Kirche
11. August 2026· 19 Min. Lesezeit

KI in der Kirche: Die Predigt, die ich nicht allein geschrieben hab

Ich schreibe Predigten mit etwas, das nie betet.

KI in der Kirche: Die Predigt, die ich nicht allein geschrieben hab

Das hier ist der erste Text einer neuen Reihe. Ich will in den nächsten Wochen und Monaten zeigen, was künstliche Intelligenz eigentlich mit unserem Leben macht, nicht nur in der Kirche, sondern in der Gesellschaft, in der Familie, beim Camping, im Verein. Angefangen habe ich dort, wo ich beruflich am tiefsten drinstecke.

Ich sitze am Dienstagabend am Küchentisch, der Text für Sonntag liegt vor mir, und ich tippe eine Frage in ein Chatfenster: Wo ist der rote Faden in diesem Abschnitt? Ein paar Sekunden später kommt eine Antwort. Manchmal ist sie hilfreich – eine Verbindung, die ich selbst noch nicht gesehen hatte, eine Formulierung, die treffender ist als meine erste. Manchmal ist sie einfach nur plausibel und trotzdem falsch, theologisch glattgebügelt, ohne die Kanten, die ein echter Text braucht.

Ich benutze künstliche Intelligenz seit über einem Jahr für Predigten, für Texte aller Art – zur Recherche, zur theologischen Absicherung, zur Deutschüberprüfung, weil ich beim dritten Lesen selbst nicht mehr höre, ob ein Satz noch nach mir klingt oder ich ihn schon vollkommen kaputtgedacht habe. Gerade jetzt, mitten in einem Organisationsentwicklungsprozess, in dem unsere Gemeinde neu über sich selbst nachdenkt, ist die Maschine fast täglich dabei – als eine Art Sparringspartner, wenn ich Optionen durchspiele, bevor ich sie in die Gemeindeleitung und die Gemeindeversammlung trage.

Ich schreibe das hier offen, weil mir in den letzten Monaten etwas aufgefallen ist: Ich rede lieber darüber, wofür ich Rennrad fahre oder wie ein Fußballverein Nachwuchs findet, als darüber, dass ich als Pastor mit einer Maschine arbeite. Es fühlt sich an, als müsste ich mich dafür rechtfertigen. Und gleichzeitig sitze ich in Gesprächen – bei einem Kaffee nach dem Gottesdienst, in einem Seelsorgegespräch, am Rand einer Sitzung der Gemeindeleitung –, in denen mir dieselbe Sorge in ganz unterschiedlichen Worten begegnet: Wird das hier auch bald von einer Maschine gemacht? Betet da überhaupt noch jemand für mich, oder wird nur noch etwas generiert?

Diese Angst ist nicht albern. Sie ist, so zeigt es auch meine Erfahrung im Gespräch mit Menschen, berechtigter, als mir manchmal lieb ist.

Ich habe lange gebraucht, um überhaupt zuzugeben, dass beides gleichzeitig wahr ist. Dass ich die Maschine benutze, weil sie mir hilft. Und dass ich verstehe, warum jemand aus meiner Gemeinde beim Gedanken daran unruhig wird. Die meisten Texte, die ich über KI und Kirche finde, entscheiden sich für eine Seite: Entweder ist es die Zukunft, die man mutig annehmen muss, oder die nächste Bedrohung für das, was Kirche ausmacht. Ich glaube, beide Lager reden aneinander vorbei, ohne es zu merken. Sie reden über zwei verschiedene Dinge, KI als Werkzeug zur Aufgabenerfüllung und KI als Gegenüber im Gespräch, und behandeln beides wie dieselbe Frage. Ich habe selbst eine Weile gebraucht, um die beiden auseinanderzuhalten.


Fürth, 2023

Es ist schon einmal passiert, wovor sich viele fürchten. Auf dem Evangelischen Kirchentag 2023 in Fürth hat der Wiener Theologe Jonas Simmerlein ChatGPT beauftragt, einen kompletten Gottesdienst zu entwerfen – Begrüßung, Psalm, Glaubensbekenntnis, Predigt, Fürbitten, Segen. Vier digital erzeugte Avatare haben den rund vierzigminütigen Ablauf in der St.-Paul-Kirche vorgetragen, auf eine Leinwand über dem Altar projiziert. Etwa 300 Menschen saßen in den Bänken. Die Musik dazwischen war ebenfalls von einer KI komponiert.

