KI in der Kirche: Die Predigt, die ich nicht allein geschrieben hab
Ich schreibe Predigten mit einer KI, die nie betet. Hier steht, was ich ihr überlasse, wo meine Grenze liegt und was Gemeinden daraus für sich mitnehmen können.

Mit diesem Text beginnt eine Reihe darüber, was künstliche Intelligenz in den nächsten Wochen und Monaten in unserem Leben verändert: in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Familie, beim Camping und im Verein. Ich fange dort an, wo ich beruflich am tiefsten drinstecke.
Ich sitze am Dienstagabend am Küchentisch, wo der Text für Sonntag vor mir liegt, und tippe in ein Chatfenster die Frage, wo in diesem Abschnitt der rote Faden ist. Ein paar Sekunden später kommt die Antwort, und ich nehme sie in unterschiedlichen Richtungen wahr. Manchmal zeigt sie mir eine Verbindung, die ich selbst noch nicht gesehen hatte, oder eine Formulierung, die treffender ist als meine erste. Manchmal ist sie dagegen nur plausibel und trotzdem falsch, theologisch glattgebügelt und ohne die Kanten, die ein Text braucht.
Ich benutze künstliche Intelligenz seit über einem Jahr für Predigten und für Texte aller Art, zur Recherche, zur theologischen Absicherung und zur Deutschprüfung. Sie hilft mir vor allem dann, wenn ich beim dritten Lesen selbst nicht mehr höre, ob ein Satz noch nach mir klingt oder ob ich ihn schon kaputtgedacht habe. Gerade jetzt, mitten in einem Organisationsentwicklungsprozess, in dem unsere Gemeinde neu über sich selbst nachdenkt, ist die KI fast täglich dabei, als eine Art Sparringspartner, wenn ich Optionen durchspiele, bevor ich sie in die Gemeindeleitung und die Gemeindeversammlung trage.
Ich rede lieber darüber, wofür ich Rennrad fahre oder wie ein Fußballverein Nachwuchs findet, als darüber, dass ich als Pastor mit einer KI arbeite, weil es sich anfühlt, als müsste ich mich dafür rechtfertigen. Gleichzeitig sitze ich in Gesprächen, bei einem Kaffee nach dem Gottesdienst, in einem Seelsorgegespräch oder am Rand einer Sitzung der Gemeindeleitung, und höre dort in ganz unterschiedlichen Worten dieselbe Sorge: Wird das hier auch bald von einer KI gemacht? Betet da überhaupt noch jemand für mich, oder wird nur noch etwas generiert? Diese Angst ist nicht albern, und meine Erfahrung im Gespräch mit Menschen zeigt mir, dass sie berechtigter ist, als mir manchmal lieb ist.
Beides ist gleichzeitig wahr: Ich benutze die KI, weil sie mir hilft, und ich verstehe, warum jemand aus meiner Gemeinde beim Gedanken daran unruhig wird. Die meisten Texte über KI und Kirche entscheiden sich für eine Seite, denn entweder ist sie die Zukunft, die wir mutig annehmen müssen, oder die nächste Bedrohung für das, was Kirche ausmacht. Ich glaube, dass beide Lager aneinander vorbeireden, weil sie über zwei verschiedene Dinge sprechen, über KI als Werkzeug für Aufgaben und über KI als Gegenüber im Gespräch, und beides wie dieselbe Frage behandeln. Ich selbst habe eine Weile gebraucht, bis ich die beiden auseinanderhalten konnte.
Wer in einer Gemeinde mitarbeitet und sich fragt, ob KI dort etwas zu suchen hat, sollte nach diesem Text drei Dinge kennen. Das sind die Grenze, die ich bei der Predigt und in der Seelsorge ziehe, die Sorgen vor KI, die ich teile oder nicht teile, und die Frage, wofür wir die Zeit nutzen, die sie uns zurückgibt. Mit diesen drei Dingen im Kopf können Leitung, Mitarbeitende und Gemeindeglieder in der eigenen Gemeinde ein Gespräch über KI beginnen.
