Gesellschaft
27. Mai 2026· 10 Min. Lesezeit

Ich schaue schon wieder aufs Handy

Samstags kommt die Zeitung. Ich kenne fast alle Artikel schon aus der App. Das Beste sind die Kreuzworträtsel. Das sagt mehr über Nachrichten und uns aus, als mir lieb ist.

Ich schaue schon wieder aufs Handy

Ich schaue schon wieder aufs Handy


Samstags kommt die Zeitung. Das ist bei uns noch so. Eine richtige, gedruckte Zeitung, die jemand in den Briefkasten steckt. Ich freue mich darauf – wirklich. Ich setze mich hin, halte das Ding in den Händen, blättere durch.

Und kenne fast jeden Artikel schon.

Nicht weil ich so gut informiert bin. Sondern weil ich die Artikel unter der Woche bereits in der App gelesen habe. Oder zumindest die Überschriften. Oder die Push-Benachrichtigung. Oder den Tweet dazu. Der Samstagszeitung ist das Wochengeschehen schon entwischt, bevor sie überhaupt gedruckt war.

Das Beste an der Samstagszeitung sind die Kreuzworträtsel.

Ich sage das nicht als Klage. Ich sage das als Diagnose. Denn das, was ich da samstags erlebe, ist eigentlich das Gegenteil von dem, was Nachrichten sein sollten: Ich bin ständig informiert, und trotzdem habe ich das Gefühl, nichts Wichtiges zu wissen. Ich schaue dauernd – und bin trotzdem müde davon.


Das Handy, immer das Handy

Ich weiß, wie es läuft. Ich stehe morgens auf, und noch bevor der Kaffee fertig ist, schaue ich aufs Handy. Nicht weil ich warten kann. Nicht weil es wichtig wäre. Es ist einfach passiert, irgendwann zwischen 2020 und heute, und jetzt gehört es dazu wie Zähneputzen.

Was ist nachts passiert? Was läuft gerade in der Welt? Gibt es etwas, das ich wissen muss?

Meistens: nein. Meistens ist es ein Unfall irgendwo, ein Streit im Bundestag, eine Äußerung, die jemanden aufgeregt hat, eine Zahl, die schlechter ist als letzte Woche. Ich lese es, scrolle weiter, lege das Handy weg. Fünf Minuten später nehme ich es wieder in die Hand.

Das ist keine Neugierde mehr. Das ist etwas anderes.

Forscher nennen es Doomscrolling – das zwanghafte Konsumieren von schlechten Nachrichten, auch wenn man längst erschöpft ist. Der Begriff ist neu, das Phänomen auch. Aber er trifft etwas Echtes. Man liest, weil man aufgehört hat zu entscheiden, ob man lesen will.


Warum wir nicht aufhören können

Es liegt nicht an Schwäche. Es liegt an Biologie.

Unser Gehirn ist so gebaut, dass es auf negative Informationen schneller und stärker reagiert als auf positive. Das nennt sich Negativity Bias – und es ist keine Fehlfunktion, sondern Evolutionsgeschichte. Wer in der Vergangenheit auf Gefahren schnell reagiert hat, hat überlebt. Wer beim Rauschen im Gebüsch entspannt geblieben ist, vielleicht nicht.

Das Problem: Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen dem Tiger im Gebüsch und dem Ticker auf dem Bildschirm. Beides löst denselben Mechanismus aus. Und wer sein Gehirn stundenlang mit Kriegsmeldungen, Wirtschaftszahlen und politischen Krisen füttert, der hält sein Alarmsystem dauerhaft auf Stand-by.

Das erschöpft. Wirklich körperlich: Studien zeigen, dass intensiver Nachrichtenkonsum den Cortisolspiegel erhöht – also das Stresshormon. Man fühlt sich danach nicht informierter. Man fühlt sich schlechter.

Hinzu kommt, was der Psychologe Martin Seligman erlernte Hilflosigkeit genannt hat. Ursprünglich hat er das in der Depressionsforschung beschrieben: Wer wiederholt Situationen ausgeliefert ist, auf die er keinen Einfluss hat, hört irgendwann auf zu reagieren. Überträgt man das auf Nachrichten: Wer Krieg, Klimakrise und wirtschaftlichen Absturz täglich konsumiert, ohne das Gefühl zu haben, irgendetwas daran ändern zu können – der schaltet ab. Nicht weil es ihm egal ist. Sondern weil das System überfordert ist.

