Kirche
18. Mai 2026· 9 Min. Lesezeit

Bundesrat Kassel 2026 - Wer bestimmt hier eigentlich?

Ich war dabei, als der BEFG-Bundesrat in Kassel abgestimmt hat. Was ich dort gesehen habe, war mehr als eine Strukturreform: Es war eine Verschiebung von Macht – und eine stille Frage an uns alle: Wer bestimmt eigentlich in unserer Kirche?

Bundesrat Kassel 2026 - Wer bestimmt hier eigentlich?

Kassel 2026: Ein Beschluss, der Macht verschiebt – Beobachtungen vom Bundesrat

Liebe Lesenden,

ich war dabei, als der BEFG-Bundesrat in Kassel über die neuen Ordnungen abstimmte.

Als die Abstimmung beginnt, spüre ich, wie angespannt der Saal ist. Es geht um eine Strukturreform – klingt langweilig, ist es aber nicht. Die eigentliche Frage dahinter lautet: Wer entscheidet in unserem Bund? Und wer nicht?

Ich sitze im Saal und spüre: Hier wird Macht neu verteilt

Der Beschluss ist klar: Die bisherigen 12 Landesverbände werden zum 1. Januar 2027 durch 25 Regionen ersetzt. Keine bloße Umbenennung – das ist eine echte Verschiebung von Macht.

Wer jetzt denkt: „Das interessiert mich nicht, ich bin doch gar nicht im Landesverband" – den verstehe ich. Aber es geht trotzdem um mehr. Denn es geht um die Gemeinden des BEFG - und vielleicht bist du ja in einer. Darum, wie (deine) Gemeinde mit anderen zusammenhängt. Und um eine Frage, die wir Baptisten sehr ernst nehmen: Wer bestimmt eigentlich?

Was wurde konkret beschlossen?

Für die, die nicht so “im game” sind, lass mich kurz erklären, worum es geht.

Die mittlere Ebene wird neu gedacht. Bisher gab es überall in Deutschland Landesverbände – in Bayern, Schleswig-Holstein, Westfalen und vielen anderen Bundesländern (und über Landesgrenzen hinaus). Diese Verbände hatten gewachsene Grenzen, eigene Verwaltungen und Leitungen, eigene Identitäten. Die neue Struktur sagt: Das brauchen wir so nicht mehr. Künftig gibt es 25 Regionen – kleinere, klar definierte Einheiten, in denen Haupt- und Ehrenamtliche gemeinsam arbeiten.

Der Fokus wird klarer. Diese Regionen kümmern sich vor allem um zwei Dinge: Gemeindeentwicklung und Jugendarbeit. Das klingt nach wenig – ist aber klug. Denn die Regionen mit ihren Regionalteams sind nicht mehr „Mini-Bundesverwaltungen", sondern Dienstleistungseinheiten für Gemeinden. Sie sollen konkret helfen: Wie wachsen wir als Gemeinde? Wie gewinnen wir junge Menschen?

Das Präsidium des Bundes wird verschlankt. Von 12 auf 10 Mitglieder. Das soll schnellere Entscheidungen ermöglichen und klarer machen, wer welche Verantwortung trägt.

Für manche in diesem Saal – die seit 20, 30 Jahren in den Landesverbänden arbeiten – ist das ein tiefer Einschnitt. Ich sehe das auf ihren Gesichtern.

Warum das gerade jetzt? Die Geschichte hinter dem Beschluss

Das Projekt heißt „Unser Bund – Segen bewegt" (UB25). Das klingt nach einem Werbeslogan, ist aber ernst gemeint. Die Frage dahinter: Wie passt unsere Struktur zu unserem Auftrag?

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich viel verändert. Die Mitgliederzahlen in den Gemeinden gehen zurück. Der Druck durch andere Freizeitangebote wächst. Die Aufgaben haben sich verschoben. Die alten Landesverbände – mit ihren teils jahrzehntelangen Strukturen – passen nicht mehr recht dazu.

Es ist wie beim Fahrrad: Irgendwann brauchst eine neue Gangschaltung mit anderen Gängen, weil die alten nicht mehr zu deiner Geschwindigkeit passen. Die neuen Regionen sollen das Fahrrad wieder fahrtüchtig machen.

Ich muss ehrlich sagen: Das ist ein Reparaturversuch, nicht die Lösung aller Probleme. Ich sitze dort und erlebe, wie sorgfältig und klug die Menschen argumentieren – aber ich höre auch, dass niemand einen Magic Button hat.

Der unbequeme Punkt: Was bedeutet das für Macht?

Hier wird es für mich persönlich interessant. Im Saal sitzen Menschen, die sehr lange in Gremien waren, die Entscheidungen getroffen haben. Für manche bedeutet das gerade Beschlossene einen echten Machtverlust.

Eine erfahrene Regionalleitung wird nicht mehr „Landesverbandsvorsitzende" sein – mit allem, was daran hängt. Sie wird Teil eines Regionsteams mit engerer, klar umrissener Aufgabe und weniger Entscheidungskompetenz und Entscheidungsgewalt. Das ist nicht dasselbe.