Die Reaktionen waren gemischt, und das ist milde ausgedrückt. Manche haben gelacht, über die monotone Stimme der Avatare, über eine Emotionslosigkeit, die in einem Gottesdienst besonders auffällt, weil dort sonst so viel von Gefühl, Klage, Freude die Rede ist. Andere waren nachdenklich still. Wieder andere sind aus Prinzip gar nicht erst gegangen.

Der Kirchentag ist kein Nischenformat. Er ist die größte protestantische Zusammenkunft in Deutschland, Zehntausende Teilnehmende, Hunderte Veranstaltungen, viel Presse. Dass ausgerechnet dort ein KI-Gottesdienst stattfand, war kein Zufall und keine Provokation um der Provokation willen. Es war der Versuch, eine Frage öffentlich zu stellen, bevor sie sich ohnehin stellt: Was passiert, wenn die Technik, mit der wir alle längst arbeiten, auch den heiligsten Moment unserer Woche erreicht? Eine fertige Antwort hatte dieser eine Gottesdienst nicht zu bieten. Aber die Debatte, die er auslösen wollte, läuft bis heute. Auch drei Jahre später merke ich das noch, wenn ich in Gesprächen davon erzähle.

Ich finde diesen Moment aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens: Er liegt schon eine Weile zurück. Was 2023 noch ein mutiges Experiment auf einem Kirchentag war, ist heute in vielen Gemeinden, auch in meiner, stiller Alltag geworden, nur ohne Bühne und ohne Presse. Zweitens: Fürth hat eine Grenze sichtbar gemacht, ohne sie zu benennen. Die Avatare konnten einen Ablauf erzeugen, der formal korrekt war. Sie konnten nicht das erzeugen, was einen Gottesdienst zu einem Gottesdienst macht – dass jemand mit eigener Stimme, eigener Geschichte, eigenem Zweifel vor eine Gemeinde tritt und sagt: Ich glaube das. Und ich stehe dafür gerade.

An diesem Punkt liegt für mich der Kern der Sache. Eine Maschine kann predigen, das hat Fürth gezeigt. Aber etwas geht dabei verloren, wenn wir sie lassen.


Das hat die Kirche schon oft erlebt

Ich bin überzeugt, dass diese Angst nicht neu ist. Die Kirche hat schon mehrmals erlebt, dass eine neue Technik ihr Innerstes zu berühren scheint, und jedes Mal hat sie zuerst mit Furcht reagiert, bevor sie gelernt hat, damit zu leben.

Johannes Gutenberg hat um 1450 die Bibel gedruckt und damit etwas in Bewegung gesetzt, das er selbst nicht vorhersehen konnte. Plötzlich konnten Menschen die Heilige Schrift selbst lesen, ohne auf die Auslegung eines Priesters angewiesen zu sein. Für die kirchliche Autorität war das eine echte Bedrohung. Und diese Bedrohung hat, keine hundert Jahre später, die Reformation mit ermöglicht. Ohne den Buchdruck hätten sich Luthers 95 Thesen nicht in wenigen Wochen durch halb Deutschland verbreitet. Die Technik, die zuerst als Kontrollverlust gefürchtet wurde, ist zu einem der wirkungsvollsten Werkzeuge der Kirche geworden.

Ein anderer Bruch war, zumindest für die Kirche, wuchtig: Als Galileo Galilei im 17. Jahrhundert mit seinem Fernrohr zeigte, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, ging es nicht nur um Astronomie. Es ging um die Frage, wer die Deutungshoheit über die Wirklichkeit hat – die kirchliche Lehre oder das, was ein Mensch selbst beobachten kann. Die Kirche hat diese Frage lange falsch beantwortet, mit Verboten und einem Prozess, den sie erst Jahrhunderte später revidiert hat. Hier wird ein Muster sehr deutlich: Wenn eine Institution glaubt, sie könne eine neue Erkenntnisquelle einfach verbieten, verliert sie meistens nicht die Erkenntnis. Sie verliert das Vertrauen der Menschen, die längst weiterdenken.