Und dann gibt es noch das, was aus der Pflegeforschung stammt und heute auf uns alle zutrifft: Compassion Fatigue. Empathiemüdigkeit. Wer ständig mit fremdem Leid konfrontiert wird – Bilder aus Gaza, Flutopfer, Armutsberichte – erschöpft seine Fähigkeit, wirklich mitzufühlen. Irgendwann ist da einfach nichts mehr. Man ist nicht kalt geworden. Man ist leer.


Das System dahinter

Es wäre bequem, das als persönliches Problem zu behandeln. Als mangelnde Disziplin. Als zu viel Handy.

Aber das greift zu kurz.

Das Reuters Institute for the Study of Journalism veröffentlicht jedes Jahr einen globalen Bericht über Nachrichtenkonsum. Seit 2017 steigt darin eine Zahl konsequent an: der Anteil der Menschen, die Nachrichten bewusst meiden. 2022 waren es weltweit 38 Prozent. In manchen Ländern noch deutlich mehr. Als Hauptgründe nennen sie: zu viel Negatives, zu erschöpfend, das Gefühl, nichts ändern zu können.

Das ist keine Randgruppe von Desinteressierten. Das sind Menschen, die irgendwann entschieden haben: ich brauche das nicht in dem Maß, wie es mir angeboten wird.

Und das Angebot ist riesig. Die Algorithmen auf Social-Media-Plattformen bevorzugen Inhalte, die starke Emotionen auslösen – und Empörung funktioniert dabei am besten. Nicht weil die Betreiber böse sind. Sondern weil Empörung dazu führt, dass man länger scrollt, mehr liked, mehr teilt. Das ist gut fürs Geschäft.

Hinzu kommt ein schwindender Vertrauen in Medien. Der Edelman Trust Barometer misst das jährlich. Das Ergebnis: In vielen westlichen Ländern ist das Vertrauen in Medieninstitutionen auf historischen Tiefständen. Das führt zu einem merkwürdigen Paradox: Man traut den Nachrichten nicht, kommt aber trotzdem nicht weg von ihnen.

Ich finde das ehrlich gesagt erschreckend – nicht weil ich grundsätzlich der Meinung wäre, dass Medien schlecht sind. Ich glaube an guten Journalismus. Ich halte ihn für notwendig. Aber ich merke, dass das System, in dem er stattfindet, Menschen nicht mehr dient, sondern ihre Aufmerksamkeit verwaltet.


Wer davon profitiert

Bis hierhin klingt das alles nach einem System, das niemand absichtlich so gebaut hat. Algorithmen, die Aufmerksamkeit optimieren. Gehirne, die auf Bedrohungen anspringen. Eine Medienlandschaft, die sich selbst in eine Spirale hineingezogen hat.

Das stimmt zum Teil. Aber es wäre naiv, dabei stehenzubleiben.

Denn es gibt politische Akteure, die den Negativity Bias nicht einfach hinnehmen – sondern ihn gezielt einsetzen. Das ist vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums eine Methode, die erstaunlich offen betrieben wird. Die Botschaft ist immer dieselbe: Es ist schlimm. Es wird schlimmer. Und Schuld sind die anderen.

Flüchtlingszahlen werden so präsentiert, dass sie Bedrohung suggerieren, auch wenn die konkreten Zahlen etwas anderes sagen. Einzelne Straftaten werden zu gesellschaftlichen Mustern hochgeschrieben, weil das Alarm auslöst. Komplexe Entwicklungen – Migration, Wirtschaft, Sicherheit – werden auf einfache Feindbilder reduziert. Nicht weil das die Wirklichkeit beschreibt, sondern weil Angst mobilisiert.

Das ist keine neue Beobachtung. Aber es hat in einer Medienwelt, die auf emotionale Reaktionen angewiesen ist, eine neue Qualität bekommen. Wer Panik schürt, bekommt Klicks. Wer Klicks bekommt, bekommt Reichweite. Wer Reichweite hat, setzt die Agenda.

Und das Tückische daran: Auch wer die Inhalte ablehnt, ist längst mittendrin. Man scrollt an einer Schlagzeile vorbei, die Empörung auslöst – und schon hat das Gehirn sie verarbeitet. Man hat sich aufgeregt, vielleicht sogar geteilt, mit dem Hinweis, wie absurd das alles ist. Aber der Algorithmus unterscheidet nicht zwischen Zustimmung und Empörung. Reichweite ist Reichweite.