Der KI-Gottesdienst in Fürth
Wovor sich viele fürchten, ist schon einmal passiert, nämlich auf dem Evangelischen Kirchentag 2023 in Fürth, wo der Wiener Theologe Jonas Simmerlein ChatGPT beauftragt hat, einen kompletten Gottesdienst zu entwerfen: mit Begrüßung, Psalm, Glaubensbekenntnis, Predigt, Fürbitten und Segen. Vier digital erzeugte Avatare haben den rund vierzigminütigen Ablauf in der St.-Paul-Kirche vorgetragen, projiziert auf eine Leinwand über dem Altar, und etwa 300 Menschen saßen dabei in den Bänken, während auch die Musik von einer KI komponiert war. Ich sehe an diesem Gottesdienst, dass die Frage nach der KI auf der Kanzel kein Gedankenspiel mehr ist.
Die Reaktionen waren gemischt, denn manche haben gelacht, über die monotone Stimme der Avatare und über eine Emotionslosigkeit, die in einem Gottesdienst besonders auffällt, weil dort sonst von Gefühl, Klage und Freude die Rede ist. Andere waren nachdenklich still, und wieder andere wollten schon aus Prinzip nichts davon wissen.
Der Kirchentag ist die größte protestantische Zusammenkunft in Deutschland, mit Zehntausenden Teilnehmenden, Hunderten Veranstaltungen und viel Presse. Der KI-Gottesdienst sollte dort eine Frage öffentlich stellen, bevor sie sich ohnehin stellt: Was passiert, wenn die Technik, mit der wir längst alle arbeiten, auch den heiligsten Moment unserer Woche erreicht? Eine fertige Antwort hatte dieser eine Gottesdienst nicht, aber die Debatte, die er auslösen sollte, läuft bis heute, und auch drei Jahre später merke ich das, wenn ich in Gesprächen davon erzähle.
Was 2023 noch ein mutiges Experiment auf einem Kirchentag war, ist heute in vielen Gemeinden, auch in meiner, stiller Alltag geworden, nur ohne Bühne und ohne Presse. Die Avatare in Fürth konnten einen Ablauf erzeugen, der formal korrekt war. Was einen Gottesdienst zum Gottesdienst macht, konnten sie nicht erzeugen: dass jemand mit eigener Stimme, eigener Geschichte und eigenem Zweifel vor eine Gemeinde tritt und sagt: Ich glaube das, und ich stehe dafür gerade. Eine KI kann einen Gottesdienst halten, wie wir in Fürth gesehen haben, aber ich merke, dass dabei etwas verloren geht, wenn wir sie lassen.
Neue Technik hat die Kirche schon oft erlebt
Ich bin überzeugt, dass diese Angst nicht neu ist, denn die Kirche hat schon mehrmals erlebt, dass eine neue Technik ihr Innerstes zu berühren scheint. Jedes Mal hat sie zuerst mit Furcht reagiert, bevor sie gelernt hat, damit zu leben.
Johannes Gutenberg hat um 1450 die Bibel gedruckt und damit etwas in Bewegung gesetzt, das er selbst nicht vorhersehen konnte, denn immer mehr Menschen konnten die Heilige Schrift selbst lesen, ohne auf die Auslegung eines Priesters angewiesen zu sein. Für die kirchliche Autorität war das eine große Bedrohung, und diese Bedrohung hat keine hundert Jahre später die Reformation mit ermöglicht, weil sich Luthers 95 Thesen ohne den Buchdruck nicht so schnell durch halb Deutschland verbreitet hätten. Ich sehe an Gutenberg, dass eine Technik, die zuerst als Kontrollverlust gefürchtet wurde, zu einem der wirkungsvollsten Werkzeuge der Kirche werden kann.
Einen anderen Bruch erlebte die Kirche, als Galileo Galilei im 17. Jahrhundert mit seinem Fernrohr Beobachtungen machte, die dafür sprachen, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Dabei ging es auch um die Frage, wer bestimmt, was in der Wirklichkeit gilt: die kirchliche Lehre oder das, was ein Mensch selbst beobachten kann. Die Kirche hat diese Frage lange falsch beantwortet, mit Verboten und einem Prozess, den sie erst Jahrhunderte später revidiert hat. Daran sehe ich, dass eine Institution, die eine neue Erkenntnisquelle einfach verbieten will, meistens nicht die Erkenntnis verliert, sondern das Vertrauen der Menschen, die längst weiterdenken.
