Frauenfußball
23. Juni 2026· 11 Min. Lesezeit

Social Media in (m)einem Verein

Frauenfußball in der Region sichtbar machen: Was Social Media für einen kleinen Verein leisten kann – und wie wir es beim FFV Ingelheim angehen.

Social Media in (m)einem Verein

Social Media in (m)einem Verein


  1. Minute. Wir führen 1:0. Ich stehe am Spielfeldrand, und ich habe mein Handy in der Hand.

Nicht weil mir das Spiel egal ist. Ich verfolge jeden Angriff, jeden Zweikampf, ich atme mit. Aber gleichzeitig öffne ich Canva, wähle die richtige Vorlage aus, trage die Minute ein, trage den Spielstand ein, trage den Namen der Torschützin ein. In dem Moment, in dem der Schlusspfiff kommt, ist die Story schon fertig. Exportieren. Posten. Fertig.

Das ist mein Alltag mit Social Media beim FFV Ingelheim.

Ich mache das allein. Für zwei Mannschaften. Neben allem anderen, was das Amt des Vereinsvorsitzenden mit sich bringt: Kommunikation mit dem Verband, Gespräche mit Trainern und Spielerinnen, Verwaltung, Veranstaltungen. Social Media ist nicht mein Job – es ist eine von vielen Aufgaben, die ich nebenbei trage.

Und trotzdem haben wir in unserer ersten Saison eine erkennbare Präsenz aufgebaut. Keine Riesenzahlen. Kein Viral-Moment. Aber einen Account, der zeigt, wer wir sind.

Dieser Artikel ist kein Ratgeber. Ich bin kein Social-Media-Experte. Ich bin Vereinsvorsitzender eines jungen Frauenfußballvereins, der herausfinden musste, was mit den Ressourcen geht, die wir haben. Das hier ist, was ich dabei gelernt habe.


Was ich überhaupt mache

Der FFV Ingelheim ist im Januar 2025 gegründet worden. Zwei Mannschaften. In der ersten Saison haben beide ihre Liga gewonnen und sind aufgestiegen. Und während das auf dem Platz passiert ist, habe ich versucht, das alles sichtbar zu machen – auf Instagram.

Nicht auf Facebook. Nicht auf TikTok. Nicht auf LinkedIn. Instagram.

Das ist eine Entscheidung, keine Nachlässigkeit. Dazu komme ich gleich.

Konkret heißt das: Ich poste Aufstellungen vor dem Anpfiff, Halbzeitergebnisse, Torstories während des Spiels, Ergebnisse, manchmal Spielberichte und gelegentlich Einblicke hinter die Kulissen. Beides – Erste und Zweite – auf demselben Account. Wer uns folgt, kriegt den ganzen Verein.

Das ist alles. Kein Content-Kalender mit 20 Slots pro Monat. Keine Influencer-Kooperation. Kein professionelles Equipment. Ein Handy, Canva und ein Spieltag pro Woche.


Warum Instagram – und nicht alles gleichzeitig

Die Standardempfehlung lautet: Seid überall. Facebook für die Älteren, Instagram für die Jüngeren, TikTok für die Reichweite, WhatsApp für den internen Kanal, YouTube für Spielzusammenfassungen.

Das klingt nach vollständiger Strategie. Es ist ein Rezept dafür, nirgendwo wirklich da zu sein.

Wer Social Media allein betreibt – und bei einem kleinen Verein ist das meistens eine Person oder gar keine –, der kann nicht auf vier Plattformen gleichzeitig gut sein. Überall präsent sein mit zu wenig Zeit bedeutet: überall mittelprächtig. Und mittelprächtig bringt in keinem Kanal etwas.

Ich habe mich für Instagram entschieden, weil dort unsere Zielgruppe ist. Spielerinnen zwischen 20 und 35. Eltern. Interessierte aus der lokalen Sportszene. Potenzielle neue Spielerinnen, die überlegen, ob sie zu uns kommen wollen. Die schauen auf Instagram, nicht auf einer Website und auch nicht auf Facebook. Das ist kein Bauchgefühl: Fast 40 Prozent der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland nutzen Instagram aktiv – mehr als jede andere Altersgruppe (Statista, 2024).

Facebook haben wir auch – aber nicht bespielt. Was auf Instagram geht, erscheint per Verknüpfung auch dort. Das geht mit zwei Klicks. Kein Zusatzaufwand.

