Kirche
23. Mai 2026· 14 Min. Lesezeit

Was die Kirche aus Pfingsten gemacht hat

2000 Jahre Kirchengeschichte – und ein Geist, der sich nicht einsperren ließ.

Was die Kirche aus Pfingsten gemacht hat

Was Pfingsten mit der Kirche gemacht hat


Pfingsten ist das Fest, das die meisten Kirchenmitglieder kennen und kaum jemand erklären kann. Weihnachten: Baby in der Krippe, Licht im Dunkel. Ostern: Auferstehung, Tod überwunden. Pfingsten: ... Heiliger Geist? Feuerzungen? Windbrausen?

Dabei war Pfingsten der Moment, der die Kirche erst zu dem gemacht hat, was sie danach wurde. Alles, was folgte – die Ausbreitung durch die Antike, die Institutionalisierung unter Konstantin, die Reformation, die Erweckungsbewegungen, die globale Pfingstbewegung heute – hat dort seinen Ursprung. Nicht in einer Lehre. Nicht in einer Struktur. In einem Ereignis.

Ich möchte dieses Ereignis anschauen, die Spur durch die Kirchengeschichte verfolgen, und am Ende eine Frage stellen: Was kann eine Kirche sein, die sich wieder daran erinnert, wie sie angefangen hat?


Jerusalem, Pfingsten – 30 n. Chr.

Was wir über diesen Tag wissen, stammt aus der Apostelgeschichte – dem zweiten Teil des Lukasevangeliums, geschrieben vermutlich in den 80er Jahren des ersten Jahrhunderts. Lukas war kein Augenzeuge, aber er hat Quellen gesammelt und aufgeschrieben, was von diesem Ereignis überliefert war. Das ist das Zeugnis, auf das sich die Kirche bis heute beruft.

50 Tage nach Ostern. Die Jünger Jesu sind in Jerusalem, ungefähr 120 Menschen. Sie warten, weil Jesus von einem "Helfer" gesprochen hatte, der kommen soll. Was das bedeutet, wissen sie nicht.

Dann passiert etwas.

Ein Brausen wie ein heftiger Wind füllt das Haus. Über jedem der Anwesenden erscheint etwas, das wie eine Feuerflamme aussieht. Und alle fangen an zu reden – in Sprachen, die sie nicht gelernt haben. Draußen auf der Straße stehen Pilger aus einem Dutzend Länder: Parther, Meder, Kreter, Araber. Sie hören, wie Menschen aus Galiläa in ihrer Muttersprache über Gott reden. Jeder in seiner eigenen.

Das ist kein geordneter Gottesdienst. Das ist Lärm, Durcheinander, Aufruhr. Die erste Reaktion der Umstehenden ist: Die müssen betrunken sein.

Petrus hält eine Rede. Er zitiert den alten Propheten Joel: "In den letzten Tagen wird Gott seinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden prophezeien." Das ist der Schlüsselsatz. Nicht: Gott gibt seinen Geist den Priestern. Nicht: Gott gibt seinen Geist den Gebildeten, den Männern, den Frommen. Über alles Fleisch. Ohne Vorbedingung. Ohne Hierarchie.

Joel hatte diesen Text rund 800 Jahre vorher geschrieben. Für die Menschen, die diesen Tag in Jerusalem erlebt haben, ist das kein theologisches Konzept. Das ist Erfüllung. Das ist: Es passiert gerade, was immer versprochen war.

An diesem Tag lassen sich 3.000 Menschen taufen.

Was an Pfingsten passiert, ist keine Gründungsversammlung. Kein Vorstand wird gewählt, keine Satzung beschlossen, keine Strategie entwickelt. Eine Kraft bricht in eine Gruppe von verängstigten, erwartungsvollen Menschen hinein – und setzt sie in Bewegung. Das ist der Anfang.

