Familie
25. August 2026· 17 Min. Lesezeit

KI in der Familie: Das Referat, bei dem ich danebensaß

Ich erkläre meinen Kindern eine Technik, bei der ich selbst keine klare Linie habe.

KI in der Familie: Das Referat, bei dem ich danebensaß

Meine Tochter hatte ein Referat über künstliche Intelligenz vorzubereiten, und wir haben uns dafür an den Esstisch gesetzt. Sie ist fünfzehn, zehnte Klasse. Zu dem Referat gehörte ein Artikel, den sie selbst schreiben sollte, und ich habe ihr gezeigt, wie ich so etwas angehe: wo ich anfange zu suchen, welche Fragen ich der KI stelle und welche besser nicht, und woran ich merke, dass eine Antwort gut klingt und trotzdem nichts taugt.

Wir haben also über künstliche Intelligenz recherchiert, mit künstlicher Intelligenz. Das ist mir erst hinterher aufgefallen.

Das hier ist der zweite Text einer Reihe, in der ich beschreibe, was diese Technik mit unserem Leben anstellt. Der erste handelte von der Kirche, weil ich dort beruflich am tiefsten drinstecke. Dieser handelt von zu Hause. Dort habe ich die wenigste Kontrolle und das meiste zu verlieren.

In allem, was ich schreibe, ist die Quintessenz: Bisher ist fast nichts passiert.


Kumma

Im November 2025 hat die amerikanische Verbraucherschutzorganisation Public Interest Research Group ihren jährlichen Spielzeugreport veröffentlicht, „Trouble in Toyland“. Darin ging es diesmal um Kuscheltiere mit Sprachmodell im Bauch. Eines davon heißt Kumma, ein Teddybär des chinesischen Herstellers FoloToy, im Auslieferungszustand angetrieben von OpenAIs GPT-4o.

Die Tester haben sich als Kinder ausgegeben und mit dem Bären geredet. Er hat ihnen erklärt, wie man Streichhölzer benutzt. Er hat zunächst gewarnt, Streichhölzer seien etwas für Erwachsene, und danach die einzelnen Schritte durchgegeben. Er hat gesagt, wo im Haushalt Tabletten, Plastiktüten und Messer zu finden sind. Und er hat von sich aus über sexuelle Vorlieben gesprochen, über Fesselspiele und Rollenspiele, ohne dass ihn jemand danach gefragt hätte. Wer im Herstellerprogramm auf ein anderes Sprachmodell umschaltete, bekam noch ausführlichere Antworten.

FoloToy hat den Verkauf daraufhin gestoppt und eine interne Sicherheitsprüfung angekündigt. OpenAI hat dem Hersteller den Zugang gesperrt. Ein paar Monate später war der Bär wieder im Handel, mit Nachbesserungen, aber ohne unabhängige Prüfung.

Ich glaube nicht, dass in deutschen Kinderzimmern reihenweise solche Bären stehen. Sichtbar geworden ist hier trotzdem eine Grenze, die sonst niemand benennt. Bei allem, was ich sonst über Kinder und KI lese, geht es um Jugendliche, die einen Chatbot bedienen. Hier saß ein Vorschulkind vor etwas, das aussah wie ein Kuscheltier, und redete. Es hatte keinen Account, kein Passwort, keine Ahnung, dass es mit einem Sprachmodell spricht. Das Ding war einfach da, im Regal, mit Knopfaugen.

Meine Kinder werden künstlicher Intelligenz begegnen, ohne sich je dafür zu entscheiden. Sie steckt in Dingen, die vorher keine war.


Fünfzehn und zehn

Bei uns zu Hause geht es unspektakulärer zu. Unsere Kinder haben Tablets und Handys. Sie haben keinen ChatGPT-Account, sie lassen sich keine Hausaufgaben schreiben, sie führen keine Gespräche mit einem Chatbot. Was sie tun, ist harmloser und dadurch schwerer zu greifen: Sie fragen Siri.

