Drei Tische
Dieselben zwei Stühle können Verachtung abbauen oder herstellen, je nachdem, wer zusieht.

Im Herbst 2025 habe ich über Charlie Kirk gepredigt. Der Anlass war sein Tod, das Thema war das, was danach mit ihm gemacht wurde: die Inszenierung eines Mannes als uneingeschränkt guter Märtyrer, betrieben von Leuten, die sich evangelikal nennen und damit auch mich meinen. Und eine Regierung, die das für sich verwendet hat.
Es kamen viele Zuschriften per Mail. Die Predigt wurde weitergegeben, bis in Gemeinden, die ich nicht kenne. Was mir danach berichtet wurde, beschäftigt mich bis heute mehr als die Mails: Die, die den Text weitergeleitet haben, sind mit denen ins Gespräch gekommen, von denen sie ihn bekommen hatten. Der Anstoß kam zwar von der Kanzel, aber darüber geredet wurde woanders.
Charlie Kirk ist an einem Tisch gestorben. Am 10. September 2025 saß er auf dem Campus der Utah Valley University unter einem Pavillon, vor etwa 3.000 Menschen, beim ersten Stopp einer Hochschultour. Auf dem Tisch stand die Aufforderung, mit der er berühmt geworden war: Prove me wrong. Beweis mir, dass ich falsch liege. Wer wollte, stellte sich an, setzte sich ihm gegenüber und widersprach.
Es ist derselbe Aufbau, mit dem in Deutschland gerade gegen die Spaltung gearbeitet wird.
Der Tisch, an dem dreitausend Leute zusahen
Kirks Aufbau war denkbar einfach. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Mikrofon, eine Schlange von Studierenden. Wer sich hinsetzte, hatte ein paar Minuten. Es gab keine Moderation und kein Thema, nur Widerspruch.
Dazu kamen ein Publikum, eine Kamera und ein Schnitt. Seit Anfang 2024 liefen die geschnittenen Ausschnitte auf TikTok, einzelne mit zweistelligen Millionenreichweiten. Das Gespräch am Tisch war das Rohmaterial, das Produkt war der Clip, und gesehen haben ihn überwiegend Leute, die Kirk ohnehin recht gaben. Für dieses Publikum war der Student, der sich hingesetzt hatte, eine Rolle im Video.
Elf Tage nach seinem Tod fand im State Farm Stadium in Glendale, Arizona, die öffentliche Trauerfeier statt. Über 100.000 Menschen waren dort, dazu der Präsident, der Vizepräsident, mehrere Kabinettsmitglieder, Elon Musk. NBC hat die Veranstaltung hinterher als konservative Erweckungsveranstaltung beschrieben, in der Aufrufe zur Vergebung und zur Vergeltung nebeneinander standen.
Seine Witwe Erika Kirk hat von dieser Bühne aus gesagt: „Diesen jungen Mann, ich vergebe ihm. Ich vergebe ihm, weil es das ist, was Christus getan hat und was Charlie tun würde. Die Antwort ist nicht Hass.“
Wenige Minuten später stand Donald Trump am selben Pult und sagte: „Da bin ich anderer Meinung als Charlie. Ich hasse meinen Gegner, und ich wünsche ihm nicht das Beste.“ Er hat sich dafür bei ihr entschuldigt und hinzugefügt, vielleicht könne sie ihn ja noch umstimmen.
Beide Sätze fielen an diesem Nachmittag von derselben Bühne. Erika Kirk nimmt die Verachtung weg, während Trump sie zum Bekenntnis macht. Und weil es eine Bühne war, musste keiner der beiden dem anderen antworten. Hunderttausend Menschen haben sich aussuchen können, welchen Satz sie mitnehmen. Das ist die Sorte Veranstaltung, gegen die ich gepredigt habe, und ich halte den Befund immer noch für richtig: Wer einen Toten zum reinen Märtyrer erklärt, hat sich über die, die ihn kritisiert haben, schon geäußert, ohne ein Wort über sie zu verlieren.