Was folgt, ist eine der folgenreichsten Kettenreaktionen der Menschheitsgeschichte. Nicht weil eine Idee überzeugend war. Sondern weil Menschen etwas erlebt haben und nicht aufhören konnten, davon zu reden.


Die erste Generation: Feuer ohne Ordnung

Die frühe Kirche ist kein geordneter Verein. Sie ist eine Bewegung, die alle überfordert – auch die, die dabei sind.

In Jerusalem teilen die ersten Christen alles: Besitz, Mahlzeiten, Zeit. Das klingt utopisch. Die Apostelgeschichte beschreibt es nüchtern als Tatsache. Es funktioniert, weil eine gemeinsame Erfahrung dahintersteht, die niemand von außen verordnet hat. Die Gemeinschaft entsteht nicht durch Satzung, sondern durch das, was alle erlebt haben.

Paulus schreibt dann Briefe quer durch den Mittelmeerraum – und versucht, die Kurve zu kriegen. In Korinth ist es besonders lebhaft: Alle reden in Zungen gleichzeitig. Jeder hat eine Offenbarung, einen Psalm, eine Prophetie. Die Gottesdienste enden vermutlich im heiligen Durcheinander. Frauen reden, Sklaven reden, alle reden – das ist für die Antike eine soziale Sprengkraft.

Paulus bremst nicht den Geist. Aber er setzt Orientierung: "Wenn alle in Zungen reden und es kommen Außenstehende herein, werden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?" Er besteht darauf: Alles geschieht zur Erbauung. Einer nach dem anderen. Lieber fünf Sätze, die alle verstehen, als tausend Worte, die niemanden erreichen.

Das ist das erste Spannungsfeld, das Pfingsten aufwirft: Geist und Struktur. Freiheit und Form. Feuer und Ordnung.

Die frühe Kirche löst dieses Spannungsfeld nicht elegant. Sie lebt darin. Und das scheint zu funktionieren – weil die Energie real ist, weil die Gemeinschaft real ist, weil Menschen miterleben, dass etwas passiert, das sie nicht selbst gemacht haben. Die ersten Berichte über die Ausbreitung des Christentums sind voll von Heilungen, Träumen, Begegnungen – Dinge, die sich nicht erklären lassen, aber Menschen bewegen. Nicht Argumente, sondern Erfahrungen.

Das ist der Motor der ersten Generation.


Als die Kirche groß wurde

313 n. Chr. ist ein Datum, das die Kirchengeschichte teilt.

Kaiser Konstantin erklärt das Christentum zur geduldeten Religion des Römischen Reiches. Aus einer verfolgten Minderheit wird innerhalb weniger Jahrzehnte die Staatsreligion. Christen, die noch kurz vorher im Kolosseum gestorben sind, sitzen jetzt in Regierungsgebäuden.

Was das mit dem Heiligen Geist macht, ist die eigentlich interessante Frage.

Der Geist – dieser ungeplante, unsteuerbare, alle Grenzen überschreitende Geist von Pfingsten – passt schlecht in eine Staatskirche. Eine Staatskirche braucht Verlässlichkeit. Klare Zuständigkeiten. Hierarchien. Vorhersagbarkeit.

Also wandert der Heilige Geist in die Sakramente. Er ist jetzt gebunden an Taufe, Abendmahl, Ordination. Er kommt über den Priester, der ihn von Bischöfen übertragen bekommen hat, die ihn von den Aposteln übertragen bekommen haben sollen. Apostolische Sukzession nennt man das – eine lückenlose Kette von Handauflegungen durch die Jahrhunderte.

Das ist kein böser Plan. Es ist der Versuch, das Pfingstfeuer zu bewahren und weiterzugeben – in einer Form, die sich institutionell verwalten lässt.

Aber es hat einen Preis. Der Geist wird berechenbar. Er kommt, wenn der Priester ihn ruft. Er spricht durch ordinierte Amtsträger. Er fährt nicht mehr in Gruppen von Nicht-Experten hinein und lässt sie in fremden Sprachen reden – ohne Abschluss, ohne Amt, ohne Erlaubnis.