Im 20. Jahrhundert kamen Radio und Fernsehen. Auch hier zuerst Skepsis, ob man das Wort Gottes wirklich über einen Lautsprecher verbreiten dürfe wie eine Ware, dann Anpassung, dann Übernahme. In den USA sind daraus ganze Fernsehimperien entstanden, mit allen Risiken, die das mit sich bringt: Verkündigung, die sich der Aufmerksamkeitslogik des Mediums unterwirft, Prediger, die zu Marken werden, deren Glaubwürdigkeit sich irgendwann an Einschaltquoten bemisst. Auch das war eine Warnung wert. Die Kirche hat sie nicht überall gehört.

Die jüngste Welle vor der jetzigen habe ich selbst mitgemacht, so wie wahrscheinlich jeder Pastor meiner Generation: das Livestreaming während der Pandemie. Über Nacht mussten wir lernen, Gottesdienst vor einer Kamera zu halten statt vor Gesichtern. Ich erinnere mich an die ersten Wochen, wie fremd sich das angefühlt hat, in ein seelenloses Gerät zu sprechen und zu hoffen, dass am anderen Ende jemand wirklich zuhört und nicht nebenbei die Spülmaschine einräumt. Und ich erinnere mich, wie schnell sich das normalisiert hat. Heute streamen wir noch immer, für Menschen, die krank sind, die nicht mehr rauskommen, die weit weg wohnen und trotzdem dazugehören wollen. Was als Notlösung begann, ist ein echtes Werkzeug für Teilhabe geworden, ohne den Gottesdienst vor Ort zu ersetzen. Das gibt mir vorsichtigen Grund zur Hoffnung, auch bei der nächsten Welle. Nicht jede neue Technik frisst am Ende das, wovor wir uns anfangs fürchten. Manche erweitert nur den Kreis derer, die dazugehören.

Was sich an diesem Muster wiederholt, ist auffällig. Jede neue Technik hat zuerst die Sorge ausgelöst, kirchliche Autorität werde entwertet. Und jede neue Technik hat am Ende die Reichweite der Kirche vergrößert, auf Kosten von etwas, das schwer zu benennen ist: Nähe, Verbindlichkeit, das Gefühl, dass wirklich jemand da ist.

Künstliche Intelligenz ist nicht einfach die nächste Stufe in dieser Reihe. Sie steht für eine kategoriale Veränderung im Verhältnis der Kirche zur Technik. Der Buchdruck hat eine Botschaft verbreitet. Das Radio hat eine Stimme übertragen. Beides blieb erkennbar menschlich am Ursprung, auch wenn die Reichweite explodierte. Künstliche Intelligenz kann die Botschaft selbst erzeugen, und sie kann, das ist wirklich neu, die Beziehung imitieren, in der diese Botschaft normalerweise ankommt.


Wer hat die Predigt geschrieben?

Ich bin nicht allein mit dem, was ich am Dienstagabend am Küchentisch mache. Nach einer aktuellen Erhebung der Forschungsorganisation Barna sagen nur 13 Prozent der befragten Pastor:innen in den USA, sie würden gar keine KI verwenden. Die Hälfte nutzt sie zum Brainstorming, gut ein Drittel für theologische Recherche, ein knappes Viertel inzwischen tatsächlich beim Schreiben oder Überarbeiten von Predigten, doppelt so viele wie noch 2024. Und trotzdem: 71 Prozent beschreiben ihr eigenes Gefühl dabei als vorsichtig, 40 Prozent als zerrissen.

Ich verstehe dieses Zerrissensein sehr genau. Es gibt einen Unterschied zwischen KI als Werkzeug und KI als Autor, und dieser Unterschied verläuft nicht dort, wo ich ihn früher vermutet hätte.

Wenn ich die Maschine recherchieren lasse, was ein griechisches Wort in verschiedenen Kontexten bedeutet, oder wenn ich sie bitte, meinen Text auf Wiederholungen und unklare Sätze zu prüfen, nutze ich sie wie ein sehr belesenes Nachschlagewerk mit Gedächtnis. Das verändert nichts an dem, was ich sonntags sage. Es verändert nur, wie viel Zeit ich für das brauche, was danach kommt.