Das ist keine technische Frage. Es geht um Anerkennung, um Platz in der Kirche, um das, was diese Menschen geleistet haben. Das einfach zu übergehen, wäre unehrlich.

Aber doch passt es sehr gut zu uns als BEFG - als Baptisten.

Wir Baptisten reden viel von der „Priesterschaft aller Gläubigen". Das bedeutet: Deine Bedeutung liegt nicht in deinem Amt, sondern in deinem Glauben und in der Art, wie du dein Leben ausrichtest.

Wenn jemand nach 30 Jahren Verantwortung diese loslässt – weil die Struktur es verlangt – könnte das also tatsächlich auch ein Glaubensakt sein. Ein großer sogar.

Die baptistische Grundfrage: Wem gehört die Gemeinde?

Wir Baptisten sind kongregationalistisch. Ein großes Wort, aber es bedeutet etwas Einfaches: Die Ortsgemeinde ist nicht die Außenstelle einer übergeordneten Kirche. Sie ist der Souverän.

Das ist, zu Ende gedacht, radikal. Das ist Kern des Baptismus:(D)eine Gemeinde – (d)eine Ortsgemeinde – ist unabhängig. Sie wählt ihre PastorInnen, trifft ihre Entscheidungen, gestaltet ihre Zukunft.

Der BEFG – der Bund, in dem ich bin und besonders auch die Landesverbände – haben dabei eine dienende Rolle. Sie unterstützen. Sie helfen bei Mission, Seelsorge und Fragen, die eine Gemeinde allein nicht klären kann. Aber sie bestimmen nicht über die Gemeinde.

Wenn die neue Struktur das stärker macht – wenn die Regionen entlastet von Verwaltung und starren Strukturen weniger Macht nach oben ausüben und mehr Dienst nach unten leisten – dann passt das zur baptistischen DNA.

Das war für mich im Saal ein wichtiger Gedanke: Das ist nicht einfach ein Umbau. Das ist ein Versuch, klarer zu werden, was wir eigentlich sind.

Drei Chancen, die ich sehe

Erste Chance: Nähe. In 25 Regionen statt 12 Landesverbänden kann man näher bei den Gemeinden sein, einfach, weil man kleinteiliger denken und handeln kann. Nicht mehr „der ferne Verband in der Metropole", sondern Menschen, die wissen, wie es in deiner Ecke aussieht – und konkret helfen können. Das meine ich nicht romantisch, sondern ganz praktisch.

Zweite Chance: Klarheit. Wenn eine Region nur zwei Aufgaben hat statt fünfzehn, weiß jeder, wofür sie da ist.Dann ist sie frei ist Terminen und Wahlen und Abordnungen. Das spart Energieverlust von endlose Debatten über Zuständigkeiten. Das kann befreiend sein.

Dritte Chance: Beweglichkeit. Kleinere Strukturen können schneller reagieren. Wenn eine Gemeinde sagt: „Wir brauchen Hilfe bei digitalen Predigtformaten" – dann kann die Region antworten, bevor der nächste Tagesordnungspunkt aufgerufen wird.

Das sind keine garantierten Chancen. Es sind Chancen, die nur wahr werden, wenn Menschen sie ergreifen.

Aber ich will die Skepsis nicht kleinreden

Ich sitze im Saal und höre auch berechtigte Fragen:

  • Wird das zu mehr Zentralisierung im Bund führen? Wenn die Regionen weniger Mitsprache haben, heißt das, dass der zentrale Bund stärker wird? Ja, wahrscheinlich oder vielleicht. Das muss man klar im Blick behalten.
  • Was passiert mit regionalen Besonderheiten? Ein Landesverband wie z.B. Bayern – das war gewachsen, das hatte Eigenheiten. Mit ihm geht etwas verloren. Was genau, wissen wir noch nicht.
  • Wie bleibt Beteiligung gesichert? Wenn mehr über Teams und Berufungen statt über Delegiertenversammlungen entschieden wird – wie ist dann sichergestellt, dass alle Gemeinden noch gehört werden?

Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Wer sagt „Keine Bedenken, alles gut" – der denkt nicht zu Ende.

Ein letzter Gedanke – von jemandem, der dabei war

Ich bin kein Strukturfanatiker. Ich glaube nicht, dass die richtige Struktur Kirche lebendig macht.

Was in Kassel beschlossen wurde, ist nicht perfekt. Es ist keine Entscheidung von oben, diktiert und fertig. Es ist eine menschliche Entscheidung – von Menschen, die sich redlich bemühen, mit allen Unvollkommenheiten, die das mit sich bringt.

Aber es ist auch ein Versuch, der zentralen baptistischen Frage näherzukommen: Wie schützen wir die Freiheit und Eigenständigkeit der Ortsgemeinde – und werden zugleich lebendiger in Mission und unserem Auftrag?

Diese Spannung wird nie weggelöst. Sie muss gelebt werden.

Und dazu gehört es auch, dass Macht abgegeben werden muss. Damit Neues entstehen kann.

Und das Neues kommt ist meine Hoffnung!

Euer,

Mathis

Foto von Geron Dison auf Unsplash