Die Mystiker des Mittelalters reagieren auf diese Enge. Hildegard von Bingen – geboren in Bermersheim vor der Höhe, keine 20 Kilometer von hier, Gründerin des Klosters auf dem Rupertsberg bei Bingen – berichtet von Visionen, die sie nicht erklären kann, und schreibt sie trotzdem auf, weil sie glaubt, dass Gott durch sie spricht. Meister Eckhart beschreibt eine unmittelbare Gottesnähe, die keine priesterliche Vermittlung braucht: Gott im Grund der Seele, erfahrbar ohne Sakrament. Johannes Tauler, Katharina von Siena, Jan van Ruusbroec – sie alle erleben etwas, das sich der kirchlichen Struktur entzieht. Die Kirche sieht das ambivalent: Manchmal toleriert sie es. Manchmal verurteilt sie es. Manchmal tut sie beides gleichzeitig.

Was die Mystiker gemeinsam haben: Sie suchen nicht nach dem Geist in den offiziellen Kanälen. Sie suchen ihn in der Stille, im Gebet, in der inneren Erfahrung. Das ist kein Aufstand gegen die Kirche. Aber es ist ein stilles Signal: Was Pfingsten ausgelöst hat, lässt sich nicht vollständig institutionalisieren.

Der Geist hat sich nicht endgültig domestizieren lassen. Aber er ist in die Nischen gedrängt worden.


Reformation: Der Streit ums Feuer

Martin Luther erschüttert 1517 die Kirche. Er setzt Sola Scriptura auf die Fahne – allein die Schrift. Das ist ein Aufstand gegen Tradition, gegen Hierarchie, gegen den Priester als notwendigen Mittler zwischen Mensch und Gott.

Aber Luther bekommt dabei ein Problem: Wenn jeder die Bibel selbst lesen kann, dann kann auch jeder behaupten, der Heilige Geist habe ihm etwas gesagt.

Genau das passiert.

Thomas Müntzer, ein Zeitgenosse Luthers, spielt den Geist gegen die Schrift aus. Nicht die Bibel, sondern die innere Offenbarung ist die Autorität. Das Pfingstfeuer ist direkt – ohne Buch, ohne Priester, ohne Universität. Die Zwickauer Propheten sagen dasselbe. Der Geist spricht ihnen unmittelbar, und wer den Geist hat, braucht keine äußere Instanz mehr.

Luther ist entsetzt. Er nennt sie "Schwärmer" – ein Wort, das bis heute abwertend mitschwingt. Sein Argument: Wer dem inneren Erlebnis mehr traut als dem Wort, landet im Chaos. Im Bauernkrieg. In Gewalt.

Er hat nicht ganz Unrecht. Müntzer endet 1525 am Galgen. Der Bauernkrieg endet in einem Massaker, bei dem mehr als 70.000 Menschen sterben.

Aber Luther verliert dabei etwas. Er zieht die Grenzen so eng, dass der Heilige Geist im Wesentlichen auf die Predigt beschränkt wird. Der Geist wohnt im Wort. Er bewegt Herzen beim Hören der Schrift. Er inspiriert Prediger und Theologen. Das ist viel. Aber es ist weniger als Pfingsten.

Johannes Calvin, ein weiterer Reformator, der wenige Jahre nach Luther wirkte und dessen Einfluss vor allem in Genf bis in alle Lebensbereiche der Stadt reichte, löst das Problem auf andere Weise: strenge Kirchenzucht, Ordnung, der Geist als Garant der Erwählung. Wer erwählt ist, erkennt man an seinem gottgefälligen Leben – und an der Zugehörigkeit zur richtigen Gemeinde. Auch hier: ein gezähmter Geist. Ein verlässlicher Geist. Einer, der sich nicht aus dem Rahmen bewegt.