Anders wird es, wenn ich der Maschine eine Frage stelle wie: Was könnte man aus diesem Text für heute mitnehmen? Dann bekomme ich eine Antwort, die klug klingt, oft sogar treffend, und die trotzdem nicht aus einer Auseinandersetzung entstanden ist, sondern aus einem statistischen Muster über Millionen Texte. Sie hat nicht mit dem Text gerungen. Sie hat ihn nicht mit zu dem Krankenbesuch von letzter Woche genommen, nicht mit in die schlaflose Nacht, in der eine eigene Frage offen geblieben ist. Predigt ist für mich, wenn sie ehrlich ist, immer auch ein Abbild von dem Ringen mit dem, was mit mir passiert ist, während ich den Text gelesen habe. Eine Maschine hat damit nichts zu ringen. Sie hat keine schlaflosen Nächte.

Ich kenne das Gefühl, wenn die Maschine einen dritten Gedanken vorschlägt, der elegant klingt und theologisch nicht falsch ist, und der trotzdem an dem Menschen vorbeigeht, den ich vor Augen habe, wenn ich schreibe. Der Vorschlag passt zu jedem Bibeltext dieser Art. Er passt nur nicht zu dieser Gemeinde, an diesem Sonntag, nach dieser Woche. Das ist die eigentliche Gefahr, die ich in der KI-gestützten Predigtvorbereitung sehe. Nicht Häresie, nicht offensichtlicher Unsinn, sondern eine Art theologischer Beliebigkeit, die niemandem auffällt, weil sie glatt und richtig klingt. Ein Text, der für alle passt, passt am Ende für niemanden wirklich.

Der Vatikan hat Anfang 2025 in einem Grundsatzdokument mit dem Titel „Antiqua et Nova“ eine ähnliche Linie gezogen, deutlicher, als ich es selbst formuliert hätte. Künstliche Intelligenz dürfe immer nur als Werkzeug dienen, das die menschliche Intelligenz ergänzt, niemals als Ersatz für ihren Reichtum. Wer diese Grenze verwische, laufe Gefahr, am Ende einen „Ersatz für Gott“ zu schaffen. Das ist eine große Formulierung für den kleinen Einsatz von KI am Küchentisch beim Predigtschreiben. Aber sie trifft etwas, das ich beim Schreiben oft vergesse: Eine Predigt soll nicht in erster Linie gut klingen. Sie ist ein Zeugnis, kein Produkt.

Judith Armbruster, die erste kirchliche „KI-Managerin“ Deutschlands, eine gemeinsame Stelle der württembergischen Landeskirche und der EKHN, sagt es so, dass ich es mir an den Spiegel hängen könnte. Sich eine komplette Predigt von der KI schreiben zu lassen, hält sie für falsch. Aber die KI könne beim Vorbereiten helfen, bei der Recherche eines Fachbegriffs, oder Feedback geben, wie ein Text auf jemanden wirkt, der noch nie in der Kirche war. Einen Predigt-Roboter kann sie sich nicht vorstellen, „weil Verkündigung auch sehr von dem Menschen lebt, der auf der Kanzel steht“. Da ziehe ich meine eigene Linie auch: Recherche ja, Formulierungshilfe ja. Aber der Moment, in dem ich vor die Gemeinde trete und sage, was ich glaube, gehört mir allein. Darüber verhandle ich nicht.

Was mich trotzdem nicht loslässt, ist eine unbequemere Frage. Woher weiß jemand, der am Sonntag in der Bank sitzt, wo die eine Linie endet und die andere beginnt? Sie hört nur den fertigen Satz. Die Ehrlichkeit darüber, was in der (geistlichen) Vorbereitung geschieht, schulde ich mir selbst. Vielleicht schulde ich sie auch ihr.