Der Tisch, den ein Algorithmus baut
Am Sonntag, dem 30. August 2026, ist zum neunten Mal „Deutschland spricht“ gelaufen. Das Verfahren ist seit 2017 dasselbe. Man beantwortet acht strittige Fragen mit Ja oder Nein, ein Algorithmus sucht dazu jemanden aus der Nähe, der möglichst gegenteilig geantwortet hat, und dann trifft man sich. Aus dem deutschen Format ist inzwischen ein internationales geworden, My Country Talks, das nach Angaben der Veranstalter über 100.000 Gespräche in mehr als hundert Ländern vermittelt hat. In diesem Jahr waren elf Medienhäuser beteiligt, von der ZEIT über die FAZ bis zur BILD, dazu der MDR.
Die acht Fragen dieses Jahres waren: Ist die deutsche Einheit gelungen? Arbeiten die Deutschen zu wenig? Ist Künstliche Intelligenz eine Gefahr für die Menschheit? Sollte sich Deutschland noch auf die USA verlassen? Sollten Parteien grundsätzlich für alle Koalitionen offen sein? Hat Deutschland zu viel Zuwanderung? Sollte der Staat Social Media für unter 16-Jährige verbieten? Blicken Sie optimistisch auf die Zukunft Deutschlands?
Vermutlich hast du beim Lesen schon geantwortet, bei den meisten Fragen sofort, und mir ging es genauso. Dem Verfahren reichen diese acht Antworten, um zwei Menschen zu finden, die weit auseinanderliegen. Wer sie im Kopf gegeben hat, ahnt vielleicht auch, wer im eigenen Umfeld anders geantwortet hätte.
Ich habe viel darüber gelesen und mich nicht angemeldet.
Neu war in diesem Jahr, dass es neben den privaten Verabredungen auch öffentliche Treffpunkte gab. Die Hauptbahnhöfe in Berlin und Magdeburg, eine Straßenbahn in Bremen, mehrere Redaktionen. Und die Johanniskirche in Magdeburg, von halb drei bis halb sechs, mit Bühnenprogramm und Persönlichkeiten aus Journalismus, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die Forschungsgruppe Wahlen die AfD Ende August bei 40 Prozent sah und die CDU bei 23.
Die Johanniskirche ist ein guter Ort für so etwas, und sie ist ein merkwürdiger. Martin Luther hat dort am 26. Juni 1524 gepredigt, vor einer überfüllten Kirche, und danach ist die Magdeburger Altstadt evangelisch geworden. Das Gebäude ist im Lauf seiner Geschichte viermal zerstört worden, zuletzt bei den Bombenangriffen 1945. Der Wiederaufbau begann am 16. Januar 1991 auf Initiative eines Kuratoriums, kostete rund 20 Millionen Mark und war 1999 abgeschlossen. Seit der Wiedereinweihung am 2. Oktober 1999 betreibt die Messe- und Veranstaltungsgesellschaft der Stadt das Haus als Tagungs- und Konzertzentrum. Einen Gottesdienst gibt es dort noch einmal im Jahr, am Reformationstag.
Für das Bild einer Kirche braucht es offenbar keine Gemeinde. Den Saal betreibt die Veranstaltungsgesellschaft der Stadt, das Programm kommt von elf Medienhäusern, und von der Kirche bleibt an diesem Nachmittag der Name des Gebäudes.
Was tatsächlich gemessen wurde
„Deutschland spricht“ ist eines der wenigen Dialogformate, das ernsthaft ausgewertet wurde. Ximeng Fang, Sven Heuser und Lasse Stötzer haben die Runde vom 23. September 2018 untersucht, als sich rund 4.200 Paare in ganz Deutschland trafen, und ihre Ergebnisse Anfang 2025 im Journal of Public Economics veröffentlicht. Auswerten konnten sie 1.523 Teilnehmende, die beide Befragungen ausgefüllt haben. Zwei Befunde stehen darin, wobei der eine ständig, der andere fast nie zitiert wird.