Im 20. Jahrhundert kamen Radio und Fernsehen, und auch hier gab es zuerst Skepsis, ob das Wort Gottes über einen Lautsprecher wie eine Ware verbreitet werden darf, dann Anpassung und schließlich Übernahme. In den USA sind daraus ganze Fernsehimperien entstanden, mit Verkündigung, die sich dem unterwirft, was Aufmerksamkeit bringt, und mit Predigern, die zu Marken werden und deren Glaubwürdigkeit sich irgendwann an Einschaltquoten bemisst. Diese Warnung war berechtigt, und die Kirche hat sie nicht überall gehört.
Die jüngste Welle vor der jetzigen habe ich selbst mitgemacht, so wie wahrscheinlich jeder Pastor meiner Generation: das Livestreaming während der Pandemie. Über Nacht mussten wir lernen, Gottesdienst vor einer Kamera zu halten statt vor Gesichtern. Ich erinnere mich, wie fremd es sich in den ersten Wochen angefühlt hat, in ein Gerät zu sprechen und zu hoffen, dass am anderen Ende jemand zuhört und nicht nebenbei die Spülmaschine einräumt. Ebenso erinnere ich mich daran, wie schnell es normal geworden ist. Heute streamen wir noch immer, für Menschen, die krank sind, die nicht mehr aus dem Haus kommen oder weit weg wohnen und trotzdem dazugehören wollen. Was als Notlösung begann, ist ein dauerhaftes Werkzeug für Teilhabe geworden, ohne den Gottesdienst vor Ort zu ersetzen. Das gibt mir vorsichtigen Grund zur Hoffnung für die nächste Welle, denn nicht jede neue Technik zerstört am Ende das, wovor wir uns anfangs fürchten, und manche erweitert nur den Kreis derer, die dazugehören.
In allen vier Fällen sehe ich dasselbe: Zuerst gab es die Sorge, kirchliche Autorität werde entwertet, und am Ende war die Reichweite der Kirche größer, allerdings auf Kosten von Nähe, Verbindlichkeit und dem Gefühl, dass jemand da ist.
Bei künstlicher Intelligenz ändert sich das Verhältnis der Kirche zur Technik grundlegend. Der Buchdruck hat eine Botschaft verbreitet und das Radio eine Stimme übertragen, und beides blieb am Ursprung erkennbar menschlich, auch als die Reichweite explodierte. Künstliche Intelligenz kann die Botschaft selbst erzeugen, und sie kann, das ist neu, die Beziehung nachahmen, in der diese Botschaft normalerweise ankommt.
KI bei der Predigtvorbereitung
Mit dem, was ich am Dienstagabend am Küchentisch mache, bin ich nicht allein. Nach einer aktuellen Erhebung der Forschungsorganisation Barna sagen nur 13 Prozent der befragten Pastor:innen in den USA, dass sie gar keine KI verwenden. Die Hälfte nutzt sie zum Brainstorming und gut ein Drittel für theologische Recherche. Ein knappes Viertel nutzt sie inzwischen tatsächlich beim Schreiben oder Überarbeiten von Predigten, doppelt so viele wie noch 2024. Trotzdem beschreiben 71 Prozent ihr Gefühl dabei als vorsichtig und 40 Prozent als zerrissen.
Ich kenne dieses Zerrissensein, denn für mich gibt es einen Unterschied zwischen KI als Werkzeug und KI als Autor, und dieser Unterschied verläuft anders, als ich früher vermutet hätte.
Wenn ich die KI recherchieren lasse, was ein griechisches Wort in verschiedenen Zusammenhängen bedeutet, oder wenn ich sie bitte, meinen Text auf Wiederholungen und unklare Sätze zu prüfen, nutze ich sie wie ein sehr belesenes Nachschlagewerk mit Gedächtnis. Das ändert nichts an dem, was ich sonntags sage, aber es verändert, wie viel Zeit ich für das brauche, was danach kommt.