Die Täufer – die Vorfahren der Baptisten und Mennoniten – versuchen einen anderen Weg. Keine Staatskirche, keine erzwungene Taufe, keine Hierarchie zwischen Pfarrer und Gemeinde. Nur die freiwillige Gemeinschaft, das Wort, das Gebet und der Geist. Sie lesen dieselbe Bibel wie Luther und kommen zu anderen Schlüssen: Kirche ist nicht Volkskirche. Glaube ist keine Kindertaufe. Der Geist braucht keine staatliche Unterstützung.

Sie werden von Katholiken und Lutheranern gleichermaßen verfolgt. Tausende sterben. Das sagt etwas über den Preis dieses dritten Weges. Und darüber, wie bedrohlich eine unkontrollierbare Bewegung des Geistes für jede etablierte Ordnung ist – ob kirchlich oder staatlich.

Und es erklärt, warum ich Baptist bin.


Das Feuer kehrt zurück

Im 17. und 18. Jahrhundert hat die Kirche das Problem, das Großinstitutionen immer haben: Sie ist satt geworden.

Orthodoxie statt Erfahrung. Predigten, die Lehrgebäude errichten, statt Herzen zu bewegen. Kirchenmitgliedschaft als Bürgerrecht, nicht als persönliche Entscheidung. Der Heilige Geist ist nominell immer noch da – in den Texten, in den Bekenntnissen, in den Liturgien. Aber lebendig erfahrbar ist er für die meisten nicht mehr.

Der Pietismus ist die Reaktion. Philipp Jakob Spener schreibt 1675 seine "Pia Desideria" – fromme Wünsche. Er plädiert für kleine Gruppen, für persönliche Bibellektüre, für lebendigen Glauben statt formaler Zugehörigkeit. Aus diesem Impuls entsteht unter anderem die Herrnhuter Brüdergemeine – eine Gemeinschaft unter Graf Zinzendorf, die am 13. August 1727 selbst so etwas wie ein Pfingsten erlebt: Während des Abendmahls überfällt die Gemeinde ein tiefes, gemeinsames Weinen. Menschen, die vorher in harten Streitigkeiten gelegen hatten, fallen sich in die Arme. Die Spannung bricht – nicht durch ein Gespräch oder einen Beschluss, sondern durch etwas, das alle gleichzeitig trifft. Die Herrnhuter nennen es die Ausgießung des Heiligen Geistes. Wenige Tage später starten sie eine Gebetswache, die ununterbrochen 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche läuft – und es 100 Jahre lang tun wird. Aus dieser Gemeinschaft entsteht eine der ersten modernen Missionsbewegungen, die bis heute aktiv ist.

Gleichzeitig geschieht in England etwas Ähnliches. John Wesley reitet im 18. Jahrhundert durch ganz England und hält Predigten vor Bergleuten, auf Feldern, überall dort, wo Kirchentüren zu sind. Die Menschen weinen, beben, berichten von Erfahrungen, die sie nicht beschreiben können. Wesley protokolliert das nüchtern. Er fragt: Was ist das? Und er nennt es: den Heiligen Geist.

Dann, 1906, explodiert es.

Azusa Street, Los Angeles. Ein fast blinder afroamerikanischer Prediger namens William J. Seymour leitet Gottesdienste in einem alten Stallgebäude. Was dort passiert, dauert drei Jahre lang täglich an: Zungenreden, Heilungen, Prophetie – und etwas, das in der damaligen Zeit fast noch radikaler ist: „Weiße" und „Schwarze" beten zusammen, als wäre die Rassentrennung nicht. In einem Amerika der Jim-Crow-Gesetze ist das eine Revolution für sich. Der Los Angeles Times ist das beunruhigend genug für einen Artikel.

Besucher aus aller Welt kommen nach Los Angeles, erleben das und bringen es nach Hause.

