Kirche
4. Juni 2026· 8 Min. Lesezeit

Kirche – wer kommt eigentlich noch?

An einem Sonntag saßen plötzlich alle da. Die, die immer kommen – und die, die sonst nie kämen. Es war schön. Und es hat wehgetan.

Kirche – wer kommt eigentlich noch?

Kirche – wer kommt eigentlich noch?


Es war kein gewöhnlicher Sonntag.

Im Mittelpunkt stand an diesem Tag eine Person, die in unserer Gemeinde zu den Aktivsten gehört. Immer dabei, wenn etwas aufgebaut werden muss. Immer dabei, wenn jemand Hilfe braucht. Dieser Mensch lebt den Glauben nicht als Privatsache, aber auch nicht lautstark – einfach. Und weil das so ist, gibt es überall Verbindungen: in der Gemeinde und überall dort, wo diese Person sonst noch ist. Jemand, dem Menschen vertrauen – auch Menschen, die mit der Kirche eigentlich nichts am Hut haben.

An diesem Sonntag hatte sie eingeladen. Und alle sind gekommen.

Ich habe von vorne in den Raum geschaut und etwas gesehen, das ich selten sehe: die Gesichter, die ich jeden Sonntag erwarte – und daneben Gesichter, die ich nicht erwartet hatte. Menschen, die ich aus Gesprächen kenne, aber noch nie im Gottesdienst gesehen habe. Die eine Welt und unsere Welt, für einen Sonntag im selben Raum.

Wir hatten gewusst, dass viele Gäste kommen könnten, und uns vorbereitet. Die Sprache im Gottesdienst, die Erklärungen, der Ablauf – alles ein bisschen offener als sonst, ein bisschen bewusster. Nicht künstlich, aber einladend. Und es hat funktioniert.

Was mich am meisten beeindruckt hat: Trotz der Fremdheit – viele kannten die Eigenheiten von Kirche nicht, die Lieder, den Rhythmus, das Unausgesprochene – war Nähe da. Echte Nähe. Vor dem Gottesdienst beim Reden, während des Gottesdienstes beim Zuhören, danach beim Zusammenstehen. Menschen, die sich nicht kannten, haben sich unterhalten. Gemeindeglieder, die sonst unter sich geblieben wären, haben Gäste begrüßt. Es war kein höfliches Nebeneinander. Es war Gemeinschaft.

Und es hat wehgetan.

Nicht weil irgendetwas schiefgelaufen wäre. Sondern weil ich wusste: Nächsten Sonntag sind sie nicht da. Und den Sonntag danach auch nicht. Und ich habe mich gefragt, warum eigentlich.


Die Antwort, die ich zuerst im Kopf habe

Wenn ich mich frage, warum sonst nicht so viele kommen, habe ich eine Antwort reflexartig parat – weil ich die Statistiken kenne. Die evangelische Kirche in Deutschland verliert jedes Jahr mehrere hunderttausend Mitglieder durch Austritt, Wegzug oder Tod. Die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, 2023 veröffentlicht, hat gezeigt: Nur noch etwa ein Viertel der evangelischen Kirchenmitglieder nimmt regelmäßig am Gottesdienst teil. Die Freikirchen, zu denen ich gehöre, sind davon nicht ausgenommen – wir verlieren langsamer, aber wir verlieren.

Ich merke, dass ich diese Zahlen manchmal benutze, um nicht tiefer fragen zu müssen. Als wäre die Statistik eine Erklärung. Als könnten Kirchenaustritte erklären, warum die Menschen, die jetzt im selben Ort leben wie ich, am Sonntag nicht in den Gottesdienst kommen.

Das Problem mit diesen Zahlen ist nicht, dass sie falsch wären. Das Problem ist, dass sie die eigentliche Frage verfehlen. Die Frage ist nicht: Wie viele fehlen? Die Frage ist: Warum waren sie an diesem einen Sonntag da – und warum kommen sie sonst nicht?


Die Person, die Brücken baut

Auf der Suche nach tieferen Antworten bin ich auf einen Begriff aus der Soziologie gestoßen, der genau das beschreibt, was dieses Gemeindemitglied ist: ein Connector. Der Soziologe Mark Granovetter hat in den 1970ern etwas Bemerkenswertes herausgefunden: Es sind nicht die engen Freundschaften, die gesellschaftliche Welten miteinander verbinden. Es sind die losen Verbindungen – Bekannte, keine engen Freunde, aber Menschen, denen man vertraut. Er hat das "the strength of weak ties" genannt: die Stärke der schwachen Verbindungen.