Anders wird es, wenn ich der KI eine Frage stelle wie: Was können wir aus diesem Text für heute mitnehmen? Dann bekomme ich eine Antwort, die klug klingt und oft sogar trifft, die aber aus einem statistischen Muster über Millionen Texte entsteht. Die KI hat mit dem Text nicht gerungen, ihn nicht mit zu einem Krankenbesuch genommen und nicht mit in eine schlaflose Nacht, in der eine eigene Frage offen geblieben ist. Eine Predigt ist für mich immer auch ein Abbild dessen, was mit mir passiert ist, während ich den Text gelesen habe, und mit diesem Ringen hat die KI nichts zu tun, weil sie keine schlaflosen Nächte hat.
Ich kenne das Gefühl, wenn die KI einen dritten Gedanken vorschlägt, der elegant klingt und theologisch nicht falsch ist, der aber an den Menschen vorbeigeht, die ich beim Schreiben vor Augen habe. Der Vorschlag passt zu jedem Bibeltext dieser Art, nur nicht zu dieser Gemeinde, an diesem Sonntag, nach dieser Woche. Während ich Häresie oder offensichtlichen Unsinn dabei kaum fürchte, sehe ich die größte Gefahr in einer theologischen Beliebigkeit, die niemandem auffällt, weil sie glatt und richtig klingt.
Der Vatikan hat Anfang 2025 in dem Grundsatzdokument „Antiqua et Nova“ eine ähnliche Linie gezogen, und zwar deutlicher, als ich sie selbst formuliert hätte. KI dürfe immer nur als Werkzeug dienen, das die menschliche Intelligenz ergänzt, und nie als Ersatz für deren Reichtum, und wer diese Grenze verwische, laufe Gefahr, am Ende einen „Ersatz für Gott“ zu schaffen. Das ist eine große Formulierung für den kleinen Einsatz von KI beim Predigtschreiben am Küchentisch. Sie erinnert mich an etwas, das ich beim Schreiben oft vergesse: Eine Predigt soll bezeugen, was ich glaube, und dazu muss sie nicht in erster Linie gut klingen.
Judith Armbruster, die erste kirchliche „KI-Managerin“ Deutschlands auf einer gemeinsamen Stelle der württembergischen Landeskirche und der EKHN, hält es für falsch, sich eine komplette Predigt von der KI schreiben zu lassen. Die KI könne aber beim Vorbereiten helfen, etwa bei der Recherche eines Fachbegriffs, und Feedback geben, wie ein Text auf jemanden wirkt, der noch nie in der Kirche war. Einen Predigt-Roboter kann sie sich nicht vorstellen, „weil Verkündigung auch sehr von dem Menschen lebt, der auf der Kanzel steht“. Da ziehe ich meine eigene Linie auch:
Recherche und Formulierungshilfe nehme ich in Anspruch, aber der Moment, in dem ich vor die Gemeinde trete und sage, was ich glaube, gehört mir allein.
Woher weiß jemand, der am Sonntag in der Bank sitzt, wo meine eigene Formulierung endet und die der KI beginnt? Die Hörenden bekommen nur den fertigen Satz zu hören, und deshalb schulde ich mir selbst die Klarheit darüber, was in meiner Vorbereitung von mir stammt und was von der KI, und vielleicht schulde ich sie auch den Hörenden.
Nicht jede Grenze ist so klar wie die Kanzel, und das merke ich am Segensroboter, der bei der Weltausstellung zum Reformationsjubiläum in Wittenberg stand: ein mechanischer Arm, der Menschen auf Wunsch in verschiedenen Sprachen segnete. Armbruster sagt, sie würde ihn gern selbst einmal erleben, denn letztlich sei es Gottes Segen, der zugesprochen wird, egal ob durch einen Menschen oder durch einen Roboter. Ich bin mir da unsicherer als sie, denn ein Segen ist eine Zusage, wortkarg und knapp, fast eine Formel, und anders als eine Predigt hat er weder Argument noch Auslegung. Vielleicht liegt darin der Unterschied zur Predigt: Ein Segen lebt weniger vom Ringen des Sprechenden als von der Verheißung, die er weitergibt und nicht erfindet. Ganz wohl ist mir bei dem Gedanken trotzdem nicht, und ich merke, dass ich hier noch keine feste Position habe, was für mich in dieser Debatte ungewohnt ist.