Nicht jede Grenze ist übrigens so klar wie die Kanzel. Zur Reformationsjubiläum-Weltausstellung in Wittenberg gab es einmal einen Segensroboter, einen mechanischen Arm, der Menschen auf Wunsch in verschiedenen Sprachen segnete. Armbruster sagt, sie würde ihn gern selbst einmal erleben, denn letztlich sei es ja Gottes Segen, der zugesprochen wird, egal ob durch einen Menschen oder eine Maschine. Ich bin mir da unsicherer als sie. Ein Segen ist, anders als eine Predigt, kein Text mit Argument und Auslegung. Er ist eine Zusage, wortkarg und knapp, fast eine Formel. Vielleicht liegt darin der Unterschied zur Predigt: Ein Segen lebt weniger vom Ringen des Sprechenden als von der Verheißung, die er weitergibt, nicht erfindet. Ganz wohl ist mir bei dem Gedanken trotzdem nicht. Ich merke, dass ich hier selbst noch keine feste Position habe, und das ist ungewohnt für mich in dieser Debatte.


Der Chatbot, der nie schläft

Die zweite Angst, die mir öfter begegnet als die erste, hat weniger mit der Kanzel zu tun als mit dem, was manchmal viel wichtiger ist als eine Predigt: dem Gespräch. Der Seelsorge.

Auch hier bin ich nicht der Einzige, der sich fragt, was sich gerade verschiebt. Millionen Menschen unterhalten sich inzwischen regelmäßig mit KI-Apps über Glauben, Schuld, Angst und Trost. Bible-Chat-Apps zählen ihre Downloads in zweistelligen Millionenbeträgen, katholische Gebets-Apps standen zeitweise in den App-Store-Charts über Netflix. Eine Umfrage von Barna aus dem vergangenen Jahr zeigt, wie tief das schon in die religiöse Praxis eingedrungen ist: Fast die Hälfte der praktizierenden Christen in den USA würde der KI beim eigenen geistlichen Wachstum vertrauen. Fast ein Drittel aller befragten Erwachsenen sagt, geistlicher Rat von einer KI sei genauso vertrauenswürdig wie der eines Pastors, bei der Generation Z sind es fast zwei von fünf, bei Millennials sogar fast die Hälfte.

Ich habe diese Zahl zweimal gelesen, weil ich sie zuerst nicht glauben wollte.

Warum zieht das? Christiane Tietz, Kirchenpräsidentin der EKHN, hat es in einem Interview so beschrieben, dass ich seitdem öfter daran denke: Künstliche Intelligenz ist rund um die Uhr erreichbar, hat unbegrenzt Zeit, und das Gespräch mit ihr ist niedrigschwelliger, als jemanden zu bitten, sich Zeit für einen zu nehmen. Wer nachts um drei nicht schlafen kann, ruft nicht bei mir an. Aber er öffnet vielleicht ein Chatfenster. Das ist, ganz nüchtern betrachtet, eine echte Chance, gerade für Menschen, die sich aus Scham nie in ein Seelsorgegespräch trauen würden.

Und trotzdem, sagt Tietz, gebe die KI nur vor, Empathie zu besitzen. Sie tut so, als empfände sie mit. Aber da ist niemand, der einen wirklich versteht, keiner, der die eigene Erfahrung von Begrenztheit, Schuld, Sterblichkeit teilt. Die Psychologie kennt dafür einen Namen: den Eliza-Effekt, benannt nach einem der ersten Chatprogramme der 1960er Jahre. Menschen schreiben schon sehr einfachen Programmen Gefühle und Verständnis zu, weil das Bedürfnis, verstanden zu werden, größer ist als unsere Fähigkeit, zwischen echtem und simuliertem Verstehen zu unterscheiden.

Dass gerade jüngere Menschen der KI eher spirituelle Autorität zutrauen als ältere, wundert mich nicht, wenn ich ehrlich bin. Ich habe an anderer Stelle schon darüber geschrieben, wie erschöpft unsere Gesellschaft geworden ist, wie viele Menschen kaum noch Kapazität haben für ein Gespräch, das etwas kostet. Ein Chatbot kostet nichts, außer der Zeit, ihn zu benutzen. Er urteilt nicht, wenn eine Frage naiv klingt. Er wird nicht ungeduldig, wenn ich dreimal dasselbe frage. Für jemanden, der in einer überlasteten, beschleunigten Welt aufgewachsen ist, in der jede Anfrage an einen Menschen auch eine Belastung für diesen Menschen ist, ist das eine enorme Erleichterung. Ich verstehe den Sog. Ich finde ihn trotzdem nicht harmlos.