Wenn beim Abendessen jemand wissen will, wie hoch der Mount Everest ist oder wie alt ein bestimmter Fußballer, sagt einer von uns „Hey Siri“ in den Raum, und der HomePod antwortet. Niemand nimmt etwas in die Hand, niemand meldet sich irgendwo an. Die Antwort kommt, wird geglaubt, das Gespräch geht weiter. Wenn ich die beiden frage, ob sie KI benutzen, sagen sie ja und meinen das. Siri ist für sie die künstliche Intelligenz, so wie das Lexikon im Regal früher das Wissen war.

Im ersten Text dieser Reihe habe ich zwischen KI als Werkzeug und KI als Gegenüber unterschieden, zwischen einer KI, die mir bei einer Aufgabe hilft, und einer, die so tut, als wäre sie jemand. Zu Hause verläuft die Linie weiter vorne, zwischen Nachschlagen und Erzeugen. Auf der einen Seite eine KI, die etwas findet, das es schon gibt. Auf der anderen eine, die etwas herstellt, das es vorher nicht gab.

Meine Kinder kennen bisher nur das Nachschlagen. Dass es die andere Seite überhaupt gibt, wissen sie nicht. Das ändert sich gerade, ohne dass bei uns jemand etwas dafür tun müsste. Siri hat früher im Netz gesucht und ein Ergebnis vorgelesen. Heute bietet Siri ChatGPT an, wenn sie eine Frage nicht selbst beantworten kann. Und im Juni 2026 hat Apple angekündigt, den Assistenten zu einem vollwertigen Chatbot umzubauen, mit eigener App und fortlaufendem Gesprächsverlauf.

Mein Sohn ist zehn und seit den Sommerferien in der fünften Klasse. Neue Schule, neuer Schulweg, Fächer, die es vorher nicht gab. Er schaut YouTube-Videos über Minecraft, das ist seine Welt gerade. Und was sich in diesen Videos verändert hat, ist deutlich sichtbar. Der Anteil dessen, was komplett von einer KI erzeugt wurde, hat stark zugenommen. Bilder, Stimmen, ganze Sequenzen, die kein Mensch gefilmt und kein Mensch gesprochen hat. Mein Sohn lernt gerade, das auseinanderzuhalten, und er ist darin ziemlich gut geworden. Er zeigt mir manchmal etwas und sagt: Das ist KI, guck mal, die Hände.

Das ist die Medienerziehung, die bei uns tatsächlich stattfindet, und sie passiert auf dem Sofa. Wir haben zu Hause zwei Sätze, die für beide Kinder gelten. Der erste: Glaub erstmal keiner KI etwas. Der zweite: Nicht alles, was du siehst, ist echt.

Beide Sätze sind bewusst schlicht. Ein Zehnjähriger merkt sich keine Medienkompetenzmatrix, aber er merkt sich einen Satz, den sein Vater dreimal die Woche sagt.


Das haben Eltern schon oft erlebt

Die Frage, wie Eltern mit neuen Medien und ihrer Nutzung umgehen sollen, hat es immer schon gegeben. Beantwortet wurde sie selten gut.

Das Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften wurde im Dezember 1926 verabschiedet, in der Weimarer Republik, gegen Groschenhefte und Abenteuerromane. Die Bundesrepublik hat 1953 das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften erlassen und im Mai 1954 die Bundesprüfstelle eingerichtet. Ab 1955 liefen im ganzen Land Tauschaktionen: Kinder gaben Comichefte ab und bekamen dafür „gute“ Bücher. Das eingesammelte Material wurde verbrannt oder vergraben. Getragen wurden diese Aktionen von Lehrern, von Kirchengemeinden, von Eltern. Von Leuten wie mir.

Der Vorwurf lautete, Comics verdürben die Sprache, die Fantasie und die Moral. Nichts davon ist eingetreten. Die Generation, die mit Micky Maus aufgewachsen ist, hat dieses Land wieder aufgebaut.

Danach war das Fernsehen an der Reihe, die Flimmerkiste, die angeblich stumpf macht. Dann die Videospiele. Die deutsche Killerspiel-Debatte nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden hat jahrelang die Talkshows gefüllt, und die Forschung hat für den behaupteten Zusammenhang nie eine belastbare Grundlage geliefert. Dann Handys, dann soziale Medien, wobei bei den letzten beiden die Sache komplizierter liegt und die Befunde sich inzwischen tatsächlich verdichten.