So beginnt die Pfingstbewegung. Heute zählt sie über 600 Millionen Anhänger weltweit. In Lateinamerika, in Afrika, in Asien wächst sie schneller als jede andere Form des Christentums.

In den 1960er und 70er Jahren schwappt die charismatische Erneuerung auch in die etablierten Kirchen – in die Katholische Kirche, in die Lutheraner, in die Anglikaner. Plötzlich reden Priester in Zungen, die vorher nur Predigten gehalten haben. Das irritiert viele. Aber es zeigt: Die Energie von Pfingsten lässt sich nicht dauerhaft auf bestimmte Gruppen eingrenzen.

Der Geist, den die Kirche im 4. Jahrhundert in Sakramente und Ämter einzusperren versucht hat, ist längst wieder draußen.


Wo wir heute stehen

Die Volkskirchen in Deutschland schrumpfen. Das ist keine Neuigkeit mehr. Jedes Jahr verlassen Hunderttausende die evangelische und die katholische Kirche – durch Austritte, durch Wegsterben, durch schlichtes Desinteresse. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell.

Freikirchen halten sich stabiler. Charismatische Gemeinden wachsen an manchen Orten. Die internationalen Gemeinden in deutschen Großstädten – oft geprägt von Einwanderern aus Nigeria, Brasilien, Südkorea – platzen mitunter aus allen Nähten.

Das ist kein Zufall.

Wenn man fragt, wo Christentum heute lebendig ist – wirklich lebendig, nicht nur verwaltet –, dann zeigen die Finger meistens nicht auf die großen Institutionen. Sie zeigen auf kleine Gruppen, auf Bewegungen, auf Gemeinden, die mit wenig angefangen haben und gewachsen sind, weil Menschen etwas erlebt haben. Das klingt bekannt.

Was Pfingsten ausgelöst hat, war keine Institution. Es war eine Bewegung. Eine, die von innen heraus kam, nicht von oben herab. Eine, die Grenzen überwand – Sprache, Herkunft, Bildung, Status. Eine, bei der Petrus nach seiner Rede nicht fragt: "Wer von euch möchte der nächste theologische Kurs interessieren?" Sondern: "Was sollen wir tun?" – und die Antwort kommt sofort.

Die Gesellschaft draußen verändert sich. Die alten Bindungen – Kirche als selbstverständlicher Teil des Lebens, Taufe als sozialer Akt, Gottesdienst als Sonntagspflicht – fallen weg. Was bleibt, wenn das alles wegfällt, ist die Frage: Warum eigentlich?

Und das ist paradoxerweise eine Chance.

Wer heute noch in eine Gemeinde geht, hat sich entschieden. Der Zufallsgast, der Mitläufer, der aus Gewohnheit Dabeigewesene – der ist weg. Was bleibt, ist kleiner. Aber was bleibt, ist bewusster.

Gleichzeitig wächst Kirche dort, wo sie nicht verwaltet, sondern lebt. In Hauskreisen, in Online-Gemeinden, in Projekten, die Kirche und soziales Handeln verbinden. In Formen, die noch keinen Namen haben. Das erinnert an die ersten Jahrzehnte nach Pfingsten: Keine Gebäude, keine hauptamtlichen Strukturen, keine Staatsunterstützung – und trotzdem Wachstum, weil Menschen erleben, dass etwas passiert.


Was ich als Pastor glaube

Ich bin Baptist. Das bedeutet: Ich komme aus einer Tradition, die keine Staatskirche gewollt hat. Die auf persönlichem Glauben besteht, auf freiwilliger Gemeinschaft, auf Gemeinde ohne Hierarchie zwischen Klerus und Laien. Eine Tradition, die ihre Wurzeln bei den Täufern hat – bei den Leuten also, die Luther Schwärmer nannte und die Reformation für halbherzig hielt.