Der erste: Wer sich mit einem Andersdenkenden getroffen hat, hat seine politische Meinung hinterher nicht geändert. Die Positionen sind nicht zusammengerückt. Zurückgegangen sind die negativen Einstellungen gegenüber der anderen Seite, und der wahrgenommene gesellschaftliche Zusammenhalt hat sich verbessert. Gemessen wird das an der üblichen Streuung der Antworten, also daran, wie weit die Befragten normalerweise auseinanderliegen: Die Abneigung sank um gut ein Viertel dieser Streuung, der Zusammenhalt stieg um ein Fünftel. Man hält den anderen also weiterhin für falsch informiert, aber nicht mehr für einen schlechten Menschen.
Der zweite: Gespräche mit Gleichgesinnten haben die eigenen Positionen extremer gemacht, um gut ein Siebtel derselben Streuung. Die Autoren vergleichen das mit einer amerikanischen Studie, in der eine vierwöchige Facebook-Pause auf ein Zehntel kam. Ein einziger Nachmittag unter Gleichgesinnten wirkte also stärker als ein Monat ohne soziales Netzwerk.
Ob so ein Nachmittag überhaupt etwas bewirkt, hängt an seinem Verlauf. Getragen wird die Wirkung von der persönlichen Begegnung: Wo die Teilnehmenden sie als angenehm erlebten, verdoppelte sich der Effekt, wo sie als unangenehm erlebt wurde, verschwand er oder kehrte sich um. Ein Gemeindehaus aufzuschließen genügt also nicht. Die zwei Leute brauchen Zeit und einen Nachmittag ohne Zuschauer, und im Datensatz dauerte selbst das kürzeste Treffen vierzig Minuten.
Diese beiden Befunde erklären, warum die „drei Tische“ verschieden ausgehen: Kirks Tisch auf dem Campus, die Bühne in der Johanniskirche und die private Verabredung zu zweit. Am Prove-Me-Wrong-Tisch saßen zwei Andersdenkende, und trotzdem hat dieser Aufbau die Stimmung angeheizt statt sie abzukühlen. Das eigentliche Publikum saß nicht mit am Tisch. Es waren die Millionen, die den Ausschnitt später gesehen haben, und für die war es ein Gespräch unter Gleichgesinnten mit einem Statisten. Auf der Bühne in der Johanniskirche soll niemand gewinnen, aber es schaut jemand zu, und was gesagt wird, wird für die Zuschauer gesagt. Nur bei der privaten Verabredung fehlt das Publikum vollständig, es wird nichts mitgeschnitten, und niemand muss gewinnen. Von den „drei Tischen“ ist das der einzige, der je gemessen wurde, und der einzige, bei dem es funktioniert hat. Sobald jemand zusieht, reden beide auch für die Zuschauer, und dann geht es ums Gewinnen.
Ein Milieu, viele Meinungen
Man nimmt gerne an, eine Gemeinde sei politisch einig, und ich habe das selbst geglaubt. Meine ist es nicht. Wenn ich die acht Fragen von „Deutschland spricht“ in unseren Gottesdienst mitnähme, bekäme ich bei allen achten unterschiedliche Antworten, mehr oder weniger deutlich. Konservativ und liberal geht bei uns quer durch die Reihen, und zwar bei fast jedem Thema.
Einig sind wir in etwas anderem, denn wir ähneln uns im Milieu. Das gilt nicht überall: Über Erziehung denken die Generationen bei uns sehr unterschiedlich, und dieser Unterschied läuft quer zum Milieu. Das Sinus-Institut untersucht seit Jahren, welche Bevölkerungsgruppen für kirchliche Angebote erreichbar sind und welche nicht, und die Antwort ist ernüchternd konstant. Wir sammeln also Menschen ein, die sich in vielem ähneln, worüber niemand streitet, und die bei den strittigen Fragen weit auseinanderliegen.