Als ich das gelesen habe, habe ich sofort an diesen Sonntag gedacht. Diese Person hat genau diese Verbindungen – in alle Richtungen. In der Gemeinde verwurzelt und gleichzeitig im Umfeld gut vernetzt. In beiden Welten zuhause, ohne in einer davon fremd zu wirken. Und deshalb war die Einladung glaubwürdig – und sie kam an.

Wenn ich ehrlich bin: In unserer Gemeinde gibt es nicht viele Menschen wie sie. Und das ist ein strukturelles Problem, kein zufälliges.


Dazugehören, bevor man glaubt

Die britische Religionssoziologin Grace Davie hat 1994 eine Formel geprägt: "Believing without belonging." Ich bin ihr zum ersten Mal Anfang der 2000er begegnet – in meiner Zeit im GJW, dem Gemeindejugendwerk, dem Jugendverband der Baptisten in Deutschland. Seitdem hat sie mich nicht mehr losgelassen. Viele Menschen glauben – an irgendetwas, an Gott, an eine höhere Macht, an das Gebet in schwierigen Momenten. Aber sie gehören keiner Gemeinschaft an. Glaube und Kirchgangspraxis haben sich entkoppelt.

Das Gegenprogramm dazu, das Theologen und Kirchenforscher seitdem entwickelt haben, heißt: "Belonging before believing." Menschen müssen das Gefühl haben, dazuzugehören, bevor sie glauben können. Nicht umgekehrt. Die Kirche hat das Jahrzehnte lang falsch verstanden. Sie hat gewartet, bis jemand "bereit" war – bereit im Sinne von: schon irgendwie gläubig, schon irgendwie kirchlich sozialisiert. Und hat dabei nicht gemerkt, dass dieses Warten genau die Menschen ausschließt, die Zugehörigkeit erst noch entdecken müssten.

Der Gottesdienst an diesem einen Sonntag hat etwas Ähnliches geschafft. Die Menschen, die nicht regelmäßig kommen, haben Zugehörigkeit erlebt – nicht weil sie jetzt Mitglieder werden wollten, nicht weil sie getauft oder konfirmiert worden wären, sondern weil jemand, dem sie vertrauen, sie eingeladen hat. Und weil sie sich willkommen gefühlt haben. Das ist der erste Schritt. Der einzige erste Schritt, der wirklich funktioniert.


Was die Kirche nicht sehen will

Hier wird es unbequem – und ich schreibe das als jemand, der selbst Pastor ist und dessen Gemeinde dieselben Fehler macht.

Die Kirche wartet. Sie wartet darauf, dass Menschen kommen. Sie organisiert Veranstaltungen, gestaltet Gottesdienste, pflegt ihre Social-Media-Präsenz, entwirft Flyer. Und dann wartet sie.

Die Forschung zur Kirchenbindung zeigt seit Jahrzehnten konsistent dasselbe: Der einzige Weg, der wirklich funktioniert, ist die persönliche Einladung durch jemanden, dem man vertraut. Nicht Plakate. Nicht Events. Nicht Instagram-Posts. Menschen, die andere Menschen einladen, weil sie selbst von etwas überzeugt sind.

Das klingt einfach. Es ist nicht einfach. Denn es setzt voraus, dass die Menschen in einer Gemeinde erstens selbst so gut in ihrem Umfeld verankert sind, dass sie glaubwürdig einladen können – und zweitens bereit sind, das auch zu tun. Beides ist nicht selbstverständlich. Eine Gemeinde, die nur noch aus Menschen besteht, die sonntags zusammenkommen und unter sich bleiben, verliert irgendwann die Fähigkeit, Brücken zu bauen. Nicht aus bösem Willen, sondern weil die Verbindungen nach außen langsam verblassen.

Dazu kommt etwas, das die Sinus-Milieustudien zeigen: Bestimmte gesellschaftliche Milieus sind für die Kirche kaum noch erreichbar. Das hedonistische Milieu, das expeditive Milieu – Menschen, die Individualität und Selbstentfaltung in den Mittelpunkt stellen und institutioneller Religion grundsätzlich misstrauisch gegenüberstehen. Das sind keine bösen Menschen. Das sind Menschen, für die die Kirche in ihrer jetzigen Form keine erkennbare Antwort auf ihre Fragen hat.

Ich frage mich manchmal, ob wir das wirklich ernst nehmen. Oder ob wir uns lieber damit trösten, dass die, die kommen, verlässlich kommen.


Die Türöffner, die wir verpassen

Es gibt Momente im Leben, in denen Menschen für die Kirche erreichbar sind – kurze Fenster, die sich öffnen und oft schnell wieder schließen. Die Religionssoziologie nennt das Kasualien: Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Beerdigung. Übergänge. Krisen. Geburten. Der Tod eines Elternteils.

