100 km bis zum Frühstück
Warum der Morgen das einzige Fenster am Tag ist, das mir wirklich gehört - bevor der Rest des Lebens anfängt.

100 km bis zum Frühstück
3 Uhr morgens. Der Wecker klingelt und ich liege kurz da und denke: Warum habe ich das eigentlich so geplant?
Draußen ist es noch dunkel. In dreieinhalb Stunden wird die Sonne aufgehen. Aber erst mal: aufstehen, Radklamotten an, Trinkflaschen füllen, Rad fertig machen. Um vier Uhr bin ich auf der Straße. Vor mir liegen 300 Kilometer.
Das war der erste Tag unserer Venedig-Tour. Drei Tage, 950 Kilometer. Wir haben uns selbst für ein bisschen verrückt erklärt – und sind trotzdem losgefahren.
Die ersten Stunden kenne ich so nur vom Radfahren. Keine Autos. Kein Lärm. Nur die Landschaft, die sich langsam aus der Dunkelheit herausschält. Wir sind durch Weinberge gefahren, auf Landstraßen, die tagsüber voll wären, an diesem Morgen aber leer wie Gassen in einer Stadt, die noch schläft. Das Licht der Fahrradlampe hat den Asphalt vor mir beleuchtet, der Rest war schwarz.
Es gibt etwas Merkwürdiges an dieser Zeit. Man hat das Gefühl, die Welt gehört einem – weil man der Einzige ist, der gerade unterwegs ist. Kein Gegenverkehr. Kein Überholen. Kein Stress. Nur die eigenen Beine, die Straße und irgendwo da vorn das Ziel.
Gegen halb sieben hat der Himmel angefangen, die Farbe zu wechseln. Erst dunkelblau, dann ein schmaler orangefarbener Streifen über den Hügeln. Ich habe den Sonnenaufgang schon hundert Mal gesehen – aber auf dem Rad, nach zwei Stunden Fahrt, mit warmem Körper und klarem Kopf, ist er anders. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht weil man ihn sich verdient hat.
Um acht Uhr habe ich die erste Pause gemacht. Ein kleines Café am Straßenrand, Kaffee, ein Croissant, kurz absitzen. Wir hatten 100 Kilometer hinter uns. Es war acht Uhr morgens. Der Tag lag noch vor uns.
Dieses Gefühl – das ist es. Genau das.
Bevor die Hitze kommt
Natürlich ist nicht jede Ausfahrt eine 300-Kilometer-Etappe irgendwo Richtung Italien. Die meisten meiner Morgentouren sind normal. Eine Stunde, manchmal zwei. Eine Runde durch die Felder, bevor es hell wird, bevor der erste Schultag anfängt, bevor ich Pastor bin und Vereinsvorsitzender und Vater und alles andere gleichzeitig.
Im Sommer fahre ich früh, weil es dann noch kühl ist. Wer schon mal versucht hat, um 14 Uhr in der prallen Sonne auf dem Rennrad zu sitzen, weiß, was ich meine. Um 6 Uhr morgens sind es manchmal 15 Grad. Angenehm. Kein Vergleich zu dem, was nachmittags wartet. Im Hochsommer ist der frühe Morgen nicht nur schön – er ist der einzige Zeitpunkt, an dem Radfahren wirklich Spaß macht.
Bei langen Touren gehe ich noch weiter. 4 Uhr, manchmal früher. Wer 200 Kilometer oder mehr vor sich hat, muss früh anfangen – nicht weil man sonst nicht fertig wird, sondern weil die ersten Stunden die besten sind. Bevor der Verkehr kommt. Bevor die Hitze kommt. Bevor die Köpfe voll sind.
Aber das eigentliche Argument ist ein anderes. Und das gilt ganzjährig.
Das einzige Fenster, das bleibt
Ich habe einen vollen Terminkalender. So voll, wie das Leben von Leuten ist, die Familie haben und arbeiten und sich nebenher noch ehrenamtlich engagieren. Zwischen dem ersten Termin am Morgen und dem letzten Gespräch am Abend ist der Tag eigentlich schon weg. Wenn ich Sport auf den Nachmittag oder Abend verschiebe, verschiebe ich ihn meistens ins Nichts. Irgendetwas kommt immer dazwischen. Eine Sitzung, die länger dauert. Ein Anruf, der nicht geplant war. Kinder, die noch etwas brauchen.
Der Morgen ist anders.
Bevor die Kinder aufwachen und die Schultaschen gepackt werden müssen, bevor das erste Telefon klingelt, bevor irgendjemand irgendetwas von mir will – da ist eine Stunde, die mir gehört. Niemand schickt um 6 Uhr morgens eine dringende E-Mail. Niemand ruft an. Die Welt hat mich kurz vergessen, und das ist herrlich.