Und jetzt kommt das Ehrliche daran: Diese Tradition hat in ihrer Geschichte selbst oft genug das gemacht, wogegen sie eigentlich angetreten ist.

Das baptistische Prinzip – „allein die Schrift" als Maßstab – hat im Laufe der Jahrhunderte dazu geführt, dass auch Baptisten dem freien Wirken des Heiligen Geistes gegenüber eher misstrauisch wurden. Was sich nicht mit der Schrift belegen ließ, was sich nicht erklären oder einordnen ließ, wurde skeptisch beäugt. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland, der BEFG, hat sich über weite Strecken seiner Geschichte kaum anders gegeben als die Landeskirchen: geordnet, strukturiert, auf Verlässlichkeit bedacht. Das Erbe der Täufer – die Bereitschaft, sich vom Geist überraschen zu lassen – war oft eher Erinnerung als gelebte Erfahrung.

Charismatische Initiativen innerhalb des BEFG, wie die GGE, hatten es lange schwer. Sie galten als schwierig, als zu emotional, als theologisch unbehaglich. Das freie Wirken des Geistes passte nicht zur Kultur des Bundes.

Das ändert sich. Und ich finde das ausdrücklich gut.

Ich bin damit aufgewachsen, dass der Heilige Geist keine Fernbeziehung ist. Kein theologisches Konzept, das man in Seminaren bespricht und im Gottesdienst unauffällig erwähnt. Kein Thema, das man Pfingsten einmal im Jahr kurz abhandelt und dann wieder in die Schublade legt. Er ist das, was eine Gemeinde von einem Verein unterscheidet. Oder unterscheiden sollte.

Ich erlebe, dass auch Freikirchen in der Gefahr stehen, das zu vergessen. Dass Programm, Struktur, Sitzungswesen und Planungslogik anfangen, das zu überlagern, was ursprünglich der Motor war. Dass Gemeinden professioneller werden und dabei manchmal kälter. Dass man sehr gut weiß, wie die nächste Predigtreihe aussieht, welche Veranstaltungen im Herbst kommen und wie die Finanzen aussehen – und dabei sehr wenig Raum lässt für das, was sich nicht planen lässt.

Ich sage das nicht als Anklage von außen. Ich erlebe diese Versuchung selbst. Es ist einfacher, einen Gottesdienst zu planen als Raum zu lassen. Es ist angenehmer, ein Konzept zu haben als auf etwas zu warten, das man nicht kontrolliert. Und gute Struktur ist nicht das Gegenteil von Geist – das hat schon Paulus klar gemacht.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Struktur als Dienerin und Struktur als Herrin.

Pfingsten fragt die Kirche in jeder Generation: Was bewegt euch eigentlich?

Wenn die ehrliche Antwort ist: Tradition, Gewohnheit, soziale Bindung – dann ist das keine Katastrophe. Aber es ist auch nicht Pfingsten.

Die Spannung, die Paulus in Korinth beschrieben hat, ist dieselbe, mit der jede Gemeinde heute umgehen muss: Wie viel Struktur braucht es, damit der Geist wirken kann? Und ab wann erstickt die Struktur genau das, was sie eigentlich schützen soll?

Ich habe keine perfekte Antwort darauf. Aber ich glaube, dass die Frage gestellt werden muss – regelmäßig, ehrlich, ohne dass man sie sofort durch ein neues Konzept zum Schweigen bringt.


Fazit: Was die Kirche sein könnte

Die Kirche der Zukunft wird kleiner sein. Das steht für Deutschland so gut wie fest. Kleiner – und damit automatisch bewusster. Wer dabei ist, ist dabei, weil er sich entschieden hat. Nicht aus Gewohnheit, nicht wegen der Eltern, nicht weil man sonst auffällt.

Das könnte die beste Voraussetzung für das sein, was Pfingsten war.