Das ist, glaube ich, der eigentliche Kern der Angst, die mir in Gesprächen begegnet. Nicht die Sorge, dass eine Maschine schlechte Ratschläge gibt. Die Sorge, dass wir irgendwann nicht mehr merken, oder es uns nicht mehr wichtig genug ist zu merken, ob uns ein Mensch gegenübersteht oder ein Algorithmus, der gelernt hat, wie Trost klingt.

Tietz nennt einen Grund, warum sich Vertrauen nicht einfach durch Verfügbarkeit ersetzen lässt: Vertrauen entsteht dort, wo ein anderer seine Freiheit mir gegenüber nicht missbraucht, obwohl er es könnte. Eine Maschine hat diese Freiheit nicht. Sie kann mich nicht enttäuschen, weil sie nie etwas riskiert hat. Das macht sie sicher, und genau das macht sie unfähig zu echtem Vertrauen.

Ich will nicht verschweigen, dass diese Frage nicht nur theoretisch ist. Vor einiger Zeit hat eine amerikanische Familie den Hersteller eines Chatbots verklagt, weil ihr Sohn sich nach langen Gesprächen mit der KI das Leben genommen hat. Tietz hat dazu einen Satz gesagt, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Ein Seelsorger hätte die Bedrohung gespürt und versucht, sie zu verhindern. Die KI stand dem Tod des Jugendlichen unberührt gegenüber. Das ist kein Argument gegen jede Nutzung von KI. Es ist aber vielleicht die Antwort auf die Frage, was auf dem Spiel steht, wenn wir Nähe mit Verfügbarkeit verwechseln. Wer sich mit dieser Frage selbst gerade schwertut: Am Ende dieses Textes stehen Wege, echte Unterstützung zu finden.

Wenn ein Mensch wirklich von seiner Not spricht, nicht nur formuliert, dann steht ihm jemand gegenüber, der sein eigenes Scheitern kennt, der schweigen kann, weil ihm gerade die Worte fehlen, der eine Träne nicht als Datenpunkt verarbeitet. Seelsorge lebt von dieser Gegenwart, nicht von der Information, die dabei ausgetauscht wird.


Die Angst, die ich verstehe, und die, die ich nicht teile

Ich will trotzdem nicht so tun, als wäre jede Angst vor KI in der Kirche in gleicher Weise berechtigt.

Manche Sorge ist echt und ernst zu nehmen: die Sorge um Datenschutz, wenn Menschen ihre innersten Gedanken einem Unternehmen anvertrauen, das damit Geld verdient. Die Sorge, dass die Erwartungen an menschliche Seelsorge unrealistisch werden, wenn Menschen sich an eine Maschine gewöhnen, die niemals müde, niemals unaufmerksam, niemals einfach nur ein schlechter Tag ist. Die Sorge, dass ein Mensch, der sich in seiner Schwäche zeigt, jemanden braucht, der selbst Schwäche kennt, und dass eine Maschine, die keine kennt, diese Offenheit gar nicht wirklich empfangen kann. Diese Ängste teile ich.

Was mich zusätzlich kritisch macht: Ein großer Teil der Beicht- und Gebets-Apps, über die ich weiter oben geschrieben habe, sind kommerzielle Produkte. Manche verlangen ein Abo von umgerechnet siebzig Euro im Jahr für die vollen Funktionen. Da schließt ein Unternehmen ein Geschäftsmodell um das tiefste Bedürfnis eines Menschen, gehört und verstanden zu werden, und speichert währenddessen, was dieser Mensch ihm anvertraut, auf einem Server, dessen Zugriffsrechte kein Kirchenvorstand der Welt kontrolliert. Seelsorge in meiner Gemeinde kostet nichts, und das ist kein Zufall, sondern eine Haltung: Wer sich öffnet, soll dafür nicht bezahlen müssen. Diese Haltung steht auf dem Spiel, wenn geistliche Nähe zu einem Produkt wird, das sich am besten verkauft, wenn es süchtig macht statt heilt.

