Familie
30. Juni 2026· 10 Min. Lesezeit

Mit Kindern ins Auto und einfach fahren

Lange Autofahrten mit Kindern müssen keine Qual sein. Was wirklich hilft, aus eigener Erfahrung.

Mit Kindern ins Auto und einfach fahren

Mit Kindern ins Auto. Einfach fahren.


Ich schaue in den Rückspiegel. Beide Kinder singen die Titelmelodie der Drei Fragezeichen mit. Das dritte Mal heute.

Wir fahren gerade durch den Elbtunnel. Sechs Stunden Fahrt, gleich sind wir da.

So sieht das bei uns aus.


Als unsere Tochter klein war, haben wir sechs Stunden von meinen Eltern entfernt gewohnt, nicht als bewusste Entscheidung für die Ferne, sondern weil das einfach die Situation war, in der wir uns befunden haben. Wer uns besuchen wollte, hat einen Reisetag gebraucht, und wir genauso. Kein Wochenendtrip zu Oma und Opa, kein mal schnell rüberfahren.

Damals habe ich das manchmal mühsam gefunden, heute bin ich froh darum.

Weil uns nichts anderes übrig geblieben ist, sind lange Fahrten normal geworden, nicht besonders, nicht aufwändig, einfach das, was man macht, wenn man wohin will. Unsere Tochter ist darin aufgewachsen, und als ihr Bruder dazugekommen ist, war das für ihn von Anfang an keine Frage. Mittlerweile wohnen wir wieder sechs Stunden von meinen Eltern entfernt, und die Kinder kennen die Raststätten, sie kennen das Gefühl, wenn das Navi „Sie haben Ihr Ziel erreicht" sagt und dahinter Omas Haus wartet.


Irgendwann bin ich auf Forschung gestoßen, die erklärt, was meinen Erfahrungen entspricht. Thomas Gilovich von der Cornell University hat in mehreren Studien gezeigt, dass gemeinsam erlebte Erfahrungen langfristig glücklicher machen als materielle Dinge, und dass das besonders gilt, wenn man sie mit anderen teilt. Urlaubserinnerungen verblassen nicht, sie wachsen mit, und „Weißt du noch, als wir in Schweden...?" ist bei uns längst ein eigener Gesprächsmodus geworden. Die Kinder fangen solche Sätze selbst an, ohne dass wir das so geplant hätten.

Marshall Duke und Robyn Fivush von der Emory University haben untersucht, was Kinder wissen, die emotional stabil und resilient sind. Ihr überraschendes Ergebnis: Kinder, die viele Familiengeschichten kennen, die wissen, was der Opa erlebt hat, was beim Urlaub schiefgegangen ist, wie die Eltern sich kennengelernt haben, haben messbar mehr innere Stabilität, weil sie wissen, dass sie zu etwas gehören, das größer ist als sie selbst. Urlaub ist der Ort, an dem diese Geschichten entstehen.


Alle drei Stunden raus. Und einmal McDonald's.

Wir halten uns an einen Rhythmus: ungefähr alle drei Stunden raus, kurz Beine vertreten, frische Luft, Toilette. Nicht länger als nötig, aber konsequent. Die Kinder wissen das, und das hilft tatsächlich, denn wenn man weiß, dass in zwei Stunden eine Pause kommt, hält man die Zwischenzeit besser aus.

Und dann gibt es etwas, das wir sonst nicht tun: McDonald's. Im Alltag essen wir da nicht, aber bei Fahrten über 500 Kilometer ist das den Kindern versprochen, mittags irgendwo an der Strecke. Das ist ein Ritual geworden, auf das sich alle freuen, nicht obwohl es der einzige McDonald's des Jahres ist, sondern genau deshalb. Der Weg nach Skandinavien schmeckt bei uns eben nach Happy Meal, und ich finde das in Ordnung.

Kleine, feste Punkte machen lange Fahrten berechenbarer. Die Kinder fragen nicht mehr ständig nach der nächsten Pause, wenn sie wissen, dass sie kommt.