Der Soziologe Robert Putnam hat für die beiden Formen von Sozialkapital zwei Wörter geprägt, die hier weiterhelfen. Bonding ist der Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe. Bridging ist die Verbindung über Gruppengrenzen hinweg. In der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD von 2023 steht, dass Kirchenmitglieder anderen Menschen und Institutionen mehr vertrauen als Konfessionslose. Ich habe das vor einiger Zeit zum Anlass genommen, über Zusammenhalt zu schreiben. Was in der Zahl nicht steht, ist, wem dieses Vertrauen gilt. Beim bonding sind Gemeinden erstklassig, beim bridging weiß ich es nicht.
Was aber feststeht: Ein Verlag braucht einen Algorithmus, acht Fragen und einen bundesweiten Aktionstag, um zwei Menschen zusammenzubringen, die politisch weit auseinanderliegen und nah genug beieinander wohnen, um sich zu treffen.
In unseren Reihen sitzen diese beiden Menschen sonntags nebeneinander, und niemand bringt sie je an einen Tisch, um über das zu reden, was sie trennt.
Gegenüber dem Aktionstag hätte eine Gemeinde dabei sogar einen Vorsprung. „Deutschland spricht“ muss das Vertrauen zwischen zwei Fremden an einem einzigen Nachmittag herstellen, bei uns ist es längst da und über Jahre gewachsen, über Beerdigungen, Umzüge, Krankenhausbesuche und Küchendienste.
Die Beschränkung gehört im selben Atemzug dazu, sonst wird die Sache zu schön. Die politische Vielfalt in meiner Gemeinde ist die Vielfalt eines Milieus. Wer ganz anders lebt, sitzt gar nicht erst da, und das repariert kein Gesprächsformat. Wir könnten die beste Streitkultur Norddeutschlands entwickeln und hätten die Leute immer noch nicht im Raum, die zu Hause bleiben, weil ihnen unsere Sprache fremd ist.
Wo unser Prinzip missverstanden wird
Bei uns gibt es dazu eine Debatte, die nie aufhört, und sie hat mit dem Format zu tun: Dürfen wir politisch predigen?
Als Baptist komme ich aus einer Tradition, die keine Staatskirche wollte. Trennung von Kirche und Staat, freiwillige Gemeinschaft, keine Kirchensteuer. Das ist der Grund, warum es uns überhaupt gibt. Und es wird bei uns regelmäßig als Argument gegen politische Predigten in Stellung gebracht.
Ich halte das für eine Verwechslung. Die Trennung begrenzt den Zugriff des Staates auf die Gemeinde und den Anspruch der Gemeinde auf staatliche Macht. Sie sagt nichts darüber, worüber Christen reden dürfen. Unser Bund ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und dürfte Kirchensteuer erheben. Er verzichtet freiwillig darauf und lebt von Spenden und Kollekten. Diese Unabhängigkeit haben wir uns ausgesucht. Wir gehören damit zu den wenigen, die frei reden könnten, und benutzen ausgerechnet unsere Freiheit als Begründung für Zurückhaltung.
Nur trifft das Argument ohnehin die falsche Frage, denn eine Predigt ist Verkündigung. Sie beansprucht nicht, ein Streitgespräch zu sein, und sie ist auch keins. Meine Predigt über Charlie Kirk hat etwas ausgelöst, und ich bin froh darüber. Geredet wurde danach viel, in unserer Gemeinde ebenso wie in fremden Wohnzimmern, aber immer im privaten Rahmen, zwischen Leuten, die einander einen Link geschickt hatten. Weitergeschickt wird so ein Text vermutlich vor allem von denen, die ihm zustimmen. Dann waren es überwiegend Gespräche unter Gleichgesinnten, und das ist nach dieser Studie die Sorte, die Positionen härter macht. Der Bedarf war damit belegt, nur hat die Gemeinde selbst nie einen Ort angeboten, an dem auch die anderen dabeigewesen wären.