Der Medienwissenschaftler George Gerbner hat das schon in den 1970er Jahren beschrieben, damals noch mit Blick auf das Fernsehen. Er hat es die Kultivierungstheorie genannt: Wer viele Nachrichten über Gewalt und Bedrohung konsumiert, überschätzt die tatsächliche Häufigkeit von Gewalt in der eigenen Umgebung. Man hält die Welt für gefährlicher, als sie ist – weil das Bild, das man täglich bekommt, ein bestimmtes Bild zeichnet.

Heute passiert das schneller, gezielter und in viel höherer Dosis.

Das bedeutet nicht, dass man gar nichts mehr glauben kann. Aber es bedeutet, dass Nachrichtenkonsum keine neutrale Aktivität ist. Man entscheidet nicht nur, was man liest. Man entscheidet auch, wessen Agenda man mit Aufmerksamkeit versorgt. Und das ist eine Entscheidung, die ich mir öfter bewusst machen möchte – auch wenn ich ehrlich gestehen muss, dass ich es meistens nicht tue.


Informiert sein ist nicht dasselbe wie alles wissen

Hier ist die Frage, die mich wirklich beschäftigt: Was heißt es, gut informiert zu sein?

Ich habe das lange gleichgesetzt mit: viele Nachrichten konsumieren, auf dem neuesten Stand sein, nichts verpassen. Aber das stimmt nicht.

Der Schriftsteller Rolf Dobelli hat 2020 ein Buch veröffentlicht, das provokant argumentiert, man solle Nachrichten komplett aufhören zu lesen. Sein Argument: Nachrichten sind fast nie handlungsrelevant, erzeugen aber dauerhaften Stress und verhindern tiefes Denken. Das ist zugespitzt und an manchen Stellen zu radikal – aber es hat eine echte Frage gestellt, die ich mir seitdem öfter stelle: Was bringt mir das eigentlich?

Wenn ich an einem Dienstagmorgen zehn Minuten durch Schlagzeilen gescrollt habe – bin ich danach besser in der Lage, meinen Tag zu gestalten? Bin ich ein besserer Nachbar, Pastor, Vater? Oder bin ich nur unruhiger, weil ich jetzt weiß, dass irgendwo gerade etwas schlimm ist, das ich nicht ändern kann?

Die ehrliche Antwort: meistens das Zweite.

Das bedeutet nicht, wegzuschauen. Es bedeutet, einen Unterschied zu machen zwischen informiert sein und dauerberieselt werden.


Was hilft – und was nicht

Hier möchte ich konkret werden, weil ich das für den Teil halte, der eigentlich interessiert.

Zeitliche Begrenzung funktioniert. Wer Nachrichten zu festen Zeiten konsumiert – einmal morgens, einmal abends – statt ständig zu checken, berichtet in Studien deutlich weniger Stress. Ich habe mir das vorgenommen. Ob ich es jeden Tag schaffe, ist eine andere Frage. Aber allein die Idee, das Handy nicht als Erstes morgens in die Hand zu nehmen, hat sich für mich schon spürbar ausgewirkt. Das Gehirn braucht Pausen vom Alarmzustand – und der Kaffee schmeckt besser, wenn man nicht gleichzeitig eine Schlagzeile verdaut.

Quellenwahl macht den Unterschied. Wenige, verlässliche Quellen sind besser als endloses Scrollen. Eine gute Zeitung einmal am Tag – oder, ich sage das jetzt mal, die App der Zeitung, die man auch gedruckt bekommt – ist besser als Twitter, Reddit und zehn Push-Benachrichtigungen. Ich habe die meisten News-Apps vom Startbildschirm gelöscht. Nicht als großes Statement, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich sie öffne, ohne es zu wollen.

Aktives Handeln hilft gegen Hilflosigkeit. Wer das Gefühl hat, etwas tun zu können – auch Kleines: bei einer Initiative mitmachen, an einer Wahl teilnehmen, in einem Gespräch präsent sein – leidet weniger unter Nachrichtenmüdigkeit. Das ist kein Zufall. Das Gefühl, nur Zuschauer zu sein, macht krank. Das Gefühl, Akteur zu sein, hilft. Das ist für mich als Pastor vielleicht leichter als für andere – ich bin beruflich darin, mit Menschen zu reden, Dinge anzugehen, vor Ort zu sein. Aber ich glaube, das gilt grundsätzlich.