Eine kleine, entschlossene Gemeinschaft, die weiß, warum sie zusammenkommt. Die nicht auf Tradition setzt, sondern auf Erfahrung – und die trotzdem die Tradition kennt, weil sie sonst das Rad jede Generation neu erfindet. Die offen ist für das, was sich nicht planen lässt. Die Geist und Schrift nicht gegeneinander ausspielt, sondern beides ernstnimmt.

Die Gesellschaft draußen sucht gerade nach Orten, die halten. Nach Gemeinschaft, die nicht von Algorithmen kuratiert wird, nicht von Interessen gesteuert wird, nicht wegfällt, wenn man aufgehört hat, nützlich zu sein. Nach etwas, das größer ist als der eigene Erfahrungshorizont. Nach Fragen, die mehr sind als Optimierungsfragen.

Kirche kann dieser Ort sein. Nicht weil sie schöne Gebäude hat oder gut organisiert ist. Sondern weil sie – wenn sie gut ist – Menschen zusammenbringt, die sonst nichts miteinander zu tun hätten. Alte und junge Menschen. Menschen aus verschiedenen Milieus. Menschen, die trauern, und Menschen, die feiern. Das war an Pfingsten da. Parther, Meder, Kreter, Araber – alle auf einmal, alle in ihrer eigenen Sprache, und alle verstehen dasselbe.

Das ist keine Garantie für die Kirche. Aber es ist eine Einladung.

Pfingsten hat die Kirche in die Welt geschickt – nicht um die Welt zu verwalten. Nicht um Kulturinstitution zu sein. Nicht um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stiften, damit der Staat weniger Arbeit hat. Sondern um etwas anzubieten, das von innen kommt: Feuer, Gemeinschaft, eine Kraft, die Menschen zusammenbringt, die sich das vorher nicht hätten vorstellen können.

Ob die Kirche das wieder sein kann, entscheidet sich nicht in Synoden. Es entscheidet sich in konkreten Gemeinden, bei konkreten Menschen, die sich fragen, ob das, was sie jeden Sonntag tun, noch etwas mit dem zu tun hat, was damals in Jerusalem passiert ist.

2000 Jahre Kirchengeschichte haben gezeigt: Der Geist lässt sich aufhalten. Eindämmen. Institutionalisieren. Für eine Weile.

Aber er lässt sich nicht endgültig einsperren.

Euer

Mathis


Dieser Artikel erscheint in der Kategorie Kirche auf derhochhaus.de. Alle theologischen Einschätzungen sind persönliche Perspektiven, keine offiziellen Lehraussagen.


Zum Weiterlesen

Wer tiefer einsteigen möchte – hier sind Werke, die zum Thema Heiliger Geist und Kirchengeschichte als Standardwerke gelten:

Jürgen MoltmannDer Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie (1991). Der wohl wichtigste deutschsprachige theologische Entwurf zur Pneumatologie. Moltmann verbindet systematische Theologie mit Kirchengeschichte und fragt, was ein lebendiger Geist für Kirche und Gesellschaft bedeutet.

Yves CongarDer Heilige Geist (1982). Das Standardwerk aus katholischer Perspektive, ökumenisch offen und historisch breit. Congar war einer der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts – dieses Buch ist sein Lebenswerk zum Thema.

Harvey CoxFeuer vom Himmel. Die Entstehung des Pfingstchristentums und die Umgestaltung der Religion im 21. Jahrhundert (1995). Cox, Harvard-Theologe, beschreibt den Aufstieg der Pfingstbewegung weltweit – sachkundig, gut lesbar, nicht unkritisch. Wer verstehen will, warum Pfingstkirchen weltweit wachsen, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Diarmaid MacCullochEine Geschichte des Christentums (2010). Kein reines Pneumatologie-Buch, aber das umfassendste Werk zur Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte. MacCulloch, Oxforder Kirchenhistoriker, schreibt für alle, die Geschichte verstehen wollen – nicht nur für Theologen.

Foto von David Clarke auf Unsplash