Die EKD hat gemeinsam mit der Diakonie vor der Bundestagswahl 2025 die #VerständigungsOrte gestartet. Kirchengemeinden, Akademien und andere Einrichtungen öffnen ihre Räume für kontroverse Diskussionen, bis Ende 2025 haben sich über 200 registriert. Die Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs sagt dazu: „Unsere Demokratie lebt nicht nur von Mehrheiten, sondern von Verständigung.“
In meiner Gemeinde kennt das niemand, und ich kannte es bis vor kurzem selbst nicht.
Römer 14
Es gibt eine Gemeinde im Neuen Testament, die sich zerlegt hat, und es ging nicht um Gott. Es ging um Essen und um Feiertage. Die einen aßen Fleisch, die anderen hielten das für Sünde, und beim Kalender stand es genauso: Manche hielten bestimmte Tage für besonders, für andere waren alle gleich. Paulus schreibt darüber nach Rom, und er tut das Erstaunliche: Er entscheidet den Streit nicht.
Er lässt beide Positionen stehen. Verboten wird nur eine Sache: „Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen.“ (Römer 14,3)
Was Paulus hier macht, ist dasselbe, was die Ökonomen fast zweitausend Jahre später an ihren Daten beobachtet haben. Die Meinungsverschiedenheit bleibt, aber die Verachtung geht weg. Er nennt es Annahme, sie nennen es affektive Polarisierung, gemeint ist derselbe Vorgang.
Für den Betrieb einer Gemeinde hat das eine unangenehme Konsequenz. Einigkeit ist nicht das Ziel. Eine Gemeindeversammlung, in der am Ende alle dasselbe denken, hat nichts bewiesen, außer dass die Uneinigen geschwiegen haben. Und wenn ich mir wünsche, dass mein Gegenüber nach einem Gespräch meine Position übernimmt, wünsche ich mir etwas, das nach der Studie nicht passiert und nach Paulus auch nicht muss.
Die Grenze
Mit wem redet man nicht? Ich habe für mich eine klare Antwort darauf gefunden: echter, unverhohlener Rassismus und gelebte Menschenfeindlichkeit. Das ist keine Meinung, über die ich mich austausche. Maßgeblich ist, was jemand tut und sagt, und ein Parteibuch sagt mir das nicht.
Das Problem ist, dass man das vorher meistens nicht weiß. Man merkt es in dem Gespräch, für das man sich schon entschieden hatte. Eine Grenze, die man erst erkennt, wenn man sie überschritten hat, taugt schlecht als Kriterium für die Einladung.
Dazu kommt der Einwand, den ich am ernstesten nehme. Adrian Schulz hat 2018 in der taz über „Deutschland spricht“ geschrieben, das Format mache die eigentlichen Konfliktpunkte zu Marginalien, weil Medienhäuser die Fragen vorgeben und am Ende ohnehin alle super miteinander zurechtkommen.
Die Zahlen der Studie geben ihm mehr recht, als mir lieb ist. Wer sich anmeldet, ist politisch überdurchschnittlich interessiert: Nur zwei Prozent der Untersuchten waren Nichtwähler. Und die Gruppe war schief. 69 Prozent verorteten sich links der Mitte, sieben Prozent bevorzugten die AfD, und die Forscher konnten ihre Teilnehmenden zu 83 Prozent einem linken Lager zuordnen. Wer dort einen Andersdenkenden traf, traf also oft jemanden aus demselben Lager, der bei vier von sieben Fragen anders geantwortet hatte. 95 Prozent fanden die Atmosphäre angenehm, ein Prozent berichtete von lautem Streit.
