Frauenfußball in Deutschland – Nischensport oder kurz vor dem Durchbruch?
Ingelheim hat 30.000 Einwohner – und seit 2025 zwei eigenständige Frauenfußballvereine. Als Vereinsvorsitzender sehe ich, wie viel sich gerade bewegt. Und wie viel noch immer im Weg steht.

Frauenfußball: Nischensport oder kurz vor dem Durchbruch?
Ein Blick von unten – aus dem Alltag eines Vereins, der 2025 ganz neu angefangen hat.
Ingelheim hat rund 30.000 Einwohner. Und seit Januar 2025 zwei eigenständige Frauenfußballvereine. Zwei. In einer Stadt dieser Größe ist das ungewöhnlich – fast schon ein bisschen verrückt, wenn man es nüchtern betrachtet. Manche haben uns das auch gesagt.
Einer dieser Vereine ist der FFV Ingelheim. Den haben wir im Januar 2025 gegründet. Nicht weil es kein Angebot gab – es gibt in Ingelheim bereits einen reinen Frauenfußballverein. Sondern weil wir eine eigene Vorstellung davon hatten, wie ein moderner Frauenfußballverein aussehen kann. Was das genau bedeutet, könnte einen eigenen Artikel füllen. Kurz gesagt: Professionelles Auftreten, klare Werte, eine Kultur, die zum Sport passt – und nicht umgekehrt. Reiner Frauenfußballverein. Von null.
Ich bin seitdem Vereinsvorsitzender. Und ich sage das mit einem bestimmten Ton, weil es bedeutet: Ich kenne diese Sportart jetzt von einer Seite, die ich vorher nicht kannte. Nicht vom Sofa aus, nicht aus dem Stadion – sondern von innen. Aus der Verwaltung, den Gesprächen mit dem Verband, den Spieltagen auf Kreisebene, der Suche nach Spielerinnen, den weiten Auswärtsfahrten, den leeren Zuschauerrängen.
Was ich dort gelernt habe: Frauenfußball ist kein Nischensport mehr – und gleichzeitig noch immer einer. Beides stimmt. Und dieser Widerspruch ist es, der das Ganze so interessant und so mühsam macht.
Was die Zahlen sagen – und was sie verschweigen
Wenn man sich nur die Bundesliga anschaut, klingt alles nach Aufbruch. Die Google Pixel Frauen-Bundesliga hat in der Saison 2024/25 über 43 Millionen Euro Gesamtertrag erwirtschaftet – ein neuer Rekord. Der Zuschauerschnitt lag bei 2.692 pro Spiel. Klingt wenig? Im Vergleich zur Saison 2018/19, als 833 Fans im Durchschnitt kamen, ist das mehr als eine Verdreifachung.
Die Nationalmannschaft hat sich Ende 2024 wieder auf Platz drei der Weltrangliste vorgearbeitet. Bei der EM 2025 in der Schweiz lief es durchwachsen – Viertelfinalkrimi gegen Frankreich (6:5 im Elfmeterschießen), dann Halbfinale gegen Spanien verloren. Der DFB hat eine eigene Plattform für Frauenfußball, eine Strategie mit dem Namen „FF27", und ab 2025 starten sechs Bundesligavereine mit neuen Leistungs- und Talentförderzentren.
Alles gut also? Nicht ganz.
Denn wer einen Stock tiefer schaut – in den Amateursport, in die Kreisligen, in die Vereinslandschaft –, sieht ein anderes Bild. Im DFB sind knapp eine Million Frauen und Mädchen registriert. Männliche Mitglieder: rund 4,5 Millionen. Das Verhältnis ist grob 4:1 zugunsten der Männer – und das spiegelt sich in allem wider: in der Anzahl der Mannschaften, der Trainingszeiten, der Plätze, der Ressourcen.
Noch deutlicher wird es bei den aktiven Teams. In der Saison 2012/13 waren knapp 12.500 Frauen- und Mädchenteams im deutschen Spielbetrieb gemeldet. Heute sind es rund 9.150. Das ist ein Rückgang von fast 25 Prozent – während die Mitgliederzahlen gestiegen sind. Das Interesse ist also da. Die Strukturen, es auszuleben, weniger.