Seelsorge mit einem Chatbot
Die zweite Angst, die mir öfter begegnet als die erste, hat weniger mit der Kanzel zu tun als mit dem Gespräch, das manchmal viel wichtiger ist als eine Predigt: der Seelsorge.
Auch hier bin ich nicht der Einzige, der sich fragt, was sich gerade verschiebt. Millionen Menschen unterhalten sich inzwischen regelmäßig mit KI-Apps über Glauben, Schuld, Angst und Trost. Bible-Chat-Apps zählen ihre Downloads in zweistelligen Millionenbeträgen, und katholische Gebets-Apps standen zeitweise in den App-Store-Charts über Netflix.
Eine Umfrage von Barna, veröffentlicht im Mai 2026, zeigt, wie tief das schon in die religiöse Praxis eingedrungen ist: Fast die Hälfte der praktizierenden Christen in den USA würde der KI beim eigenen geistlichen Wachstum vertrauen. Fast ein Drittel aller befragten Erwachsenen hält geistlichen Rat von einer KI für genauso vertrauenswürdig wie den eines Pastors, bei der Generation Z sind es fast zwei von fünf und bei den Millennials fast die Hälfte. Dem steht gegenüber, dass nach dem Pew Research Center 73 Prozent der befragten Erwachsenen in den USA finden, KI solle bei Fragen des Glaubens keine Rolle spielen. Die Zahl zum Vertrauen in geistlichen Rat von einer KI habe ich zweimal gelesen, weil ich sie zuerst nicht glauben wollte.
Warum zieht das? Christiane Tietz, Kirchenpräsidentin der EKHN, hat in einem Interview beschrieben, dass KI rund um die Uhr erreichbar ist und unbegrenzt Zeit hat und dass das Gespräch mit ihr niedrigschwelliger ist, als jemanden zu bitten, sich Zeit für einen zu nehmen. Wer nachts um drei nicht schlafen kann, ruft nicht bei mir an, öffnet aber vielleicht ein Chatfenster. Ich sehe darin eine Chance, gerade für Menschen, die sich aus Scham nie in ein Seelsorgegespräch trauen würden.
Trotzdem gebe die KI nach Tietz nur vor, Empathie zu besitzen, denn sie tut so, als empfände sie mit, obwohl dort niemand ist, der die eigene Erfahrung von Begrenztheit, Schuld und Sterblichkeit teilt. Die Psychologie kennt dafür den Eliza-Effekt, benannt nach einem der ersten Chatprogramme aus den 1960er Jahren. Menschen schreiben schon sehr einfachen Programmen Gefühle und Verständnis zu, weil ihr Bedürfnis, verstanden zu werden, größer ist als ihre Fähigkeit, zwischen echtem und simuliertem Verstehen zu unterscheiden.
Dass gerade jüngere Menschen der KI eher geistliche Autorität zutrauen als ältere, wundert mich nicht. Ich habe schon darüber geschrieben, wie erschöpft unsere Gesellschaft ist und wie viele Menschen kaum noch Kapazität für ein Gespräch haben, das etwas kostet, und ein Chatbot kostet nichts außer der Zeit, ihn zu benutzen. Bei ihm muss ich nicht fürchten, dass er eine naive Frage verurteilt oder ungeduldig wird, wenn ich dreimal dasselbe frage. Für jemanden, der in einer überlasteten, beschleunigten Welt aufgewachsen ist, in der jede Anfrage an einen Menschen auch eine Belastung für diesen Menschen ist, bedeutet das eine enorme Erleichterung. Ich verstehe den Sog dieser Erleichterung gut, finde ihn aber nicht harmlos.
