Man fährt einfach.

Danach saß ich auf der Terrasse und habe gemerkt: Ich freue mich nicht.

Monatelang habe ich mir diesen Moment gewünscht – wieder auf dem Rad sitzen, Fahrtwind im Gesicht, das Geräusch der Kette. Jetzt war er da, und ich saß auf der Terrasse und fühlte fast nichts. Kein Hochgefühl. Keine Erleichterung, die den Namen verdient hätte. Nur die nüchterne Feststellung, dass das eine Trainingseinheit war. Mehr nicht.


Dürfen ist nicht dasselbe wie Wollen

Der Achillessehnenriss kam im Januar, mitten in einer guten Phase. OP, dann Wochen im Stiefel, dann Reha, dann noch mehr Reha. Kein Rennrad für mehrere Monate. Von Woche zu Woche war das Ziel: dürfen. Erst die Vollbelastung, dann Treppensteigen ohne Geländer, irgendwann das Rad.

Jetzt darf ich. Und merke: Dürfen war nie das eigentliche Ziel. Es war nur die Voraussetzung dafür.

25 Minuten flach mit gedeckeltem Puls ist aus medizinischer Sicht richtig. Der Physiotherapeut hat seinen Job gemacht, und ich vertraue ihm. Aber diese 25 Minuten fühlen sich an wie ein gut durchdachter Trainingsplan. Ich trete Pedale, weil man das nach so einer Verletzung eben tut. Nicht, weil irgendetwas in mir danach verlangt.

Früher bin ich um vier Uhr morgens aufgestanden, weil 300 Kilometer vor mir lagen und ich den Sonnenaufgang mitnehmen wollte. Jetzt fahre ich um vier Uhr nachmittags, weil das der Trainingsplan ist, der mich wieder fit machen soll. Beides ist Rennradfahren. Es fühlt sich nicht im Entferntesten gleich an.

Die Wochen davor waren, ehrlich gesagt, schlimmer. Der Stiefel. Die Krücken. Treppen, für die ich früher keine Sekunde gebraucht habe und die plötzlich zum Projekt wurden. Ich habe in dieser Zeit gelernt, jeden kleinen Fortschritt zu feiern – die ersten Schritte ohne Stiefel, und, viel später, eine Runde auf der Rolle im Keller, bei der nichts wehgetan hat. Das war nötig, und ich will das nicht kleinreden. Aber diese Fortschritte waren immer auf etwas anderes bezogen: auf den Zustand von vorher, auf das, was ich verloren hatte. Nie auf etwas, das noch vor mir lag.

Was die großen Ziele früher gemacht haben

2018 habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob ich die Strecke, die wir mit Jugendlichen über mehrere Tage gefahren waren, an einem Stück schaffen würde. Freiburg nach Ingelheim, gemeinsam, aber trotzdem eine ordentliche Strecke, ohne Übernachtung. Ich habe es gemacht. Seitdem sechs Mal über 300 Kilometer, sieben Mal über 250. Eine Drei-Tage-Tour nach Venedig, 950 Kilometer, der erste Tag allein schon 300 vor dem Frühstück. Der Splügen-Pass. Der Kanal bei Straßburg, stundenlang. Die Vogesen, immer wieder.

Keine dieser Fahrten war Leistungssport. Ich habe nie einen Trainingsplan gehabt, der diesen Namen verdient hätte. Aber jede dieser Fahrten hatte ein Ziel, das groß genug war, um ernst genommen zu werden. Nicht „ich fahre heute Rad“, sondern „ich fahre heute nach Venedig“. Ein Ziel, das man nicht einfach verschieben kann, wenn der Wecker unangenehm klingelt.

Diese Ziele haben etwas mit mir gemacht, das ich erst jetzt, in ihrer Abwesenheit, richtig sehe. Sie haben dem Aufstehen um vier Uhr einen Sinn gegeben, der größer war als die Müdigkeit, und aus einer Trainingseinheit eine Geschichte gemacht, die ich später erzählen wollte. Vor allem aber haben sie mir gezeigt, wozu mein Körper fähig ist, wenn ich ihn nicht unterschätze.

Ohne so ein Ziel ist Radfahren für mich offenbar nur eine von vielen Aufgaben auf einer Liste. Mit einem großen Ziel wird es zu etwas, für das ich bereit bin, früh aufzustehen, obwohl ich es nicht müsste.

