Rennrad
22. Juli 2026· 10 Min. Lesezeit

Am Straßenrand

Die Tour de France 2026 und der Col du Page. Ich kenne diesen Berg. Deswegen war es komisch, einfach nur zuzuschauen.

Am Straßenrand

Ich kenne diese Straße.

Nicht aus dem Fernsehen. Ich fahre viel in den Vogesen, und den Col du Page habe ich in den letzten Jahren zweimal bei normalen Ausfahrten mitgenommen – langsamer, schwerer, mit mehr Grimassen als die, die ich hier gleich sehen würde. Ich weiß, wie der Anstieg sich anfühlt, wenn die Oberschenkel anfangen zu reden. Ich kenne die Kurve kurz vor dem oberen Drittel, wo man kurz denkt, es flacht ab, und dann doch nicht.

Am 18. Juli 2026 stand ich dort am Straßenrand. Oben, im Gedränge, Fahnen links und rechts, irgendwo neben mir jemand mit einer riesigen dänischen Flagge, Vuvuzelas, ein Mann mit Verkleidung – die Tour bringt diese Leute mit sich. Verrückt - und irgendwie schön! Ich hatte mir einen Platz in der vorletzten Kurve gesucht, da wo die Straße noch einmal anzieht bevor sie flacher wird. Ich wollte sehen, wie sie dort durch die Kehre kommen. Und dann kamen sie.


Was man am Straßenrand hört

Im Fernsehen sieht man die Tour. Am Straßenrand hört man sie zuerst.

Ein Rauschen, ein Summen, irgendwie metallisch und weich gleichzeitig. Dann Stimmen, Räder auf Asphalt, das kurze Klacken von Schaltungen. Die Menge fängt an zu brüllen, bevor man überhaupt jemanden sieht. Und dann sind sie da – und zehn Sekunden später schon weg. Der letzte Fahrer verschwindet um die Kurve, und die Leute am Rand brüllen weiter, als müsste man ihnen noch etwas hinterherrufen.

Was im Fernsehen nicht rüberkommt, ist die Geschwindigkeit in einer Kurve. Ich fahre Kurven langsam an. Ich schaue, warte, schätze die Qualität des Belags ein. Die hier werfen die Räder rein, als gäbe es keinen Asphalt und keine Physik. In der Kehre, wo ich stand, haben einige nicht mal den Sattel berührt. Knie nach innen, Gewicht raus, nächste Gerade.

Kurz bevor die Spitze um die untere Kurve bog, änderte sich das Summen. Es wurde tiefer, druckvoller. Ich glaube, das ist das Peloton, das als Block den Luftwiderstand verändert. Ich bin nicht sicher. Aber dieses Geräusch kurz vorher – das vergisst man nicht.

Irgendwann kam Pogačar. Er hat die Etappe gewonnen, was an diesem Tag ungefähr so überraschend war wie ein Tag Regen im Oktober. Er fuhr vorbei, und ich dachte das, was ich jedes Mal denke, wenn ich Profis auf Straßen sehe, die ich selbst kenne: Wie machen die das?


Wie die das machen

Das ist keine rhetorische Frage, ich frage mich das wirklich, wie die das schaffen. Als Rennradfahrer, der dieselben Anstiege kennt, will ich verstehen, was da passiert, nicht nur staunen. Ich habe mir das ernsthaft angeschaut, weil mich das seit Jahren beschäftigt. GCN hat dazu ein Video gemacht, das die wichtigsten Punkte gut aufdröselt.

Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an, das trotzdem kaum jemand wirklich versteht: Windschatten. Wer hinten im Feld fährt, spart bis zu 40 Prozent Energie gegenüber dem, der vorne die Luft aufmacht. 40 Prozent. Bei der Tour fahren deswegen Helfer stundenlang an der Spitze, bis sie leer sind – damit der Kapitän sich schont. Wenn das Peloton einen Anstieg hochkommt, fahren die meisten nicht Vollgas. Die fahren kontrolliert, im Block, und wer angreifen will, muss zuerst aus diesem Block raus. Dann trifft ihn der Wind ganz alleine.