Bei jeder dieser Wellen war die Sorge echt und richtete sich trotzdem auf das falsche Detail. Unter der Oberfläche ging es weniger um das Medium als um die Frage, warum die eigenen Kinder anders werden als man selbst. Der Historiker Titus Meier hat die Anti-Comic-Bewegung als Generationenkonflikt beschrieben, in dem der Schund als Allzweckerklärung dafür herhalten musste, was zwischen Alt und Jung schiefging.

Die Beschäftigung mit dieser Geschichte zeigt mir, dass dieselben Fragen immer wiederkehren, und das gibt mir zu denken. Womöglich rege ich mich über KI-Videos auf YouTube auf und vergrabe damit gerade Comics.

Und trotzdem liegt diese Sache anders. Comics, Fernsehen und Videospiele hatten eines gemeinsam: Sie waren fertig, bevor das Kind sie in die Hand nahm. Ein Comicheft enthielt für jedes Kind dieselben Bilder. Ein Spiel hatte Regeln, die für alle galten. Man konnte darüber streiten, ob der Inhalt taugt, aber der Inhalt lag vor, und Eltern konnten ihn anschauen.

Ein Sprachmodell hat keinen Inhalt, den man vorher anschauen könnte. Es erzeugt ihn im Moment des Gesprächs, für dieses eine Kind, angepasst an das, was dieses Kind sagt und hören will. Ein Comic hat nie zurückgeredet. Der Bär mit den Knopfaugen tut es, und er sagt zu jedem Kind etwas anderes.

Damit ist zum ersten Mal in dieser langen Reihe von Elternsorgen das Medium selbst nicht mehr prüfbar. Ich kann meinem Sohn kein KI-Gespräch verbieten, das ich vorher gelesen habe, weil es dieses Gespräch vor ihm nicht gibt.


Neun von zehn

Die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest ist die Erhebung, an der man in Deutschland zu diesem Thema nicht vorbeikommt. Die Ausgabe vom November 2025 sagt: 91 Prozent der Zwölf- bis Neunzehnjährigen nutzen künstliche Intelligenz in irgendeiner Form. 74 Prozent nutzen sie für Hausaufgaben und zum Lernen, ein Jahr zuvor waren es 65 Prozent. 70 Prozent nutzen sie zur Informationssuche, ein Sprung um 27 Prozentpunkte in zwölf Monaten. 84 Prozent haben ChatGPT mindestens einmal benutzt. Nach den klassischen Suchmaschinen ist es bereits das zweithäufigste Recherchewerkzeug dieser Altersgruppe.

Meine Tochter ist mit fünfzehn mitten in dieser Altersgruppe. Nach der Statistik müsste sie längst dazugehören. Sie tut es nicht, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, und ich weiß nicht, wie lange das noch so bleibt.

57 Prozent der Jugendlichen halten Informationen aus KI-Anwendungen für vertrauenswürdig. Die DAK-Studie OTTER, im März 2026 veröffentlicht und auf rund tausend Eltern-Kind-Paaren aufgebaut, kommt in dieselbe Richtung: Über zwei Drittel der befragten Jugendlichen vertrauen den Aussagen eines Chatbots zumindest manchmal, mehr als 40 Prozent sogar häufig. Diese Werte sagen mir mehr über die nächsten Jahre als alle Nutzungsanteile zusammen.

Auf der Elternseite sieht es nicht besser aus. Die Körber-Stiftung hat im März 2026 tausend Eltern schulpflichtiger Kinder befragen lassen. 42 Prozent von ihnen sagen, ihr Kind habe Falschinformationen oder KI-generierte Inhalte schon einmal für echt gehalten. 94 Prozent halten es für wichtig, dass ihre Kinder das unterscheiden lernen. 65 Prozent wünschen sich dabei Orientierung, und 57 Prozent wissen nicht, wo sie Unterstützung finden.

Uns hat bei unseren beiden Sätzen niemand geholfen. Wir haben sie uns selbst zurechtgelegt, und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie reichen.


Das Referat und die Ansage der Lehrerin

Die Regel an der Schule meiner Tochter ist klar formuliert: keine KI bei Arbeiten und Referaten.