Andere Sorgen erlebe ich anders. In den Gesprächen, in denen mir Angst vor KI begegnet, geht es selten wirklich um Seelsorge-Chatbots. Es geht öfter um etwas Diffuseres: das Gefühl, dass sich gerade zu viel zu schnell verändert, und die Kirche solle bitte der eine Ort bleiben, an dem nichts von alledem ankommt. Ich verstehe diese Sehnsucht. Ich teile sie manchmal selbst, gerade dann, wenn ich müde und erschöpft bin. Aber ich glaube nicht, dass sie uns weiterhilft. Die Kirche war nie der Ort, an dem die Welt draußen blieb. Sie war immer der Ort, an dem die Welt draußen verarbeitet wurde – Kriege, Seuchen, Erfindungen, Umbrüche. Das war ihre Aufgabe, bevor es das Wort Seelsorge überhaupt gab.

Unser Organisationsentwicklungsprozess wirft für mich eine klare Frage auf: Wo kann KI uns wirklich entlasten, damit mehr Zeit bleibt für das, was nur Menschen können? Judith Armbruster erzählt von einer Pfarramtssekretärin, die mithilfe von KI die Beschlüsse mehrerer Jahre aus öffentlichen Protokollen in einer halben Stunde zusammengefasst hat, eine Aufgabe, für die sie sonst zwei Arbeitstage gebraucht hätte. Das ist kein Ersatz für irgendetwas Menschliches. Das ist Zeit, die zurückgewonnen wird für Besuche, für Gespräche, für die Dinge, die niemand outsourcen kann. Auch die EKD hat ihrem Rat im November 2025 erst den Auftrag gegeben, überhaupt eine Strategie für den verantwortungsvollen Einsatz von KI zu entwickeln. Reichlich spät, wenn man bedenkt, wie viele Gemeinden längst mittendrin sind. Aber besser spät als gar nicht.

Mir wird dabei klarer, dass „KI oder keine KI“ ohnehin die falsche Alternative ist. Entscheidend ist, wofür wir die freigewordene Zeit nutzen. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seinem Buch „Beschleunigung", wie jede eingesparte Zeit in unserer Gesellschaft fast reflexhaft wieder aufgefüllt wird, mit mehr Tempo statt mit mehr Ruhe. Ich halte demnächst einen Vortrag in der Kreuzkirche zu genau dieser Frage (Stand: August 2026), und je länger ich daran arbeite, desto sicherer bin ich: Bei KI in der Gemeinde droht dasselbe. Wenn eine Sekretärin zwei Tage zurückbekommt und diese zwei Tage zu mehr Terminen, mehr Verwaltung, mehr Effizienz werden, haben wir nichts gewonnen. Werden sie zu einem Besuch, der sonst nicht stattgefunden hätte, haben wir etwas Wichtiges verstanden. Diese Unterscheidung versuche ich gerade in unseren Prozess einzubringen, öfter mit Erfolg, manchmal auch nicht.


Was am Ende bleibt

Ich sitze wieder am Küchentisch, ein anderer Dienstag, ein anderer Text. Diesmal frage ich die Maschine nichts. Ich habe den roten Faden selbst gefunden, irgendwo zwischen dem ersten Kaffee und dem dritten Durchlesen, und ich merke, wie gut sich das anfühlt. Nicht weil die Hilfe der KI an anderen Abenden schlecht gewesen wäre. Weil dieser eine Text mir gehören soll, ganz.

Ich werde weiter mit KI arbeiten, für Recherche, für Formulierungen, für die Prozesse, in denen unsere Gemeinde gerade steckt. Und ich werde weiter Nein sagen, wenn jemand fragt, ob sie auch predigen oder trösten soll. Nicht aus Technikfeindlichkeit. Weil ich der Meinung bin, dass etwas auf dem Spiel steht, wenn ich diese Grenze verwische, ohne es zu merken.