In Gesprächen höre ich weniger die Sorge vor schlechten Ratschlägen einer KI. Öfter höre ich die Sorge, dass wir irgendwann nicht mehr merken oder es uns nicht mehr wichtig genug ist zu merken, ob uns ein Mensch gegenübersteht oder ein Algorithmus, der gelernt hat, wie Trost klingt.
Tietz nennt einen Grund, warum sich Vertrauen nicht durch Verfügbarkeit ersetzen lässt: Vertrauen entsteht dort, wo ein anderer seine Freiheit mir gegenüber nicht missbraucht, obwohl er es könnte. Eine KI hat diese Freiheit nicht, denn sie kann mich nicht enttäuschen, weil sie nichts riskiert, und das macht sie zwar sicher, aber auch unfähig zu Vertrauen.
Diese Frage ist nicht nur theoretisch, denn vor einiger Zeit hat eine amerikanische Familie den Hersteller eines Chatbots verklagt, weil ihr Sohn sich nach langen Gesprächen mit der KI das Leben genommen hat. Tietz sagt dazu, ein Seelsorger hätte die Bedrohung gespürt und versucht, sie zu verhindern, während die KI dem Tod des Jugendlichen unberührt gegenüberstand. Das ist kein Argument gegen jede Nutzung von KI, aber ich sehe darin die Antwort auf die Frage, was auf dem Spiel steht, wenn wir Nähe mit Verfügbarkeit verwechseln. Wer sich mit dieser Frage selbst gerade schwertut, findet unter dem Text die Nummer der Telefonseelsorge.
Wenn ein Mensch von seiner Not spricht und sie nicht nur formuliert, steht ihm jemand gegenüber, der das eigene Scheitern kennt, der schweigen kann, wenn ihm die Worte fehlen, und der eine Träne nicht als Datenpunkt verarbeitet.
In der Seelsorge erlebe ich, dass es auf diese Gegenwart eines Menschen ankommt und weniger auf die Information, die dabei ausgetauscht wird.
Welche Sorgen ich teile und welche nicht
Nicht jede Angst vor KI in der Kirche ist gleich berechtigt, aber drei Sorgen teile ich ausdrücklich. Ich teile die Sorge um den Datenschutz, wenn Menschen ihre innersten Gedanken einem Unternehmen anvertrauen, das damit Geld verdient. Ich teile auch die Sorge, dass die Erwartungen an menschliche Seelsorge unrealistisch werden, wenn sich Menschen an eine KI gewöhnen, die nie müde oder unaufmerksam ist und nie einen schlechten Tag hat. Und mir macht Sorgen, dass ein Mensch, der sich in seiner Schwäche zeigt, jemanden braucht, der selbst Schwäche kennt, während eine KI keine kennt und diese Offenheit nicht empfangen kann.
Kritisch macht mich zusätzlich, dass ein großer Teil der Bibel- und Gebets-Apps kommerzielle Produkte sind, von denen manche für die vollen Funktionen ein Abo von umgerechnet siebzig Euro im Jahr verlangen. Da baut ein Unternehmen ein Geschäftsmodell auf dem Bedürfnis eines Menschen auf, gehört und verstanden zu werden, und speichert währenddessen auf einem Server, was dieser Mensch ihm anvertraut, ohne dass eine Gemeinde oder eine Kirche die Zugriffsrechte kontrolliert. Seelsorge in meiner Gemeinde kostet nichts, weil wir die Haltung haben, dass niemand dafür bezahlen soll, sich zu öffnen. Ich sehe diese Haltung in Gefahr, wenn geistliche Nähe zu einem Produkt wird, das sich am besten verkauft, wenn es süchtig macht statt heilt.
Andere Sorgen erlebe ich anders, denn in den Gesprächen, in denen mir Angst vor KI begegnet, geht es selten um Seelsorge-Chatbots. Öfter geht es um das diffuse Gefühl, dass sich gerade zu viel zu schnell verändert, und um den Wunsch, die Kirche solle der eine Ort bleiben, an dem nichts davon ankommt. Diese Sehnsucht verstehe ich, und ich teile sie manchmal selbst, gerade wenn ich müde und erschöpft bin, aber ich glaube, dass sie uns nicht weiterhilft, weil die Welt draußen in der Kirche nie draußen geblieben ist. Dort wurden Kriege, Seuchen, Erfindungen und Umbrüche immer verarbeitet, schon bevor es das Wort Seelsorge überhaupt gab.