Konstruktiver Journalismus ist eine echte Alternative. Es gibt eine wachsende Bewegung im Journalismus, die nicht nur Probleme zeigt, sondern auch Lösungen, Entwicklungen, Menschen, die etwas anpacken. Der Begriff dafür ist Solutions Journalism oder Konstruktiver Journalismus. Der dänische Journalist Ulrik Haagerup hat das maßgeblich entwickelt. Es geht nicht um Schönreden. Es geht darum, vollständiger zu berichten. Wer ausschließlich Katastrophen meldet, zeigt nicht die Wirklichkeit – er zeigt einen Ausschnitt davon. Ich suche mir solche Quellen inzwischen bewusst raus. Es verändert etwas.


Was ich daraus mache

Was mich an all dem am meisten beschäftigt, ist nicht die Erschöpfung. Die ist unangenehm, aber sie geht vorbei. Was mich beschäftigt, ist die Frage, wer eigentlich entscheidet, worüber ich mir Sorgen mache.

Wenn ich morgens aufs Handy schaue und zehn Minuten später unruhig bin, dann nicht unbedingt weil die Welt schlechter geworden ist als gestern. Sondern weil jemand – ein Algorithmus, eine Redaktion, ein Politiker, der Panik für seine Zwecke braucht – entschieden hat, was ich als Bedrohung wahrnehmen soll. Das ist ein unangenehmer Gedanke. Aber ich glaube, er stimmt.

Ich will das nicht wegdiskutieren. Und ich will auch nicht in ein Loch fallen, in dem ich gar nichts mehr glaube und gar nichts mehr lese. Das wäre das andere Extrem – und politisch genauso gefährlich. Eine Demokratie braucht Menschen, die informiert sind und urteilen können.

Aber informiert sein und dauerberieselt werden sind zwei verschiedene Dinge. Das ist der Unterschied, den ich inzwischen versuche zu machen – nicht immer erfolgreich, aber mit zunehmend besserem Gewissen, wenn ich das Handy einfach mal weglege.

Und die Samstagszeitung? Die bleibt. Nicht wegen der Nachrichten. Wegen der Kreuzworträtsel.

Das klingt wie ein Witz. Aber ich meine es halb ernst. Das Kreuzworträtsel ist das Einzige in der ganzen Zeitung, das niemand für mich vorentschieden hat. Es fordert etwas von mir, ohne mich aufzuregen. Und es erinnert mich daran, dass Denken auch ohne Alarm geht.

Euer

Mathis

Foto von Obi auf Unsplash


Quellen und weiterführende Lektüre

Reuters Institute for the Study of JournalismDigital News Report (jährlich). Die umfangreichste internationale Studie zu Nachrichtenkonsum und Nachrichtenvermeidung. Kostenlos verfügbar unter digitalnewsreport.org.

Paul Rozin & Edward RoyzmanNegativity Bias, Negativity Dominance, and Contagion (2001). Grundlagenaufsatz zum Negativity Bias in der Psychologie.

Martin SeligmanErlernte Hilflosigkeit (Original: Helplessness, 1975). Klassiker der Depressionsforschung, heute auf viele gesellschaftliche Kontexte übertragbar.

Charles Figley (Hrsg.) – Compassion Fatigue: Coping With Secondary Traumatic Stress Disorder (1995). Ursprünglich aus der Pflegeforschung; der Begriff wird heute auch auf Medienkonsumenten angewendet.

Rolf DobelliStop Reading the News (2020, dt. Stop Reading the News: A Manifesto for a Happier, Calmer and Wiser Life). Provokante These, die eine echte Debatte ausgelöst hat. Einseitig, aber als Denkanstoß lesenswert.

Ulrik HaagerupConstructive News (2014). Plädoyer für eine andere Form des Journalismus. Relevant für alle, die nicht nur klagen, sondern einen Ausweg suchen.

George Gerbner – Kultivierungstheorie (ab 1969, zusammengefasst u. a. in Living with Television: The Violence Profile, 1976). Klassiker der Medienwirkungsforschung: Wie Medienkonsum unser Weltbild formt – und verzerrt.