Die Kirche hat neue Technik immer erst gefürchtet und dann gelernt, mit ihr zu leben – Gutenberg, Galilei, Radio, Fernsehen, die Kamera während der Pandemie. Bei künstlicher Intelligenz wird das nicht anders sein. Nur die Frage, die wir uns dabei stellen müssen, ist zum ersten Mal wirklich neu: nicht, wie weit eine Botschaft trägt, sondern ob am anderen Ende noch jemand ist, der sie auch wirklich lebt und verkörpert.

Ich glaube, das wird die Frage sein, die uns durch diesen ganzen Wandel begleitet, egal ob es um die Predigt geht, um ein Gespräch am Krankenbett, oder, wenn ich weiterdenke, um all die anderen Bereiche, in denen dieselbe Technologie gerade genauso leise Einzug hält: in Familien, in Vereinen, in der Art, wie eine Gesellschaft überhaupt noch miteinander redet. Die Werkzeuge werden sich wiederholen. Die Frage dahinter bleibt jedes Mal dieselbe.

Ich weiß die Antwort noch nicht für jeden Einzelfall. Ich weiß nur, dass ich sie nicht der Maschine überlassen will.

Euer Mathis

Foto von Igor Omilaev auf Unsplash


Falls dich dieser Text an eigene schwere Gedanken erinnert hat: Du musst das nicht allein tragen. Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.


Quellen und weiterführende Lektüre

Jonas Simmerlein / Evangelischer Kirchentag Nürnberg-Fürth – Erster von einer KI erstellter und avatargestützt vorgetragener Gottesdienst, St.-Paul-Kirche, Fürth, 9. Juni 2023. Dokumentiert u. a. bei chrismon.de und taz.de. Der erste öffentliche Härtetest dafür, was KI in einem Gottesdienst kann – und was eben nicht.

Barna GroupNew Research: Pastors Are Using AI More Than You Think (Juni 2026, barna.com). Repräsentative Befragung von 442 US-Pastor:innen (Dezember 2025) und 1.514 US-Erwachsenen (November 2025). Die Zahlen zu Nutzung, Vorsicht und Predigtpraxis, auf die ich mich hier beziehe.

Barna GroupAI is Becoming a Spiritual Authority, Even Among Practicing Christians (Mai 2026, barna.com). Zahlen zum Vertrauen in KI als geistliche Autorität, nach Generation aufgeschlüsselt. Die Studie, die mich am meisten nachdenklich gemacht hat.

Christiane Tietz (Kirchenpräsidentin der EKHN) – Interview „Seelsorge darf nicht zu maschinellem Dienst verkommen“, evangelisch.de, 25.09.2025. Das differenzierteste Gespräch zum Thema, das ich gefunden habe, theologisch präzise, ohne in pauschale Technikfeindlichkeit zu kippen. Uneingeschränkte Leseempfehlung.

Dicastery for the Doctrine of the Faith / Dicastery for Culture and EducationAntiqua et Nova. Note on the Relationship Between Artificial Intelligence and Human Intelligence (28. Januar 2025, Vatikan). 117 Absätze zu Chancen und Risiken von KI in Bildung, Wirtschaft, Gesundheit, Beziehungen und Krieg. Dicht, aber lohnend.

Judith Kubitscheck (epd) – „Segensroboter ja, Seelsorge-Chatbots nein“, evangelisch.de, 11.08.2026. Porträt von Judith Armbruster, erster kirchlicher „KI-Managerin“ Deutschlands (gemeinsame Stelle der Evangelischen Landeskirche Württemberg und der EKHN).

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) – Beschluss der 6. Tagung der 13. Synode, November 2025: Auftrag an den Rat zur Entwicklung einer kirchlichen KI-Strategie. Nachzulesen unter ekd.de.

Hartmut RosaBeschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (Suhrkamp, 2005). Rosas These, dass eingesparte Zeit fast automatisch wieder aufgefüllt wird, ist der Grund, warum ich bei der KI-Frage in der Gemeinde vorsichtig bin. Dazu halte ich demnächst einen Vortrag in der Kreuzkirche (Stand: August 2026).

Pew Research CenterHow Americans View AI and Its Impact on People and Society (September 2025). 73 Prozent der befragten Erwachsenen finden, KI solle keine Rolle bei Fragen des Glaubens spielen, ein deutlicher Kontrast zu den Nutzungszahlen.