TikTok? Nein. Nicht weil TikTok nicht funktioniert. Sondern weil TikTok eine völlig andere Art von Content braucht. Bewegtbild, Schnitte, Musik, Trends aufgreifen, reagieren. Das ist ein Vollzeitjob für sich. Den kann ich nicht nebenher leisten – und wenn ich es halbherzig mache, nützt es dem Verein nichts. Schlechtere Versionen von dem, was andere besser können, braucht niemand.

Besser einen Kanal wirklich führen als drei halbgar.


Was wirklich funktioniert: der Spieltag

Der Spieltag ist der Kern von allem.

Nicht die durchdachten Monatspläne, nicht die professionellen Teamfotos, nicht die sorgfältig formulierten Vereinsmeldungen. Der Spieltag. Der Moment, in dem etwas passiert. Ein Tor. Ein Spielstand nach 45 Minuten. Ein Ergebnis, auf das jemand gewartet hat.

Das ist der Content, bei dem die Leute einschalten. Und das ist gleichzeitig das, was kleine Vereine besser können als große.

Die DFB-Frauen haben einen Kommunikationsstab, der Pressemitteilungen herausschickt und Instagram-Posts nach Plan koordiniert. Ich stehe am Spielfeldrand und poste das Tor, während die Torschützin noch jubelt. Das ist kein Nachteil. Das ist ein Vorteil, den ich als kleiner Verein habe – und den ich nutzen kann.

Das Prinzip dahinter: Live ist besser als aufgeräumt.

Forschung im Sportbereich bestätigt das: Echtzeit-Updates während laufender Spiele erzeugen deutlich mehr Interaktion als nachträgliche Beiträge – Social Media verwandelt passive Zuschauer in aktive Teilnehmer (Sprout Social, 2024). Wer als kleiner Verein schneller ist als die großen Accounts, hat einen echten Vorteil.

Ein Foto vom Spieltag, das in der Halbzeit online geht, übertrifft jedes Bild, das erst drei Tage nach dem Abpfiff erscheint. Menschen wollen wissen, wie es jetzt steht. Und wenn ich derjenige bin, der das liefert – dann sind sie bei uns, nicht woanders.

Damit das in der Praxis funktioniert, habe ich mir ein System aufgebaut, das mit einer Person funktioniert: Canva-Vorlagen. Eine für Tore. Eine für Ergebnisse. Eine für Aufstellungen. Einmal gebaut, immer wieder benutzt. Das Grunddesign ändert sich nicht – nur der Inhalt: Minute, Spielstand, Name. Drei Felder, zehn Sekunden, fertig.

Ähnlich funktioniert es mit dem Spielbericht: Den schreibt Björn – Danke Björn! – und ich füge ihn in die passende Vorlage ein. Fertig. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Aufgaben im Verein verteilt sein können, auch wenn es kein festes Social-Media-Team gibt.

Das klingt nach kleiner Sache. Ist es aber nicht. Wer zu jedem Spieltag neu anfängt, ein Design zu bauen, verliert entweder Zeit oder Konsistenz – beides ist schlimm. Mit festen Vorlagen bin ich schnell genug, um das Tor zu posten, bevor das Netz es weiß. Das ist der eigentliche Vorteil.


Echtheit und Qualität – kein Widerspruch

Ich habe eine Weile gebraucht, das wirklich zu verstehen: Authentizität und Professionalität schließen sich nicht aus.

Echte, direkte Kommunikation muss nicht hemdsärmlig sein. Und professionelles Auftreten muss nicht steril oder distanziert klingen. Was zählt, ist beides zusammen: echter Inhalt, gut gemacht. Kein aufgesetzter Jubel, der nach nichts klingt – aber auch kein unausgegorenes Schnellposting, das nach einem Verein aussieht, dem der eigene Account egal ist.

Das Leitprinzip, das ich dabei verwende, ist das 80/20-Prinzip – auch bekannt als Pareto-Prinzip, nach dem Ökonomen Vilfredo Pareto (1906): 20 Prozent des Aufwands erzeugen 80 Prozent der Wirkung. Für Social Media beim FFV bedeutet das: Die Spieltags-Updates, Ergebnisse und Fotos vom Spieltag sind dieses entscheidende Zwanzig-Prozent. Hier investiere ich die meiste Zeit, hier achte ich auf Qualität, hier gibt es keine Abstriche. Ein Account sieht aus wie der Verein, der dahintersteckt – das darf ich nicht unterschätzen.

Was nicht in diesem Kern liegt, mache ich gut – aber ohne es zu überstrapazieren. Nicht jeder Beitrag braucht dieselbe Energie. Wer alles gleich behandelt, erschöpft sich am Unwichtigen und hat für das Wichtige nichts mehr übrig.