Ich habe das mal selbst ausprobiert: 2019 sind wir zu viert die 5. Etappe der Tour nachgefahren, Saint-Dié-des-Vosges nach Colmar, 175,5 Kilometer durch die Vogesen. Peter Sagan hatte sie gewonnen, 43,4 km/h Schnitt. Das Windschatten-Fahren im Wechsel hat geholfen. Wir haben uns abgewechselt, haben Windschatten gegeben und genommen, die langen Flachstücke im Wechsel gefahren. Trotzdem waren wir sieben Stunden unterwegs. Ein 180-Mann-Feld mit Profis, die das ihr ganzes Leben lang machen, ist eine andere Kategorie.

Ab 35 km/h geht der größte Teil der Kraft nicht mehr in den Vortrieb, sondern gegen den Luftwiderstand. Jeder, der mal auf einem flachen Stück Vollgas gegeben hat, kennt das: Man tritt härter und fährt kaum schneller. Profi-Rennradfahrer arbeiten deswegen an allem, was Luftwiderstand reduziert – Helm, Haltung, Kleidung. Es gibt Fahrer, die ihr Trikot eine Nummer zu klein kaufen, damit es glatter sitzt.

Ich habe mich immer gefragt, warum die so mager sind. Nicht wegen der Ästhetik – weniger Körpermasse kostet am Berg weniger Kraft, und weniger Oberfläche macht bei Tempo weniger Luftwiderstand. Beides zusammen, jeden Tag, drei Wochen.

Die Fitness selbst bewegt sich in Bereichen, die ich mir kaum vorstellen kann. Tour-Fahrer haben Herzen, die bis zu 50 Prozent größer sind als bei einem normalen Menschen. Ihr VO₂max – wie viel Sauerstoff der Körper beim Sport verarbeiten kann – liegt oft über 80 ml pro Kilogramm pro Minute. Freizeitathleten mit guter Ausdauer kommen auf 50 bis 55. Diese Männer verbrennen an einem Etappentag zwischen 4.000 und 8.000 Kilokalorien. Jeden Tag. Drei Wochen lang.

Aber der Körper kann das beim Fahren gar nicht durch normales Essen aufnehmen. Der Magen verarbeitet bei Belastung feste Nahrung zu langsam. Also tanken die Profis Zucker – Gels, Riegel, Kohlenhydratgetränke. Ich nehme auf langen Fahrten auch Gels. Aber was die in einer Etappe konsumieren, ist eine andere Dimension. Manche nehmen alle 15 bis 20 Minuten eines. Kein Genuss, einfach nur Tanken.

Pogačar ist 27 und hat wahrscheinlich mehr Kilometer in den Beinen als ich in meinem ganzen Leben fahren werde. Das ist keine Übertreibung. Er hat angefangen, als er acht oder neun war, in Slowenien, auf kleinen Straßen durch Weinberge. Jedes Jahr mehr, jedes Jahr gezielter. Das macht den Abstand klarer als jede Zahl – und nimmt ihm gleichzeitig etwas von der Magie. Er ist nicht einfach begabt. Er hat das sein halbes Leben gemacht.


Was die Vogesen mit einem machen

Die 5. Etappe 2019 bin ich nicht gefahren, weil ich Sagan nacheifern wollte. Wir haben sie gefahren, weil wir die Vogesen lieben und weil es uns gereizt hat, auf einer Strecke zu fahren, auf der kurz vorher die besten Rennradfahrer der Welt waren.

Die Vogesen sind kein Alpenpass. Keine 20-Kilometer-Kehren, keine 2.000-Meter-Gipfel. Der Col du Page: 9,8 Kilometer, 4,7 Prozent Schnitt. Etappe 14 dieses Jahres – Mulhouse nach Le Markstein, 155 Kilometer – hatte fast 3.800 Höhenmeter, und der Col du Page war nur ein Stück davon. Die Vogesen setzen Anstiege hintereinander, einer nach dem anderen, und dazwischen wird es nie wirklich flach.