Ich habe an anderer Stelle schon über den Aufbau geschrieben, der mich zwischen 2021 und 2023 vierzehn Kilo hat abnehmen lassen. Damals habe ich gelernt, dass der Körper mitmacht, wenn ich ihn über Monate hinweg langsam steigere, statt ihn zu überfordern. Das stimmt immer noch, und es gilt jetzt für die Reha genauso wie damals für das Training. Die 100 Kilometer in der Woche waren dabei nie nur Mittel zum Zweck. Die Natur, das Training selbst, die Touren, auf denen ich nur mit mir und Gott unterwegs war – das war für sich genommen schon wertvoll. Aber der Aufbau allein hat mich trotzdem nie durchgehalten. Was mich durchgehalten hat, war zu wissen, worauf er hinausläuft. Die 300 Kilometer haben den 100 in der Woche davor noch einmal einen anderen Sinn gegeben.

Was die Forschung zu Zielen sagt

Ich bin auf die Arbeit von Edwin Locke und Gary Latham gestoßen, zwei Psychologen, die seit den späten sechziger Jahren untersuchen, wie Ziele Leistung beeinflussen. Ihr zentraler Befund ist über hunderte Studien hinweg bestätigt – konkrete, anspruchsvolle Ziele führen zu deutlich besserer Leistung als vage Ziele wie „gib dein Bestes“, oder gar keine Ziele.

„Gib dein Bestes“ klingt nett – jeder weiß, was damit gemeint ist –, bewirkt aber wenig, weil es keinen Maßstab setzt, an dem ich mich messen kann. Ein Ziel wie „25 Minuten flach“ ist konkret, aber es ist kein Ziel im Sinne von Locke und Latham. Es ist eine Vorgabe, die ich verwalte, mich aber nicht herausfordert.

Der Unterschied zwischen einer Vorgabe und einem Ziel ist mir durch die eigene Erfahrung klar geworden, nicht durch die Lektüre. Die Physio-Vorgaben sind notwendig – sie schützen die Sehne, die gerade erst wieder belastbar wird. Aber sie sind kein Ersatz für ein Ziel, das mir gehört. Etwas, das ich mir selbst gesetzt habe, nicht etwas, das mir jemand verschrieben hat.

Was Locke und Latham außerdem zeigen: Ziele wirken besonders stark, wenn ich mich ihnen verpflichtet fühle – wenn ich sie öffentlich mache, mit jemandem teile, der mich danach fragt. Das habe ich all die Jahre gemacht, ohne es so zu nennen. Mein Freund und ich haben Routen abgesprochen, Termine gesetzt, uns gegenseitig erzählt, was wir vorhaben. Diese Verabredung war nie nur Logistik. Sie war der Mechanismus, der aus einer Idee ein Vorhaben gemacht hat.

Was die Verletzung mit mir gemacht hat

Es gibt einen Moment am Col du Page, den ich schon einmal beschrieben habe: wie ich dort am Straßenrand stand, während die Tour de France vorbeifuhr, und dachte, ich will da oben sein. Nicht mit deren Tempo. Nur überhaupt. Ich habe das damals als Geduldsübung verstanden. Warten, bis ich die Achillessehne wieder ausreichend belasten darf.

Inzwischen glaube ich, dass reine Geduld die falsche Haltung war. Bei mir war sie am Ende nur Stillstand, den ich mir schöngeredet habe.

In diesen Monaten ist mir klargeworden, wie sehr ein großer Teil von dem, was ich über mich selbst denke, an diesen Fahrten hing. Der Mann, der einfach mal eben 300 Kilometer fährt, weil ihn die Frage interessiert, ob es geht. Ohne dieses Bild fühle ich mich kleiner, nicht so wertvoll, auch in Bereichen, die mit dem Rad gar nichts zu tun haben. Sportpsychologen nennen das athletische Identität – und haben schon in den neunziger Jahren beschrieben, dass diese Identität nach einer Verletzung zur Belastung werden kann, wenn sie das Einzige ist, worüber man sich definiert. Der Titel ihrer Arbeit trifft es fast zu genau: Hercules' Muskeln oder die Achillesferse. Bei mir war es tatsächlich die Achillessehne.

Eine niederländische Studie mit fünfzig Patienten nach Achillessehnenriss hat über zwölf Monate gemessen, wie sich psychologische Faktoren während der Reha entwickeln. Besonders aufgefallen ist mir, dass die Motivation der Patienten über den ganzen Zeitraum konstant hoch blieb – während die psychologische Bereitschaft, wirklich wieder Sport zu treiben, erst deutlich zwischen dem sechsten und zwölften Monat stieg. Und ausgerechnet diese Bereitschaft hing am stärksten mit der tatsächlichen Rückkehr zum Sport zusammen. Motiviert sein und bereit sein sind offenbar zwei verschiedene Dinge. Ich glaube, in dieser Lücke stecke ich gerade.

Das neue Ziel

Ich habe mich also bewusst entschieden, aufzuhören, nur zu dürfen, und wieder etwas zu wollen.