Wo kann KI uns in unserem Organisationsentwicklungsprozess entlasten, damit mehr Zeit bleibt für das, was nur Menschen können? Judith Armbruster erzählt von einer Pfarramtssekretärin, die mithilfe von KI die Beschlüsse mehrerer Jahre aus öffentlichen Protokollen in einer halben Stunde zusammengefasst hat, wofür sie sonst zwei Arbeitstage gebraucht hätte. Das ersetzt nichts Menschliches und bringt Zeit zurück für Besuche, für Gespräche und für die Dinge, die sich nicht abgeben lassen. Auch die EKD hat ihrem Rat erst im November 2025 den Auftrag gegeben, überhaupt eine Strategie für den verantwortungsvollen Einsatz von KI zu entwickeln, und das ist reichlich spät, gemessen daran, wie viele Gemeinden längst mittendrin sind.
Mir wird dabei klarer, dass „KI oder keine KI“ die falsche Alternative ist und dass es darauf ankommt, wofür wir die freigewordene Zeit nutzen. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seinem Buch „Beschleunigung“, wie jede eingesparte Zeit in unserer Gesellschaft fast reflexhaft wieder aufgefüllt wird, mit mehr Tempo statt mit mehr Ruhe. Ich halte demnächst einen Vortrag in der Kreuzkirche zu genau dieser Frage (Stand: August 2026), und je länger ich daran arbeite, desto sicherer bin ich, dass bei KI in der Gemeinde dasselbe droht. Wenn eine Sekretärin zwei Tage zurückbekommt und diese zwei Tage zu mehr Terminen, mehr Verwaltung und mehr Effizienz werden, haben wir nichts gewonnen. Werden sie zu einem Besuch, der sonst nicht stattgefunden hätte, haben wir die Zeit für das Richtige genutzt. Diese Unterscheidung versuche ich in unseren Prozess einzubringen, öfter mit Erfolg, manchmal auch nicht.
Was ich mitnehme
Ich sitze wieder am Küchentisch, an einem anderen Dienstag und vor einem anderen Text, und diesmal frage ich die KI nichts, weil dieser eine Text von mir sein soll. Den roten Faden habe ich selbst gefunden, irgendwo zwischen dem ersten Kaffee und dem dritten Durchlesen, und ich merke, wie gut sich das anfühlt, obwohl die Hilfe der KI an anderen Abenden nicht schlecht war. Ich werde weiter mit KI arbeiten, für Recherche, für Formulierungen und für die Prozesse, in denen unsere Gemeinde gerade steckt, und ich werde weiter Nein sagen, wenn jemand fragt, ob sie auch predigen oder trösten soll. Wie sich dieselbe Frage in Familien, im Verein und beim Camping stellt, beschreibe ich in den nächsten Texten dieser Reihe.
Wer in einer Gemeinde Verantwortung trägt und die Frage nach KI vor sich hat, kann drei Gedanken mitnehmen.
Erstens hilft es, KI als Werkzeug und KI als Gegenüber auseinanderzuhalten, denn Recherche und Formulierungshilfe sind etwas anderes als das Wort, mit dem ein Mensch vor der Gemeinde für seinen Glauben einsteht oder einem anderen in seiner Not gegenübersitzt.
Zweitens ist die Angst vieler Gemeindeglieder berechtigter, als wir uns manchmal eingestehen, und sie lässt sich genauer fassen. Die Sorgen um Datenschutz, Geschäftsmodelle und die Erwartungen an Seelsorge verdienen eine Antwort, während sich die Sehnsucht nach einer Kirche ohne Veränderung noch nie erfüllt hat.
Drittens kommt es darauf an, wofür wir die Zeit nutzen, die uns KI zurückgibt, denn ein Besuch, der sonst nicht stattgefunden hätte, ist ein Gewinn, und mehr Termine sind keiner.
So ist es bei uns. Wie ist es bei euch, und wie würdet ihr die folgenden Fragen beantworten?