Was dabei enorm hilft – und womit nicht jeder kleine Verein rechnen kann: Wir haben Folker. Er ist Fotograf und kommt regelmäßig zu unseren Spielen. Die Fotos, die er macht, sind professionell und geben unseren Beiträgen auf Instagram eine Qualität, die ich mit dem Handy allein nicht hinbekomme. Das ist kein Selbstverständnis – und deshalb an dieser Stelle ausdrücklich: Danke, Folker!

Die Ausnahme sind die Live-Story-Updates während des Spiels – Tor, Spielstand, Name, fertig. Die sind schnell und template-basiert, und das sollen sie auch sein. Aber sobald es um Fotos im Feed geht: lieber warten, bis das richtige Bild da ist.


Was nicht funktioniert – und was alle sagen, dass es funktioniert

Regelmäßig posten „um des Postens willen" funktioniert nicht. Wenn ich an einem ruhigen Mittwoch ohne Spieltag irgendetwas erfinde, um den Algorithmus zu füttern – ein schönes Vereinsbild, einen Motivationsspruch, ein Jubiläum –, dann ist die Reaktion schwach. Die Leute folgen uns wegen des Fußballs. Nicht wegen der Sprüche. Das hat mich eine Weile gebraucht zu akzeptieren.

Spielerinnen bitten, jeden Post zu teilen, funktioniert auch nicht. Oder: Es funktioniert einmal. Zweimal. Dann nervt es, und die, die teilen sollten, teilen gar nichts mehr. Ich versuche stattdessen, Content zu machen, den Spielerinnen von sich aus teilen wollen. Ein gutes Torfoto von einer bestimmten Spielerin? Die teilt das selbst – ohne dass ich fragen muss. Das ist der Unterschied.

Und: Follower-Zahlen als Erfolgsmessung funktioniert nicht – zumindest nicht in dem Sinn, wie es meistens gemeint ist. Ich habe in dieser Saison nicht versucht, möglichst viele Follower zu bekommen. Ich habe versucht, die richtigen Menschen zu erreichen: lokale Sportbegeisterte, potenzielle Spielerinnen, Eltern, Sponsoren aus der Region. Die wohnen die meisten im Umkreis von 30 Kilometern. Dafür brauche ich keine große Reichweite – ich brauche die richtige.

Bezahlte Posts für einen kleinen Verein ohne Budget sind außerdem meistens hinausgeworfenes Geld. Ein paar Euro für einen Beitrag auszugeben klingt nach einfacher Lösung. Aber wenn der Content nicht gut ist, hilft Reichweite nichts. Und wenn der Content gut ist, brauche ich die bezahlte Reichweite meistens nicht.


Was mit dem Ton passiert – und warum der mehr zählt als das Design

Beim FFV Ingelheim haben wir ein Motto: Semper communis – immer gemeinsam. Das ist nicht nur ein schöner Satz für das Trikot. Das ist eine Haltung, die die Art bestimmt, wie wir miteinander umgehen.

Und das sollte auch auf Instagram zu spüren sein.

Was das bedeutet: Ich schreibe nicht über „unser Team", als wäre es ein Produkt. Ich schreibe als jemand, der mittendrin ist. Wenn etwas nicht so gut läuft, schreibe ich das auch – ohne Schönfärberei und ohne es wegzudiskutieren.

Wenn wir gewinnen, freue ich mich wirklich – und das lasse ich raus. Keine formelle Formulierung, kein Vereinsdeutsch. Ich schreibe, wie jemand schreibt, der dabei war.

Das macht einen Unterschied, auch wenn es sich nicht sofort zeigt. Nach einer Weile kennen Follower den Ton eines Accounts. Sie wissen, was kommt. Und wenn der Ton stimmt – wenn er menschlich klingt, nicht nach Pressestelle –, entsteht so etwas wie Vertrauen. Leute, die dem Account folgen, folgen nicht dem Verein als Institution. Die folgen dem Erzähler dahinter.

Für mich bedeutet das: Ich schreibe, wie ich rede. Nicht aufgeräumter als nötig. Kein Vereinsdeutsch. Keine Passivkonstruktionen. Ich war da, ich habe es gesehen, ich schreibe, was ich gesehen habe.


Die stille Saison: Was tun, wenn nichts passiert?

Winter- und Sommerpause sind die schwierigsten Wochen im Jahr für Social Media. Kein Spieltag, kein Ergebnis, kein Tor. Und damit fällt genau das weg, wofür die Leute dem Account folgen.