Ich komme nach Hause, wenn das Haus gerade wach wird. Duschen, Frühstück, in den Tag starten – aber mit dem Gefühl, schon etwas getan zu haben. Das klingt vielleicht klein. Es ist aber kein kleines Gefühl. Es trägt den ganzen Tag.
Was Forscher dazu sagen, überrascht nicht mehr: Wer seinen Sport konsequent in die Morgenstunden verlegt, trainiert nachweislich regelmäßiger als jemand, der auf den Abend wartet. Abendpläne scheitern an Müdigkeit, unerwarteten Terminen und dem Sofa. Der Morgenplan scheitert eigentlich nur am Wecker. Und mit dem kann man lernen umzugehen.
Entscheide nicht morgens
Ich wäre unehrlich, wenn ich sagen würde, es ist immer leicht aufzustehen.
Es ist nicht leicht. Manchmal liegt man da, das Bett ist warm, draußen ist es dunkel, und der Wecker fühlt sich wie eine persönliche Beleidigung an. Ich kenne das. Ich erlebe das regelmäßig. Es gibt Morgen, an denen ich kurz überlege, ob das alles wirklich so eine gute Idee war.
Aber ich habe mit der Zeit eine Sache gelernt, die für mich gut funktioniert: Ich entscheide nicht morgens. Die Entscheidung habe ich am Abend vorher getroffen. Die Radklamotten liegen bereit. Das Rad steht. Ich muss morgens eigentlich nur noch aufstehen und das ausführen, was Abend-Mathis bereits beschlossen hat.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Wer den Moment der Entscheidung in eine Zeit verlegt, in der man ausgeschlafen und motiviert ist, kämpft morgens nicht mehr gegen den inneren Schweinehund. Der ist nämlich nur dann wirklich stark, wenn man ihm die Frage überhaupt stellt.
Die Frage lautet dann nicht mehr „Soll ich heute fahren?" Sie lautet: „Stehe ich jetzt auf, oder lasse ich den gestrigen Mathis im Stich?" Das ist ein anderes Spiel.
Es geht nicht ums Rad
Ich erzähle das nicht, um zu sagen: Kauf dir ein Rennrad und fahr morgens früh. Das wäre zu einfach – und auch nicht meine Botschaft.
Es geht ums Prinzip. Ich kenne Läufer, die dasselbe machen. Schwimmer auch. Menschen, die morgens spazieren gehen, bevor der Rest der Welt aufgewacht ist. Das Gemeinsame ist nicht der Sport. Das Gemeinsame ist die Zeit – und die Entscheidung, sich diese Zeit zu nehmen, bevor der Tag sie einem wegnimmt.
Dass das auch biologisch einen Unterschied macht, hat die Forschung inzwischen gut belegt: Eine Studie im Journal of Physiology hat gezeigt, dass Morgensport den Stoffwechsel stärker beeinflusst als die gleiche Einheit am Abend. Der Körper ist morgens anders aufgestellt – der Cortisolspiegel auf dem natürlichen Tageshoch, die Insulinreaktion sensibler. Wer früh trainiert, holt also mehr raus, als er denkt.
Aber das ist, ehrlich gesagt, ein Nebeneffekt. Der Grund, warum ich früh aufstehe, ist kein biochemischer.
Wenn der Terminkalender voll ist – und wer hat keinen vollen Terminkalender – dann ist die ehrlichste Antwort auf die Frage „Wann mache ich Sport?" meistens: morgens. Nicht weil man ein Morgenmensch ist. Das bin ich auch nicht wirklich. Sondern weil der Morgen der einzige Zeitraum im Tag ist, der einem noch gehört, bevor man ihn mit anderen teilt.
Wer abends Sport machen will, kämpft gegen Erschöpfung, gegen Termine, gegen die Couch. Wer morgens früh aufsteht, kämpft nur gegen den Wecker. Das ist ein fairer Kampf.
Ich bin an jenem ersten Venedig-Tag um kurz nach 22 Uhr ins Bett gefallen. 300 Kilometer, elf Stunden auf dem Rad. Ich war müde auf eine Art, die sich gut anfühlt – so müde, dass man sofort einschläft.
Was ich am stärksten in Erinnerung habe, ist aber nicht der Abend. Es ist der Moment um acht Uhr morgens, mit dem Kaffee in der Hand, dem leeren Platz vor mir und dem Wissen: 100 Kilometer habe ich schon hinter mir. Ich habe den Sonnenaufgang gesehen. Ich habe die Weinberge im ersten Licht gehabt, ganz für mich allein. Und der Tag hat gerade erst angefangen.
Für dieses Gefühl braucht man keine 300-Kilometer-Tour nach Venedig. Keine epische Route, kein Rennrad für mehrere Tausend Euro, kein Trainingsplan.
Es reicht, morgen früh aufzustehen.