Der Vorwurf trifft auch eine Gemeinde, sogar besonders, denn wir sind sehr gut darin, Konflikte weich zu machen. Ein Abend, an dem sich alle hinterher zufrieden verabschieden, kann bedeuten, dass ein Streit geführt wurde. Er kann auch bedeuten, dass keiner ihn angefangen hat.
Die Studie hilft hier nur halb weiter. Sie misst zwar, dass die Verachtung sinkt, aber nicht, ob vorher etwas Wichtiges gesagt wurde.
Was ich will
Ich hätte gerne, dass die Kreuzkirche ein Verständigungsort wird. Ohne Aktionstag und ohne Bühne, als das, was sich in den Daten als wirksam erwiesen hat: zwei Leute an einem Tisch, ohne Publikum.
Kirche als Ort der Verständigung, der Räume zwischen unterschiedlichen Menschen schafft, Meinungen willkommen heißt, Menschen versöhnt und zusammenbringt: Das ist mein Traum von Gemeinde. Und Kirche hat gute Voraussetzungen dafür, in ihrer Theologie, in ihrem Miteinander und in ihrer Verankerung in Jesus Christus.
Charlie Kirk hat sich an einen Tisch gesetzt und Kameras dazugestellt. Die ZEIT hat sich eine Kirche gemietet und eine Bühne hineingebaut. Was übrig bleibt, wenn man beides weglässt, setzt Paulus in Römer 14 als selbstverständlich voraus, und bei uns steht es trotzdem nicht auf dem Programm.
Der Tisch ist ohnehin nicht meine Erfindung. Jesus hat sich mit Menschen an Tische gesetzt, mit denen sonst niemand essen wollte, und der Vorwurf gegen ihn lautete genau so: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“ (Lukas 15,2) Geklärt, wer von beiden recht hat, hat er vorher nicht.
Ich fange mit den acht Fragen an und frage ein paar Leute, wie sie geantwortet hätten. Wenn ich dabei so viel Widerspruch finde, wie ich vermute, weiß ich, wen ich an einen Tisch bitten muss.
Euer
Mathis
Foto von Vitaly Gariev auf Unsplash
Quellen
Ximeng Fang, Sven Heuser, Lasse S. Stötzer – How in-person conversations shape political polarization: Quasi-experimental evidence from a nationwide initiative, Journal of Public Economics, Band 242 (2025), DOI 10.1016/j.jpubeco.2025.105309. Die Auswertung von „Deutschland spricht“, auf der dieser Text ruht. Untersucht wurde die Runde vom 23. September 2018 mit rund 4.200 Paaren; ausgewertet wurden 1.523 Teilnehmende, die beide Befragungen ausgefüllt haben (775 mit Gleichgesinnten, 748 mit Andersdenkenden gepaart). Alle Zahlen im Text stammen aus der frei zugänglichen Vorabfassung (ECONtribute Discussion Paper 270, Dezember 2023), die ich vollständig gelesen habe. Die Effekte gebe ich oben als Bruchteile an, damit sie lesbar bleiben; im Papier stehen sie als Standardabweichungen: 0,28 für die affektive Polarisierung, 0,20 für den Zusammenhalt, 0,15 für den Effekt unter Gleichgesinnten. Die Facebook-Vergleichsstudie, die die Autoren heranziehen, kommt auf rund 0,1. Der zweite Befund, dass Gespräche unter Gleichgesinnten die Positionen extremer machen, wird in der Berichterstattung fast nie erwähnt und ist für Gemeinden der wichtigere.
My Country Talks / DIE ZEIT – Deutschland spricht 2026. Verfahren, die acht Fragen, Gesprächstag am 30. August 2026, elf Medienpartner, öffentliche Treffpunkte einschließlich der Johanniskirche in Magdeburg. Die Angabe von über 100.000 vermittelten Gesprächen stammt von den Veranstaltern und bezieht sich auf das internationale Programm in mehr als hundert Ländern, nicht auf Deutschland allein.