Drei Fragezeichen

Das Beste, was wir für lange Fahrten entdeckt haben, sind Hörspiele, und wenn ich da eine Empfehlung geben darf: Drei Fragezeichen. Unsere Kinder haben viele Folgen schon auswendig gelernt und hören sie trotzdem immer wieder, weil es nicht ums erste Hören geht, sondern ums Zurückkehren in eine Welt, die man kennt und mag.

Beim Hören bauen Kinder die Szenen selbst auf, ohne vorgefertigte Bilder, ohne Schnitte, ohne Gesichter, die vorgeben, wie jemand aussieht. Das Tablet kann das nicht. Nur Stimmen, Geräusche und das, was das Kind daraus macht. Ich merke das, wenn ich eine neue Folge mitlaufe und danach mein eigenes Bild vom Tatort im Kopf habe, das sich vom Bild der Kinder unterscheidet. Jeder hört dasselbe und sieht etwas anderes.

Am schönsten ist es, wenn wir alle vier zuhören, ohne Kopfhörer, zusammen, und hinterher wird diskutiert, wer der Täter war, ob die Lösung wirklich Sinn ergibt, welche Folge die bessere ist. Unser Sohn hat da sehr klare Meinungen, unsere Tochter auch, und irgendwann ist das zu einer Art Familiensprache geworden.

Ein Tipp noch: Es gibt Jubiläumsfolgen der Drei Fragezeichen, die vier bis fünf Stunden gehen. Auf einer unserer langen Fahrten haben wir eine davon tatsächlich am Stück gehört, vier Stunden lang, und ich glaube, die Frage „Wann sind wir da?" ist in dieser Zeit kein einziges Mal aufgetaucht.


Tablet ja. Stille auch.

Ich will das nicht verschweigen: Auf langen Fahrten gibt es bei uns auch Tablet-Zeiten. Wir klären vorher, wie lange, und dann halten wir uns daran. Das Gerät kommt dran, und es hört auch wieder auf. Was ich dabei bemerkt habe: Kinder, die wissen wann das Tablet kommt, fragen viel seltener danach, während die, die nie sicher sein können, ständig fragen. Wenn es eine Regel gibt, entfällt das Verhandeln.

Und dann gibt es Phasen, in denen nichts läuft, kein Hörspiel, kein Tablet, kein Spiel, einfach Blick aus dem Fenster auf Felder und Windräder. Ich lasse das, mehr als viele Eltern vielleicht, nicht weil ich einen Plan damit verfolge, sondern weil ich über die Jahre gemerkt habe, dass aus diesen stillen Phasen die besten Gespräche kommen. Kein Kind, das gerade einen Film schaut, fragt: „Papa, warum sehen die Autobahnschilder hier anders aus?" oder „Warum heißt das so komisch?" oder bemerkt, dass die Straßenlaternen auf einmal eine andere Form haben.

Teresa Belton von der University of East Anglia hat das untersucht: Langeweile bei Kindern ist kein Problem, das man lösen muss, sondern der Zustand, aus dem Kreativität entsteht, wenn man ihr Raum lässt. Das klingt nach Theorie, aber ich erlebe es auf jeder langen Fahrt.


Was irgendwann wegfällt

Lange haben wir die Klassiker gespielt: „Ich sehe was, was du nicht siehst", Wortketten mit Tieren, bei denen jedes neue Tier mit dem Endbuchstaben des vorherigen beginnen muss, Wörter aus Autokennzeichen bilden, raten wo welches Kennzeichen herkommt. Irgendwann haben diese Dinge ihre Zeit gehabt. Die Kinder werden größer, und man wächst mit. Für uns heißt das jetzt manchmal Hörbücher statt Hörspiele, manchmal längere Gespräche über Dinge, die uns beschäftigen, manchmal gemeinsames Schweigen, das niemanden stört.


„Das würden unsere Kinder nie mitmachen"

Unser liebstes Reiseziel ist Skandinavien, vier Mal sind wir schon dort gewesen, und die Anreise sind zwei Fahrtage, sieben Stunden am ersten, acht am zweiten, mit einer Übernachtung irgendwo in Schleswig-Holstein. Wenn ich das erzähle, kommt oft: „Das würden unsere Kinder nie mitmachen."