- Für alle, die predigen oder Gruppen leiten: Welche Teile eurer Vorbereitung habt ihr schon an eine KI abgegeben, und was würdet ihr den Hörenden darüber sagen, wenn sie danach fragen?
- Für Gemeindeleitungen: Wo könnte KI bei euch Zeit sparen, und wofür würdet ihr die gewonnene Zeit einsetzen?
- Für alle in den Bänken: Wie wichtig ist euch zu wissen, ob ein Mensch oder eine KI zu euch spricht, und in welchen Momenten ist es euch am wichtigsten?
Euer Mathis
Foto von Igor Omilaev auf Unsplash
Falls dich dieser Text an eigene schwere Gedanken erinnert hat: Du musst das nicht allein tragen. Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
Quellen und weiterführende Lektüre
Jonas Simmerlein / Evangelischer Kirchentag Nürnberg-Fürth – Erster von einer KI erstellter und avatargestützt vorgetragener Gottesdienst, St.-Paul-Kirche, Fürth, 9. Juni 2023. Dokumentiert u. a. bei chrismon.de und taz.de. Der erste öffentliche Härtetest dafür, was KI in einem Gottesdienst kann und was eben nicht, und für mich der Anlass, die Grenze zwischen Werkzeug und Autor zu ziehen.
Barna Group – New Research: Pastors Are Using AI More Than You Think (Juni 2026, barna.com). Repräsentative Befragung von 442 US-Pastor:innen (Dezember 2025) und 1.514 US-Erwachsenen (November 2025). Die Zahlen zu Nutzung, Vorsicht und Predigtpraxis, auf die ich mich hier beziehe.
Barna Group – AI is Becoming a Spiritual Authority, Even Among Practicing Christians (Mai 2026, barna.com). Zahlen zum Vertrauen in KI als geistliche Autorität, nach Generation aufgeschlüsselt. Die Studie, die mich am meisten nachdenklich gemacht hat.
Christiane Tietz (Kirchenpräsidentin der EKHN) – Interview „Seelsorge darf nicht zu maschinellem Dienst verkommen“, evangelisch.de, 25.09.2025. Das differenzierteste Gespräch zum Thema, das ich gefunden habe, theologisch präzise, ohne in pauschale Technikfeindlichkeit zu kippen. Es liefert mir die Begründung, warum Verfügbarkeit die Gegenwart eines Menschen nicht ersetzt. Uneingeschränkte Leseempfehlung.
Dicastery for the Doctrine of the Faith / Dicastery for Culture and Education – Antiqua et Nova. Note on the Relationship Between Artificial Intelligence and Human Intelligence (28. Januar 2025, Vatikan). 117 Absätze zu Chancen und Risiken von KI in Bildung, Wirtschaft, Gesundheit, Beziehungen und Krieg. Dicht, aber lohnend.
Judith Kubitscheck (epd) – „Segensroboter ja, Seelsorge-Chatbots nein“, evangelisch.de, 11.08.2026. Porträt von Judith Armbruster, erster kirchlicher „KI-Managerin“ Deutschlands (gemeinsame Stelle der Evangelischen Landeskirche Württemberg und der EKHN). Daraus stammen ihre Linie bei der Predigt, der Segensroboter und das Beispiel der Pfarramtssekretärin.
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) – Beschluss der 6. Tagung der 13. Synode, November 2025: Auftrag an den Rat zur Entwicklung einer kirchlichen KI-Strategie. Nachzulesen unter ekd.de.
Hartmut Rosa – Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (Suhrkamp, 2005). Rosas These, dass eingesparte Zeit fast automatisch wieder aufgefüllt wird, ist der Grund, warum ich bei der KI-Frage in der Gemeinde vorsichtig bin. Dazu halte ich demnächst einen Vortrag in der Kreuzkirche (Stand: August 2026).
Pew Research Center – How Americans View AI and Its Impact on People and Society (September 2025). 73 Prozent der befragten Erwachsenen finden, KI solle keine Rolle bei Fragen des Glaubens spielen, ein deutlicher Kontrast zu den Nutzungszahlen von Barna.
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