Landeshauptstadt Magdeburg und Messe- und Veranstaltungsgesellschaft Magdeburg – Zur Johanniskirche: Luthers Predigt „Über die wahre und falsche Gerechtigkeit“ am 26. Juni 1524, die viermalige Zerstörung, Wiederaufbaubeginn am 16. Januar 1991, Wiedereinweihung am 2. Oktober 1999, Nutzung als Tagungs- und Konzertzentrum seitdem, Gottesdienst am Reformationstag. Zu den Baukosten nennt die Stadt rund 20,2 Millionen D-Mark, die Betreibergesellschaft rund 20 Millionen; ich habe die vorsichtigere Angabe genommen.
Assassination of Charlie Kirk / Memorial service of Charlie Kirk – Zum Tathergang am 10. September 2025 an der Utah Valley University, zum „Prove Me Wrong“-Tisch als Format der „American Comeback Tour“ und zur Trauerfeier am 21. September 2025 im State Farm Stadium in Glendale mit über 100.000 Teilnehmenden.
NBC News – Charlie Kirk's memorial serves as a conservative 'revival,' mixing calls for forgiveness and vengeance (September 2025). Die Beschreibung, an der ich meinen eigenen Eindruck geprüft habe. Die wörtlichen Zitate von Erika Kirk und Donald Trump stammen aus der Liveberichterstattung von ABC News und CNN vom 21. September 2025; die Übersetzungen sind meine.
Sinus-Institut – Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus, verfügbar über die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz. Die Untersuchung, die zeigt, welche Milieus für kirchliche Angebote erreichbar sind. Sie ist der Grund, warum ich den Satz über die Vielfalt in meiner Gemeinde eingeschränkt habe.
EKD – Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung VI (2023), über 5.000 Befragte. Daraus stammt der Befund zum höheren Vertrauen von Kirchenmitgliedern, den ich hier gegen den Strich gelesen habe.
Robert D. Putnam – Bowling Alone (2000). Die Unterscheidung von bonding und bridging social capital. Die nützlichste Begriffsarbeit, die ich zu diesem Thema kenne, weil sie erklärt, warum eine Gemeinde sich zugleich sehr verbunden und sehr abgeschlossen anfühlen kann.
EKD und Diakonie – #VerständigungsOrte, gestartet vor der Bundestagswahl 2025, über 200 registrierte Orte bis Ende 2025, Zitat von Kirsten Fehrs nach evangelisch.de vom 26. Februar 2026.
Adrian Schulz – Hauptsache, man ist Mensch, Kommentar in der taz vom 26. September 2018. Die schärfste Kritik am Format, die ich gefunden habe. Beim Nachrechnen in der Studie hat sich herausgestellt, dass die Stichprobe seinen Verdacht stützt.
Forschungsgruppe Wahlen – Umfrage für das ZDF-Politbarometer, erhoben vom 25. bis 27. August 2026: AfD 40 Prozent, CDU 23 Prozent. Infratest dimap kam wenige Tage zuvor auf 42 zu 22 Prozent.
Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden – Zur Finanzierung: Der Bund ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, dürfte Kirchensteuer erheben und verzichtet freiwillig darauf. Gemeinden finanzieren sich über Spenden und Kollekten. Freiwilligkeit gilt bei uns für Mitgliedschaft, Mitarbeit und Geld gleichermaßen, und das ist der Hintergrund des Abschnitts über unser Prinzip.
Gert Pickel – Religions- und Kirchensoziologe an der Universität Leipzig. Seine Arbeiten zeigen, dass sich die ablehnende Haltung der Kirchenleitungen gegenüber rechtspopulistischen Positionen bei den Mitgliedern nicht eins zu eins wiederfindet. Ich habe ihn im Text nicht zitiert, aber er hat mich davon abgehalten, die Gemeinde für den besseren Ort zu halten.
Römer 14 – Zitiert nach der Lutherbibel 2017.