Das merkt man. Die 5. Etappe von 2019 hatte vier Bergwertungen. Auf dem Papier klingt das nicht dramatisch. Nach 130 Kilometern sieht das anders aus. Man kommt von einem Anstieg runter, hat kurz Erholung, und dann biegt die Straße um eine Ecke und es geht wieder hoch. Irgendwann fragt man sich nicht mehr, wann der nächste Anstieg kommt. Man weiß: Er kommt.

Kurz vor Colmar wird die Straße enger, der Wald steht auf beiden Seiten so dicht, dass man Schatten hat selbst bei Sonne. Ich habe dort viel gebremst, bin langsam in die Kurven rein. Nicht aus Angst, sondern weil ich nicht wusste, was kommt. Sagan hat an derselben Stelle wahrscheinlich keine Sekunde gezögert. Er kannte die Strecke, hatte solche Abfahrten tausendmal gemacht. Sein Gehirn rechnet das automatisch durch.

Wir vier haben sieben Stunden gebraucht. Sagan hat die Etappe in gut vier Stunden gemacht, im Sprint, mit einem Peloton, das ihm die Beine frei gehalten hat. Das nimmt uns nichts weg von unserer Leistung. Aber es macht klar, wo wir stehen.


Dieses Jahr ohne Rad

Ich wäre lieber selbst gefahren. Das muss ich dazusagen.

Achillessehnenriss, Frühjahr. Ich war gerade in Form, hatte Pläne. Dann: OP, Reha, kein Rennrad für Monate.

Am Col du Page zu stehen war schön. Wirklich. Aber man schaut die Fahrer an und denkt nicht: Wow, wie toll. Man denkt: Ich will da oben sein. Nicht mit deren Tempo. Nur überhaupt.

Rennrad ist für mich keine Sportart im Sinne von Trainingsplan und Wettkampf. Es ist eher ein Gedankenraum, den ich sonst nirgendwo aufmache. Sieben Stunden durch die Vogesen – da denke ich Dinge zu Ende, die im Alltag nie fertig werden. Oder ich denke gar nichts. Beides ist gut.

Das geht gerade nicht. Ich habe mich am Col du Page dabei ertappt, wie ich auf die Räder der Fahrer geschaut habe – nicht auf die Männer, auf die Räder – und dachte: Ich will fahren. Nicht die Tour. Nicht sieben Stunden Vogesen. Eine Stunde reicht. Einfach raus, Beine bewegen, irgendeine Straße, die nirgendwo hinführen muss.

Die Verletzung hat mir das klargemacht, was vorher immer irgendwie selbstverständlich war: Morgens aufs Rad, Ausfahrt, zurück, nächste Woche wieder. Ich habe nie groß darüber nachgedacht, was das bedeutet. Jetzt fehlt es, und ich merke erst jetzt, wie viel Platz das im Alltag eingenommen hat. Nicht die Zeit – den Kopfraum.

Der eine Fahrer

Was ich nicht losbekomme, ist kein Bild von Pogačar.

Irgendwann, nachdem das Hauptfeld vorbei war, kam ein Fahrer den Col hoch. Allein. Ich weiß nicht mehr wer. Abgehängt, außer Sichtweite der Kameras, in einem dieser Momente, die niemand sieht. Kein Windschatten, kein Teamwagen, kein Kommentator, der seinen Namen nennt. Nur er und der Anstieg.

Er fuhr nicht langsam. Er fuhr so, wie man fährt, wenn man kämpft und sich durchbeißt. Das Gesicht war nicht schön. Die Schultern arbeiteten. Er saß schief auf dem Sattel, ein bisschen zur einen Seite geneigt, so wie man sitzt wenn die Hüfte anfängt, mitzuarbeiten. Wer schon mal 150 Kilometer in den Beinen hatte und dann noch einen Col hochmusste, kennt dieses Gefühl von sich selbst. Man sieht nicht mehr aus wie auf einem Foto. Man fährt einfach.

Die Leute am Rand haben genauso laut gerufen wie vorher für die Ersten. Vielleicht lauter.