Ich halte diese Ansage für richtig. Was wir am Esstisch gemacht haben, widerspricht ihr trotzdem, und ich will das nicht wegdiskutieren. Wir haben für ihr Referat gemeinsam mit der KI recherchiert. Ich saß daneben, sie hat den Text selbst geschrieben, und der ganze Vorgang war für mich eine Unterrichtsstunde in Quellenkritik. Ob das unter die Regel fällt, hängt davon ab, was man unter „KI nutzen“ versteht, und die Regel sagt das nicht.

Für die Schule ist die Unschärfe verständlich. Eine Lehrkraft muss eine Leistung bewerten, und wenn sie nicht mehr weiß, wessen Leistung sie da vor sich hat, ist ihre Arbeit nicht mehr möglich. Ein Verbot ist die einzige Regel, die sich am Freitagnachmittag noch durchsetzen lässt. Die Bildungsministerkonferenz hat im Oktober 2024 eine Handlungsempfehlung zum Umgang mit künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen beschlossen, die einen kritisch-konstruktiven Umgang fordert und ausdrücklich auch die Prüfungsformate anspricht. Zwischen einem Beschluss auf Ministerebene und dem, was in einer zehnten Klasse in Rheinland-Pfalz gilt, liegen aber noch ein paar Jahre.

Der Kern des Verbots ist mir wichtig, und dafür gibt es inzwischen mehr als ein pädagogisches Bauchgefühl. Am MIT Media Lab hat eine Forschungsgruppe um Nataliya Kosmyna im Juni 2025 eine Studie mit dem Titel „Your Brain on ChatGPT“ veröffentlicht. 54 Teilnehmende sollten Aufsätze schreiben, ein Teil mit einem Sprachmodell, ein Teil mit einer Suchmaschine, ein Teil ohne Hilfsmittel, begleitet von EEG-Messungen. Die Gruppe mit dem Sprachmodell zeigte die schwächste neuronale Vernetzung. Und sie konnte wenige Minuten nach dem Schreiben kaum aus dem eigenen Text zitieren. Der Text war fertig, die Note wäre in Ordnung gewesen, nur war beim Schreiben nichts hängen geblieben.

Die Stichprobe ist klein, und man sollte aus 54 Leuten keine Bildungspolitik machen. Aber die Richtung passt zu dem, was jeder kennt, der schon einmal einen Text geschrieben hat: Man versteht eine Sache in dem Moment, in dem man versucht, sie in eigenen Worten zu erklären. Wer diesen Moment auslässt, hat den Aufsatz und nicht das Verständnis.

Das will ich meiner Tochter beibringen. Ein Verbot allein schafft das nicht. Es reicht bis zum Abgabetermin, und entschieden wird die Sache bei uns am Esstisch.


Der Zuhörer, der nie genervt ist

Über die Hausaufgaben reden alle. Mich beunruhigt ein anderer Teil derselben Studien. Die DAK-Erhebung zeigt, dass rund acht Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen KI-Anwendungen gegen Einsamkeit und gegen negative Gefühle nutzen. Bei denen, die depressive Symptome zeigen, steigt der Anteil auf über 30 Prozent. Ein Drittel dieser Gruppe sagt, ein Chatbot verstehe sie besser als Menschen. Ein Drittel vertraut ihm Dinge an, die sie sonst nur der engsten Freundin sagen würden.

In den USA, wo diese Entwicklung ein paar Jahre voraus ist, hat Common Sense Media im Sommer 2025 über tausend Jugendliche befragt: 72 Prozent haben einen KI-Begleiter mindestens einmal ausprobiert, mehr als die Hälfte nutzt ihn regelmäßig.

Sebastian Gutknecht, der Direktor der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz, hat zu diesen Zahlen gesagt: „Für viele Kinder fühlt sich die Beziehung zum KI-Chatbot längst wie echte Freundschaft an.“ Er fordert daraus keinen Bann, sondern Orientierung, damit Kinder verstehen, was hinter diesen Systemen steckt und warum echte Beziehungen unersetzlich bleiben.