Das stimmt wahrscheinlich öfter nicht, als man denkt. Die meisten Kinder machen das mit, wenn sie früh gelernt haben, dass Fahren zum Reisen gehört, nicht als Preis, den man zahlt, sondern als Teil der Sache. Wenn nach Stunden das erste Meer auftaucht, wenn der Geruch sich verändert, wenn die Häuser auf einmal anders aussehen, sehe ich das in den Gesichtern meiner Kinder, und das gibt es nicht im Direktflug. Ob das die Anreise nach Norwegen ist oder der Campingplatz eine Stunde hinter der deutschen Grenze, spielt dabei weniger eine Rolle, als man denkt.


Wenn ich mich mit anderen Eltern unterhalte, merke ich, wie unterschiedlich die Reisestrategien sind. Jede Familie hat ihren eigenen Rhythmus gefunden, und der sieht bei jedem anders aus. Ich kenne Familien, die für 600 Kilometer zwölf Stunden brauchen, weil sie alle halbe Stunde anhalten, die Kinder rauslassen, Pause machen, weiterfahren, wieder anhalten. Das funktioniert für sie. Ich kenne aber auch Familien, die dasselbe mit einer einzigen Pause durchfahren oder gleich gar keine machen. Das funktioniert für die auch.

Ein Trick, den viele empfehlen, ist nachts loszufahren, damit die Kinder im Auto schlafen. Wir haben das probiert. Unsere Kinder schlafen nachts im Auto genauso wenig wie wir schlafen würden, wenn man uns in ein fahrendes Auto setzt, also: gar nicht. Die haben sich das Reisen mit uns angeschaut und beschlossen, dass sie nachts dabei sein wollen. Es gibt Familien, für die das wunderbar klappt. Wir gehören nicht dazu, und deshalb fahren wir lieber tagsüber.


Natürlich ist mir bewusst, dass es ein Privileg ist, das so sagen zu können, denn nicht alle Familien können so reisen. Drei Wochen Urlaub am Stück und zwei Tage Anreise nach Skandinavien sind eine Frage von Arbeitsverhältnissen, Urlaubsregelungen und Geld. Aber die Grundidee, Kinder früh an Fahrten gewöhnen und das Fahren als Teil des Erlebnisses begreifen, das braucht keine große Tour, das geht auch mit drei Stunden Fahrt zum See.


Wir sind keine Reisefamilie geworden, weil wir das geplant hatten. Wir haben weit weg von der Familie gewohnt, und irgendwann haben wir aufgehört, die langen Strecken als Nachteil zu sehen. Die Hörspiele, die Raststätten, der McDonald's irgendwo in der Mitte, das gehört jetzt dazu, und das, woran sich die Kinder noch in zehn Jahren erinnern werden, ist nicht das Fjord-Foto, das ich gemacht habe, sondern das, was unterwegs war.

Ich vermute, das kennen viele.

Euer Mathis

Foto von Matt Foxx auf Unsplash


Quellen und weiterführende Lektüre

Thomas GilovichA Wonderful Life: Experiential Consumption and the Pursuit of Happiness (Journal of Consumer Psychology, 2015). Gilovich hat wiederholt nachgewiesen, dass gemeinsam erlebte Erfahrungen langfristig mehr Zufriedenheit erzeugen als materielle Anschaffungen, und dass dieser Effekt bei geteilten Erlebnissen besonders stark ist.

Marshall Duke & Robyn FivushThe Do You Know Scale (Emory University, 2003 ff.). Die beiden Psychologen haben gezeigt, dass Kinder, die viele Familiengeschichten kennen, emotional stabiler und resilienter sind. Ein guter Einstieg: Fivushs Buch Family Narratives and the Development of an Autobiographical Self (2011).

Teresa Belton & Esther PriyadharshiniIn Praise of Boredom (Journal of Curriculum Studies, 2007). Einer der wenigen wissenschaftlichen Texte, die Langeweile nicht als Problem, sondern als Ressource beschreiben. Die Autorinnen argumentieren, dass unstrukturierte Zeit eine notwendige Voraussetzung für kreative Entwicklung bei Kindern ist.