In diesen Momenten suchen Menschen nach Bedeutung, nach Gemeinschaft, nach etwas, das größer ist als der Alltag. Und oft sind sie in diesem Moment bereit, eine Tür aufzumachen, die sie vorher nie aufgemacht hätten.

Die Frage ist, was hinter der Tür passiert, wenn sie sie aufmachen. Finden sie Menschen, die sie willkommen heißen? Oder finden sie eine Gemeinschaft, die schon so lange unter sich ist, dass sie gar nicht mehr weiß, wie sie mit Fremden umgehen soll?

Ich glaube, viele Gemeinden – auch meine – haben eine unsichtbare Schwelle, die Menschen spüren, ohne dass sie jemandem auffällt, der schon lange drin ist. Ein Code, der nicht erklärt wird. Ein Ablauf, der für Eingeweihte selbstverständlich ist. Eine Wärme, die echt ist – aber nach innen gerichtet.


Was dieser eine Sonntag gezeigt hat

Zurück zu diesem besonderen Sonntag.

Was ich dort erlebt habe, war keine Marketingstrategie. Es war kein ausgeklügeltes Gemeindeentwicklungskonzept. Es war eine Person, die Menschen eingeladen hat, denen sie wichtig ist. Und die wichtig ist, weil sie nicht nur in der Gemeinde lebt, sondern in der Gemeinde und in der Welt.

Das ist kein Modell, das man einfach kopieren kann. Connectors lassen sich nicht produzieren. Aber man kann eine Gemeinde so gestalten, dass solche Menschen entstehen können – oder zumindest, dass sie nicht allmählich den Rückzug aus der Welt antreten, weil die Gemeinde ihr soziales Leben komplett ausfüllt.

Was mich an diesem Sonntag am meisten beschäftigt hat, war nicht die Frage, wie ich mehr solche Gottesdienste organisieren kann. Es war die Frage, ob ich selbst – als Pastor, als Mensch – noch ausreichend in der Welt verankert bin, um glaubwürdig einladen zu können. Ob ich genug Verbindungen nach außen habe. Ob ich Menschen kenne, die ich einladen könnte – nicht als Projekt, sondern weil ich wirklich mit ihnen in Kontakt bin.

Das ist eine unbequeme Frage. Ich habe sie noch nicht vollständig beantwortet.


Warum ich trotzdem Hoffnung habe

Diese Analyse könnte deprimierend enden. Ich glaube, das wäre falsch.

Was ich an diesem Sonntag gesehen habe, war auch das: Es geht. Es geht wirklich. Wenn jemand mit echten Verbindungen in beide Welten einlädt, kommen Menschen. Wenn sie sich willkommen fühlen, bleiben sie – zumindest für diesen Sonntagmorgen. Und manchmal länger.

Die Kirche hat etwas zu bieten, das diese Gesellschaft braucht: echte Gemeinschaft, Verlässlichkeit, eine Praxis des Füreinander-Daseins, Räume, in denen Schwäche nicht beschämend ist. Das ist nicht wenig. Das ist viel. Aber es muss erlebbar sein – nicht als Programm, sondern als Wirklichkeit.

Und es braucht Menschen, die in beiden Welten zuhause sind und nicht aufgehört haben einzuladen.

Euer Mathis

Foto von Maria Lin Kim auf Unsplash


Quellen und weiterführende Lektüre

EKDKirchenmitgliedschaftsuntersuchung VI (2023). Die umfangreichste Studie zur evangelischen Kirchenbindung in Deutschland. Kostenlos verfügbar unter ekd.de.

Grace DavieReligion in Britain Since 1945: Believing Without Belonging (1994). Grundlagenwerk zur Entkopplung von Glaube und institutioneller Religionspraxis.

Mark GranovetterThe Strength of Weak Ties (American Journal of Sociology, 1973). Klassiker der Netzwerksoziologie – warum lose Verbindungen gesellschaftlich entscheidender sind als enge Freundschaften.

Malcolm GladwellThe Tipping Point (2000, dt. Der Tipping Point). Populärwissenschaftliche Darstellung des Connector-Konzepts und seiner gesellschaftlichen Wirkung.

Sinus-InstitutReligiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus (aktuelle Ausgaben verfügbar über die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz). Zeigt, welche Bevölkerungsgruppen für kirchliche Angebote erreichbar sind – und welche nicht.

Martyn PercyEngaging with Contemporary Culture: Christianity, Theology and the Concrete Church (2005). Theologische Reflexion über Kirche und Gesellschaft, u. a. zum "Belonging before Believing"-Konzept.