Ich fahre normalerweise auf Straßen, auf denen mich niemand kennt und niemand anfeuert. Das gehört dazu, das ist auch gut so. Aber diesen Moment am Col du Page nehme ich mit.


Was ich und du mitnehmen können

Ich schreibe das vor allem für Leute, die selbst Rennrad fahren. Aber eigentlich nicht nur für die.

Wenn ihr die Tour de France das nächste Mal im Fernsehen schaut, achtet auf die Fahrer nach dem Hauptfeld. Die, die die Kamera nicht mehr zeigt. Die kämpfen genauso – ohne Windschatten, ohne Team, außer Reichweite des Teamwagens. Meist sind es an den Bergen die Sprinter. Das ist kein Randdetail. Das ist ein eigenes Rennen.

Und wenn ihr irgendwann die Möglichkeit habt, die Tour live zu sehen: Geht hin. Nicht in die Stadt, nicht ans Ziel. An einen Anstieg. Sucht euch eine Kurve und wartet. Zehn Minuten Peloton rechtfertigen die ganze Anreise.

Die Leistung der Profis schmälert es nicht, weil ich verstanden habe, wie die das machen. Im Gegenteil. Windschatten, Aerodynamik, Ernährung – das erklärt die Zahlen, aber nicht das Gesamtbild. Ein Mensch, der nach 130 Kilometern noch angreift. Wahnsinn! Das bleibt.

Ich finde es auch ehrlich gesagt schön, dass man das alles verstehen kann – Windschatten, Watt, Herzgröße – und trotzdem am Straßenrand steht und denkt: Das ist eigentlich noch verrückter als vorher. Wissen nimmt dem Sport nichts. Es macht ihn größer.

Und für die, die selbst fahren: Fahrt mit Leuten. Nicht nur wegen dem Spaß, obwohl der auch zählt – sondern weil 40 Prozent Energieersparnis kein Mythos ist. Wir haben das 2019 auf 175 Kilometern gemerkt. Ohne die anderen drei wäre ich wahrscheinlich nach acht Stunden irgendwo in einem Vogesenkaff gesessen und hätte auf den Zug gewartet. Es ist eine andere Fahrt, wenn jemand vor einem fährt und den Wind schluckt. Das klingt banal, bis man es erlebt. Dann weiß man: Alleine geht es auch, aber es kostet mehr. Nicht nur mehr Kraft – auch mehr Willen. Beides hat seinen Platz, ich schätze die Gesellschaft seitdem nicht nur zum quatschen, sondern auch sportlich.


Bald wieder selbst?

Ich muss mich gedulden. Irgendwann kommt der erste Kilometer wieder, dann die erste längere Ausfahrt, dann irgendwann wieder so ein Tag in den Vogesen – diesmal vielleicht wieder zu viert, mit Windschatten, Kaffeepause irgendwo auf halber Strecke, und abends zu müde zum Reden. Bis dahin behalte ich mir das Bild vom abgehängten Fahrer, der trotzdem den Berg besiegte und ins Ziel kam.

Euer Mathis


Quellen

Étape 14, Tour de France 2026 – Mulhouse → Le Markstein Fellering (155 km, ~3.800 Hm), gewonnen von Tadej Pogačar. Streckendetails: ledicodutour.com und cyclingstage.com. Der Col du Page: 9,8 km bei 4,7 % – verbindet Bussang und Ventron.

Tour de France 2019, 5. Etappe – Saint-Dié-des-Vosges → Colmar (175,5 km), gewonnen von Peter Sagan (43,4 km/h Schnitt). Wikipedia. Wir haben sie zu viert nachgefahren: knapp 7 Stunden, ~25 km/h.

GCN auf DeutschWie wird die Tour de France immer schneller? und Was macht einen Profi-Rennradfahrer schnell?. Die Zahlen zu Windschatten (bis zu 40 % Energieeinsparung im Feld), Aerodynamik ab 35 km/h und Kalorienverbrauch (4.000–8.000 kcal pro Etappentag) kommen aus diesen Videos.