Der Alltag im Amateurfußball: Was uns wirklich aufhält
Wer einen Frauenfußballverein gründet, merkt schnell, dass die Probleme anders aussehen als man erwartet.
Das grundlegendste ist schlicht: Es gibt zu wenige Frauen, die Fußball spielen wollen oder können. Nicht weil das Interesse generell fehlt – aber der Pool ist im Vergleich zum Männerfußball noch immer viel kleiner. Das hat Konsequenzen, die man im Spielbetrieb direkt spürt. Viele Vereine schaffen es gar nicht erst in den 11-gegen-11-Spielbetrieb. Sie spielen im 7er- oder 9er-System, weil sie sonst keine vollständige Mannschaft aufbieten können. Manche kommen nicht mal durch eine Saison durch, weil ihnen die Spielerinnen ausgehen – durch Verletzungen, Urlaub, Abgänge. Was im Männerbereich kein Thema ist, kann bei einer Frauenmannschaft existenzbedrohend sein.
Damit hängt ein zweites Problem zusammen: die Entfernungen. Im Männerfußball gibt es auf fast jeder Ebene genug Vereine in der Nähe. Bei den Frauen nicht. Schon auf Kreisebene fahren Teams manchmal eine Stunde oder mehr zum Auswärtsspiel – weil die Dichte an Vereinen einfach nicht da ist. Das kostet Zeit, Geld, Motivation. Gerade für Spielerinnen mit Familie oder Vollzeitjob ist das eine echte Hürde.
Das dritte Problem ist das hartnäckigste, weil es im Kopf sitzt: das Image. Zu Frauenfußballspielen kommen kaum Zuschauer. Nicht weil die Spiele schlecht wären. Sondern weil es für viele Menschen immer noch „nur" Frauenfußball ist. Dieses „nur" höre ich selten laut ausgesprochen, aber ich spüre es an leeren Zuschauerrängen. Familien kommen, Freundinnen kommen – aber die breite Öffentlichkeit? Die kommt nicht. Das ist kein Ingelheimer Problem. Das ist ein strukturelles Problem des gesamten Amateurfrauenfußballs in Deutschland.
Warum das kein Zufall ist
Frauenfußball war in Deutschland bis 1970 offiziell verboten. Der DFB hatte 1955 auf Druck von Vereinen beschlossen, Frauenfußball aus dem organisierten Sport auszuschließen – mit Begründungen, die man heute kaum lesen kann, ohne mit dem Kopf zu schütteln. Das Verbot wurde erst 1970 aufgehoben. Die Frauen-Nationalmannschaft spielte ihr erstes offizielles Länderspiel 1982.
Das ist keine ferne Geschichte. Es ist der Hintergrund, vor dem jeder Aufbauversuch im Frauenfußball noch immer stattfindet. Jahrzehnte fehlender Förderung, fehlender Infrastruktur, fehlender Strukturen hinterlassen Spuren – auch wenn niemand heute mehr dafür verantwortlich gemacht werden kann. Der Abstand, der damals entstand, holt sich nicht in zehn Jahren auf.
Und doch: Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass es geht. Dass man aufholen kann. Dass Investitionen wirken. Die Frauen-Bundesliga hat sich aus dem Nichts zu einer Liga entwickelt, die international wahrgenommen wird. Sie läuft der WSL in England und der D1 Féminine in Frankreich noch hinterher – aber sie läuft.
Was mich trotzdem antreibt
Ich wäre nicht Vereinsvorsitzender des FFV Ingelheim, wenn ich das alles nur als Problemliste sehen würde.
Was ich in diesem ersten Jahr vor allem erlebt habe: wie ehrgeizig diese Frauen sind. Wie ernst sie das nehmen. Sie wollen gewinnen. Sie wollen sich verbessern. Sie investieren Zeit, Energie und Herzblut – mindestens so viel wie jede Männermannschaft, die ich kenne. Von wegen „die spielen halt ein bisschen Fußball". Das Gegenteil ist der Fall.