Der Col du Page ist das Ziel. Ein Vergleich mit Pogačar wäre absurd – das weiß ich selbst am besten. Aber ein eigenes Vorhaben ist es trotzdem – ich will diesen Anstieg selbst hochfahren, aus eigener Kraft, so wie ich 2019 mit Freunden die fünfte Etappe nachgefahren bin. Bis Weihnachten will ich wieder bei 100 Kilometern in der Woche sein, ohne Schmerzen. Bis zum Frühjahr will ich die ersten 150 am Stück wieder schaffen. Und im nächsten Sommer, wenn die Tour wieder durch die Vogesen führt oder auch wenn nicht, fahre ich den Col du Page. Ich habe es sofort mit meiner Frau geteilt. Sie unterstützt mich.

Es ist also kein Geheimnis, sondern ein ausgesprochenes Ziel. Genau das war beabsichtigt: Ein Ziel, das nur in meinem Kopf existiert, lässt sich beliebig verschieben. Eines, das ein anderer kennt und nachfragt, nicht mehr so leicht.

Die 25 Minuten flach bleiben trotzdem, so lange der Physiotherapeut das sagt. Aber sie sind jetzt der erste Schritt zu etwas, nicht mehr die ganze Übung. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, aber er hat großes Veränderungspotential. Ich habe die Route zum Col du Page schon zweimal angeschaut, obwohl ich sie längst kenne. Ich habe angefangen, in Gedanken die Etappen bis dahin zu bauen – erst die ersten Hügel, dann der erste 100er, irgendwann die 200 Kilometer, mit denen ich wieder von zuhause aus nach Frankreich komme. Das ist die Art von Gedankenspiel, die ich seit Januar nicht mehr hatte.

Warum das über das Rennrad hinausgeht

Ich merke, dass dieses Muster nicht nur auf dem Rad gilt. In der Kreuzkirche, im Verein, in der Familie – überall geht es mir besser, wenn es etwas gibt, auf das ich zuarbeite, statt nur das Nötige zu verwalten. Verwaltung erschöpft mich auf eine stille, aber sehr zähe Art. Ein Ziel, auch ein unbequemes, macht dieselbe Arbeit leichter.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum mir die kleine, flache Ausfahrt, die mir verordnet wurde, letzte Woche nichts gegeben hat. Die Länge war es nicht. Es war die Frage nach dem Ziel und der Motivation – die kam vom Physiotherapeuten, nicht von mir, weil ich noch kein eigenes Ziel hatte, dem sie diente.

Das hat sich jetzt geändert. Die nächste flache Ausfahrt ist immer noch flach. Aber sie ist der erste Kilometer von vielen, und ich weiß, wohin sie führt.

Euer Mathis

Foto von Louis Moncouyoux auf Unsplash


Quellen und weiterführende Lektüre

Edwin A. Locke & Gary P. LathamA Theory of Goal Setting and Task Performance (Prentice Hall, 1990) und Building a Practically Useful Theory of Goal Setting and Task Motivation: A 35-Year Odyssey (American Psychologist, 2002). Der Kernbefund, der mich am meisten beschäftigt hat: Konkrete, anspruchsvolle Ziele führen zuverlässig zu besserer Leistung als vage Vorsätze – und öffentlich gemachte, verbindliche Ziele wirken stärker als stille.

Britton W. Brewer, Judy L. Van Raalte & Darwyn E. LinderAthletic Identity: Hercules' Muscles or Achilles Heel? (International Journal of Sport Psychology, 24, 1993, S. 237–254). Klassiker der Sportpsychologie: Wer sich stark und ausschließlich über die Sportlerrolle definiert, ist nach einer Verletzung besonders verletzlich – im übertragenen wie, bei mir gerade, im wörtlichen Sinn.

Merel L. Slagers et al.Psychological Factors Change During the Rehabilitation of an Achilles Tendon Rupture: A Multicenter Prospective Cohort Study (Physical Therapy, 101(12), 2021). Fünfzig Patient:innen, Nachverfolgung über zwölf Monate: Die Motivation blieb während der gesamten Reha konstant hoch, während die psychologische Bereitschaft zur Rückkehr in den Sport erst spät anstieg – und stärker als jeder andere Faktor mit der tatsächlichen Rückkehr zusammenhing.

Samuele Marcora – Forschung zur wahrgenommenen Anstrengung im Ausdauersport, bereits an anderer Stelle zitiert. Bleibt für mich der Hintergrund, vor dem ich all das lese: Der Kopf entscheidet oft mehr als der Körper – auch darüber, ob eine Ausfahrt ein Ziel hat oder nur eine Pflicht ist.