Content in dieser Zeit zu finden ist aufwendig – und das ist keine Frage mangelnder Kreativität, sondern ganz einfach so: Im Amateurfußball passiert in der Pause naturgemäß wenig, was es wert wäre, gepostet zu werden. Trainingsauftakt, vielleicht ein Vorbereitungsspiel, gelegentlich eine Personalankündigung. Das war es dann auch meistens.

Und das ist okay.

Ich habe gelernt, den Druck loszulassen, ständig etwas produzieren zu müssen, nur damit der Account nicht einschläft. Ein kleiner Verein, der Social Media ernstnimmt, ist besser dran mit wenig gutem Content als mit viel erzwungenem. Wer in der Pause nichts Sinnvolles zu sagen hat, sagt besser nichts – und nutzt die Zeit stattdessen, um Vorlagen zu bauen, Fotos zu sortieren und sich auf die neue Saison vorzubereiten. Das sieht niemand, aber es zahlt sich aus, wenn es wieder losgeht.


Was ich mir gewünscht hätte, bevor ich angefangen habe

Ich habe in der ersten Saison einiges ausprobiert und einiges bereut. Drei Dinge sind hängengeblieben.

Erstens: Vorlagen von Anfang an. Nicht später, wenn der Stress kommt. Bevor die Saison beginnt, ist noch Ruhe da – die hätte ich nutzen sollen, um ein System aufzubauen. Titelformat. Ergebnisformat. Aufstellungsformat. Einmal gebaut, immer wieder benutzt. Das hätte während der Saison enorm viel Zeit gespart.

Zweitens: Weniger ist mehr. Ich habe in der ersten Hälfte der Saison versucht, jeden Spieltag vollständig zu dokumentieren. Aufstellung, Halbzeitstand, alle Tore, Ergebnis, Spielbericht. Das ist zu viel für eine Person, die das nebenbei macht. Heute priorisiere ich klar: Tore und Ergebnis kommen immer. Der Spielbericht erscheint, sobald Björn ihn geschrieben hat – ich füge ihn nur noch ein. Die Aufstellung, wenn ich rechtzeitig am Platz bin. Was wegfällt, fällt weg.

Drittens: Guter Content entsteht am Spielfeldrand, nicht am Schreibtisch. Ich bin beim Spiel, weil ich Vereinsvorsitzender bin – das ist ein Vorteil, den ich nicht unterschätzen sollte. Wer Social Media für einen Verein betreibt, ohne je dabei zu sein, kämpft gegen einen Nachteil, den kein Algorithmuswissen ausgleichen kann.


Und warum ich es trotzdem tue

Es gibt Spieltage, an denen ich nach Hause komme und denke: Ich hätte das Handy einfach in der Tasche lassen sollen. Einfach zuschauen. Einfach dabei sein, ohne dieses permanente eine Auge auf dem Spielstand und das andere auf Canva.

Aber dann denke ich daran, was Social Media für diesen Verein bedeutet.

Unsere Spielerinnen verdienen es, gesehen zu werden. Der FFV Ingelheim verdient es, öffentlich präsent zu sein. Und unsere Fans – die, die regelmäßig kommen, und die, die es noch werden könnten – verdienen einen Account, der zeigt, wer wir sind und wofür wir stehen.

Das ist die eigentliche Freude daran. Nicht die Zahlen. Nicht der Algorithmus. Sondern dass dieser Verein, diese Spielerinnen und dieser Frauenfußball in Ingelheim ein Gesicht bekommen – öffentlich, sichtbar, mit Stolz.

Social Media für einen kleinen Verein ist ein Marketingtool – aber nicht um Geld zu verdienen oder Ruhm zu ernten. Es geht darum, einen Verein präsent zu halten. Darum, dass die Menschen in der Region wissen, dass es uns gibt, was wir tun und warum es sich lohnt, dabei zu sein. Und darum, Follower mitzunehmen – in die Begeisterung für den FFV Ingelheim.

Das reicht.

Euer Mathis Foto von Berke Citak auf Unsplash


Alle Designs werden mit Canva erstellt. Das Vereinskonto nutzt eine Handvoll fester Vorlagen, die einmal eingerichtet und seitdem immer wieder verwendet werden.


Quellen

  • Statista (2024): Nutzung von Instagram nach Altersgruppen in Deutschland. de.statista.com
  • Sprout Social (2024): How to Use Social Media in Sports to Keep Fans Engaged. sproutsocial.com
  • Pareto, V. (1906): Manuale di economia politica. Ursprung des 80/20-Prinzips.