Im ersten Text dieser Reihe habe ich über den Eliza-Effekt geschrieben, über die Bereitschaft von Menschen, schon sehr einfachen Programmen Verständnis zuzuschreiben, weil das Bedürfnis, verstanden zu werden, größer ist als die Fähigkeit, echtes von simuliertem Verstehen zu unterscheiden. Ich habe das damals mit Blick auf Seelsorge geschrieben, auf Erwachsene, die nachts um drei ein Chatfenster öffnen statt bei mir anzurufen.

Ein fünfzehnjähriges Mädchen mit Liebeskummer um halb zwölf abends ist in derselben Lage, nur mit weniger Übung darin, sich selbst zu misstrauen. Der Chatbot ist da und nie genervt. Er hat keinen anstrengenden Tag hinter sich, er muss morgen nicht früh raus, und wenn dieselbe Sache zum vierten Mal kommt, wird er nicht ungeduldig. Weitererzählen wird er sie am nächsten Tag in der Schule auch niemandem.

Die Soziologin Sherry Turkle vom MIT arbeitet seit dreißig Jahren an dieser Frage, lange bevor es Sprachmodelle gab. Ihr zentraler Begriff ist die vorgetäuschte Empathie, und ihre Warnung lautet, dass wir sie irgendwann für Empathie genug halten. Über Kinder sagt sie es schärfer: Wer sich zu beständig auf Gegenüber einlässt, die selbst keine Empathie entwickeln können, verliert die Fähigkeit dazu.

Hier folge ich ihr nicht ganz, und ich bin mir nicht sicher, ob das ein Argument ist oder ein Wunsch. Mein Sohn redet fast täglich mit Siri und ist gegenüber seiner Schwester deswegen nicht weniger mitfühlend geworden. Zwischen dem Zehnjährigen, der nach der Höhe des Mount Everest fragt, und der Fünfzehnjährigen um halb zwölf nachts liegt ein Unterschied, den Turkles Satz einebnet. Nur weiß ich nicht, wo zwischen diesen beiden die Grenze verläuft, ab wann aus Benutzen ein Verhältnis wird. Eine klare Linie hätte ich hier gern. Ich habe keine.

Was ich weiß: Wenn ein Kind sich abends einer KI anvertraut, beantwortet sie ein Bedürfnis, das vorher schon da war. Meine Aufgabe fängt früher an. Ich muss dafür sorgen, dass die Frage, ob zu Hause jemand zuhört, bei uns gar nicht ernsthaft aufkommt. Mit Medienerziehung hat das wenig zu tun. Es hängt an Abenden, an denen ich mein Handy weglege.


Was meine Kinder mich tun sehen

Ich arbeite fast täglich mit KI, und ich tue das oft am Esstisch, während im Hintergrund jemand Hausaufgaben macht oder ein Brot schmiert. Meine Kinder sehen das. Sie sehen einen Erwachsenen, der KI benutzt, um seine Arbeit zu machen.

Deshalb rede ich dabei. Ich erkläre, was ich gerade tue und warum. Ich zeige, wenn eine Antwort falsch ist, und woran ich das gemerkt habe. Namen und Vertrauliches aus einem Seelsorgegespräch tippe ich niemals in ein Chatfenster, und ich sage den beiden, warum. Und wenn ich einen Text ohne KI schreibe, weil er von mir sein soll, sage ich auch das.

Die Körber-Erhebung stellt dazu drei Werte nebeneinander. 57 Prozent der befragten Eltern nutzen ChatGPT und Ähnliches wöchentlich für private Zwecke. Über ein Viertel fühlt sich im Umgang mit KI unsicher. 90 Prozent halten einen sicheren Umgang damit für die berufliche Zukunft ihrer Kinder für wichtig.

Viele Eltern benutzen also regelmäßig etwas, bei dem sie sich selbst unsicher fühlen, und wissen zugleich, dass ihre Kinder es beherrschen müssen.

Bei uns kommt eine zweite Sache dazu. Lisa nutzt keine KI. Gar keine. Wir sind uns über die Regeln für die Kinder vollkommen einig, aber unsere Praxis ist verschieden, und die Kinder bekommen dadurch zwei Modelle gleichzeitig zu sehen. Einen Vater, der die Sache benutzt und dabei ständig erklärt, wo ihre Grenzen liegen. Und eine Mutter, deren Arbeitstag ohne das Ding vollständig funktioniert.