Und genau das macht das zweite Erlebnis so ärgerlich: Sie werden trotzdem nicht ernst genommen. Nicht immer, nicht überall – aber oft genug, um zu nerven. Ein lokaler Reporter hat einen Artikel über unseren Verein geschrieben. Gut gemeint, nett geschrieben. Aber das Titelbild, das er gewählt hat: zwei unserer Spielerinnen beim niedlichen Torjubel. Nicht im Zweikampf. Nicht beim Kopfball. Beim Jubeln – süß lächelnd. Als wäre das der Kern der Sache. Als wäre das, was diese Frauen ausmacht.
Kleine Szene, großes Symptom. Frauenfußball wird immer noch durch eine bestimmte Brille gesehen – und diese Brille macht aus Sportlerinnen Mädchen, die etwas Nettes machen.
Was mich gleichzeitig umtreibt: dass all das immer noch so viel Überzeugungsarbeit braucht. Dass wir Spielerinnen werben müssen wie andere Vereine Sponsoren. Dass unsere Spielerinnen für ein Auswärtsspiel weiter fahren als ihre männlichen Kollegen es je müssten. Dass wir nach jedem Spiel gegen leere Ränge spielen und trotzdem alles geben.
Die Bundesliga-Zahlen sind wichtig. Sie zeigen, dass das Interesse da ist, wenn das Angebot gut ist. Aber Bundesliga baut man nicht auf, ohne Unterbau. Und der Unterbau – das sind Vereine wie unserer. Kreisligateams. Spieltage auf Aschenplätzen, manchmal mit acht Zuschauern, meistens ohne Tribüne. Das ist die Basis.
Wenn diese Basis fehlt, nützen alle Bundesliga-Rekorde nichts. Wenn sie wächst – und ich glaube, dass sie das gerade tut –, dann kann Frauenfußball in Deutschland wirklich ankommen. Nicht als Nischensport, der gelegentlich die Schlagzeilen dominiert. Sondern als normaler Teil des Sportlebens in diesem Land.
Dafür gründet man Vereine. Auch wenn man dafür ein bisschen naiv sein muss.
Euer Mathis
Foto von Feyza bei Instagram unter fotosvonfeyz
Quellen
DFB (2025). Saisonreport 2024/2025: Google Pixel Frauen-Bundesliga setzt positive Entwicklung fort. https://www.dfb.de/news/saisonreport-2024/2025-google-pixel-frauen-bundesliga-setzt-positive-entwicklung-fort
DFB (2025). Strategie Frauen im Fußball – FF27. https://www.dfb.de/frauen/frauen-im-fussball
Wirtschaftsdienst (2023). Frauenfußball: Stand und Perspektiven eines (lange) vernachlässigten Sports. https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2023/heft/6/beitrag/frauenfussball-stand-und-perspektiven-eines-lange-vernachlaessigten-sports.html
Statista (2025). Mädchen- und Frauenfußball in Deutschland – Daten & Fakten. https://de.statista.com/themen/9160/maedchen-und-frauenfussball/
DOSB (2024). 7.900 Fußballvereine haben eine Frauenmannschaft. https://www.dosb.de/aktuelles/news/detail/7900-fussballvereine-haben-eine-frauenmannschaft
McKinsey (2025). Im Spiel bleiben: Die Frauen-Bundesliga zwischen Wachstum und Wettbewerb. https://www.mckinsey.com/de/~/media/mckinsey/locations/europe%20and%20middle%20east/deutschland/publikationen/2025-01-30%20frauen-bundesliga/frauen-bundesliga%20zwischen%20wachstum%20und%20wettbewerb_mckinsey_vf.pdf
feverpitch.de (2025). Frauenfußball in Deutschland: Zwischen Nationalstolz und strukturellen Baustellen. https://www.feverpitch.de/frauenfussball-in-deutschland-zwischen-nationalstolz-und-strukturellen-baustellen/
Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland. https://frauenfussball-info.de/sport/geschichte-des-frauenfussballs-in-deutschland