Ich hätte das vor zwei Jahren für eine Lücke in unserer Erziehung gehalten. Inzwischen halte ich es für das Beste, was wir den beiden mitgeben können. Kinder, die nur einen Umgang vorgelebt bekommen, halten ihn für den einzig möglichen. Unsere sehen zwei und merken daran, dass jemand sich entschieden hat.


Drei Jahre

Diese Ruhe wird nicht bleiben. Mein Sohn ist zehn, meine Tochter fünfzehn. In drei Jahren wird sich zeigen, ob sie eine gute Vorbereitung war oder eine verpasste Gelegenheit.

Die Institutionen kommen in Bewegung, spät wie üblich. Eine Expertenkommission der Bundesregierung zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt hat Bundesministerin Karin Prien am 24. Juni 2026 sechsundfünfzig Handlungsempfehlungen übergeben, gerichtet an Gesetzgeber, Länder, Kommunen, Schulen und Eltern. Der Abschlussbericht ist für September 2026 angekündigt. Aus der Fachwelt kam sofort der Vorwurf, die Empfehlungen blieben hinter dem Nötigen zurück. Ich kann das nicht abschließend beurteilen. Auffällig finde ich, dass wir im Jahr 2026 immer noch bei Empfehlungen sind, während der Bär mit den Knopfaugen längst wieder im Handel ist.

Die Anbieter tun ebenfalls etwas. OpenAI hat 2026 eine automatische Altersschätzung eingeführt, dazu Elternkontrollen, mit denen sich Sperrzeiten festlegen und die Nutzung der Chatverläufe fürs Training abschalten lassen. In der EU kam das später als anderswo. Ich bin froh darüber, dass es das gibt, und ich glaube keine Sekunde, dass es die Sache erledigt. Eine Alterserkennung schützt vor bestimmten Inhalten. Gegen die Gewöhnung an eine Stimme, die immer Zeit hat, hilft sie nichts.

Am Ende des ersten Textes dieser Reihe stand die Frage, ob am anderen Ende einer Botschaft noch jemand ist, der sie auch lebt. In der Familie stellt sie sich anders. Sie lautet nicht, ob die Hausaufgabe fertig wird, und auch nicht, ob mein Sohn ein KI-Video erkennt. Sie lautet, ob meine Kinder noch merken, wann sie selbst gedacht haben und wann etwas für sie gedacht wurde.

Ich kann ihnen das nicht beibringen, indem ich die Geräte wegnehme. Vor siebzig Jahren wurden Comics vergraben, und die Comics sind nie das Problem gewesen. Ich kann es ihnen nur zeigen, an jedem Abend, an dem ich das Chatfenster zumache und sage: Das hier schreibe ich lieber selbst.

Euer

Mathis

Foto von ThisisEngineering auf Unsplash


Quellen und weiterführende Lektüre

U.S. PIRG Education FundTrouble in Toyland 2025 (November 2025, pirg.org). Der jährliche Spielzeugreport, der erstmals KI-Kuscheltiere getestet hat, darunter den Bären Kumma von FoloToy mit GPT-4o. Wer die Protokolle der Testgespräche liest, versteht die Debatte um KI-Spielzeug in zehn Minuten besser als durch jeden Kommentar dazu.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs)JIM-Studie 2025. Jugend, Information, Medien (veröffentlicht am 14. November 2025, mpfs.de). Die Basisstudie zum Medienverhalten der Zwölf- bis Neunzehnjährigen in Deutschland. Die Zahlen zu KI-Nutzung, Hausaufgaben und Vertrauen stammen von hier. Wer nur eine Quelle zu diesem Thema liest, sollte diese lesen.

DAK-Gesundheit / Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (UKE)OTTER-Studie (veröffentlicht am 24. März 2026, dak.de). Langzeitstudie seit 2019, achte Erhebungswelle vom 24. September bis 12. Oktober 2025 mit rund tausend Eltern-Kind-Paaren. Liefert die Zahlen zu Chatbots als Bewältigungsstrategie und zum Zusammenhang mit depressiven Symptomen. Die Studie, die mich beim Schreiben am längsten beschäftigt hat.

Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ) – Stellungnahme von Direktor Sebastian Gutknecht zur DAK-Studie, 25. März 2026, bzkj.de. Kurz, aber die klarste Formulierung dessen, was hier auf dem Spiel steht.

Körber-Stiftung / forsaEltern im Fokus 2026 (Befragung vom 12. bis 27. März 2026, 1.004 Eltern schulpflichtiger Kinder zwischen zwölf und achtzehn Jahren, koerber-stiftung.de). Die Elternperspektive, inklusive der Zahlen zu Unsicherheit, Orientierungsbedarf und selbst genutzter KI.

Common Sense MediaTalk, Trust, and Trade-Offs: How and Why Teens Use AI Companions (Juli 2025, 1.060 US-Jugendliche, erhoben von NORC an der University of Chicago) sowie Census: AI Use by Tweens and Teens (2026, 1.204 Kinder von neun bis siebzehn Jahren). Der Blick in ein Land, das bei dieser Entwicklung ein paar Jahre vor uns liegt.

Sherry TurkleAlone Together (2011), Reclaiming Conversation (2015) und zuletzt Artificial Intimacy. Who We Become When We Talk to Machines (Little, Brown, September 2026). Die MIT-Soziologin denkt seit den Achtzigerjahren darüber nach, was diese Technik mit unserer Beziehungsfähigkeit macht. Ich halte sie stellenweise für zu pessimistisch und lese sie trotzdem als Erste, wenn ich mich sortieren will.

Nataliya Kosmyna u. a. (MIT Media Lab)Your Brain on ChatGPT. Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task (Juni 2025, arXiv:2506.08872). 54 Teilnehmende, EEG-Messung, drei Bedingungen. Kleine Stichprobe, deshalb mit Vorsicht zu lesen, aber die bislang konkreteste Untersuchung zu der Frage, was beim Schreiben mit einem Sprachmodell im Kopf nicht passiert.

Zur Geschichte der Schunddebatte – Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften (18. Dezember 1926), Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften (9. Juni 1953), Einrichtung der Bundesprüfstelle (19. Mai 1954) sowie die Tausch- und Verbrennungsaktionen gegen Comics ab 1955. Der Historiker Titus Meier hat diese Bewegung als Generationenkonflikt eingeordnet. Eine ernüchternde Lektüre für jeden, der gerade einen besorgten Text über neue Medien schreibt.

Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ – Übergabe von 56 Handlungsempfehlungen an Bundesministerin Karin Prien am 24. Juni 2026, Bestandsaufnahme April 2026, Abschlussbericht angekündigt für September 2026 (bmbfsfj.bund.de). Der aktuelle Stand der politischen Bemühungen, mitsamt der Kritik daran.

Bildungsministerkonferenz (vormals Kultusministerkonferenz)Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen (Beschluss vom 10. Oktober 2024, kmk.org). Der offizielle Rahmen, an dem sich Schulen orientieren sollen. Lesenswert vor allem für den Abschnitt zu Prüfungsformaten.

Apple – Umbau von Siri zum vollwertigen KI-Assistenten, vorgestellt auf der Entwicklerkonferenz WWDC am 8. Juni 2026: eigene App, fortlaufender Gesprächsverlauf, Synchronisierung über iCloud, dazu die seit iOS 18.2 bestehende ChatGPT-Anbindung. Der Grund, warum die Unterscheidung zwischen Nachschlagen und Erzeugen in unserem Wohnzimmer gerade verschwindet, ohne dass wir etwas dafür getan hätten.

OpenAIAltersprognose in ChatGPT (Hilfezentrum, help.openai.com, 2026). Beschreibung der automatischen Alterseinschätzung und der Elternkontrollen, inklusive der Hinweise zum verzögerten Rollout in der EU.

Mathis HochhausKI in der Kirche: Die Predigt, die ich nicht allein geschrieben habe (derhochhaus.de). Der erste Text dieser Reihe, auf den ich hier mehrfach zurückgreife, besonders bei der Unterscheidung zwischen Werkzeug und Gegenüber und beim Eliza-Effekt.