Kirche
27. Juli 2026· 13 Min. Lesezeit

Abstand von der Gemeinde – und warum das kein Verrat ist

Drei Wochen lang habe ich nicht an die Kreuzkirche gedacht. Und ausgerechnet das war das Beste, was ich für sie tun konnte.

Abstand von der Gemeinde – und warum das kein Verrat ist

Es gibt diesen Moment am ersten Tag des Urlaubs, den ich jedes Jahr mitmache. Wir haben das Auto vollgeladen, die Kinder sitzen drin, irgendjemand hat seinen Lieblingssnack vergessen, und wir fahren trotzdem ab. Die ersten Kilometer über die Autobahn, und dann, nach einer Weile auf dem Weg in den Urlaub, fragt mein Kopf: Hast du eigentlich dem Leitungskreis noch Bescheid gegeben? Läuft die Sonntagsplanung wirklich? Wird das Thema am dritten Wochenende so klappen, wie ich mir das vorgestellt habe?

Ich bin Pastor. Ich leite die Kreuzkirche. Und ich sage das ohne jeden Vorbehalt: Ich bin gerne Pastor. Es gibt kaum etwas, das mich so erfüllt wie Menschen in wichtigen Momenten zu begleiten, Gottesdienste zu gestalten, Gespräche zu führen, die wirklich zählen. Die Kreuzkirche ist mein Beruf – und gleichzeitig weit mehr als das. Sie ist ein Teil von mir.

Trotzdem brauche ich manchmal Abstand von ihr.

Das klingt vielleicht irritierend. Aber ich glaube, dass genau diese Spannung das Ehrlichste ist, was ich über meinen Beruf sagen kann. Wer etwas wirklich liebt, weiß, wie leicht diese Liebe kippt. Wenn man zu lange zu nah dran bleibt. Wenn man nicht mehr den Unterschied sieht zwischen dem, was wichtig ist, und dem, was sich bloß dringend anfühlt.

Diese Sommerferien haben mich das wieder gelehrt. Ich lerne jedes Jahr daraus, was ich dir hier zur Verfügung stellen will.


Phase 1: Loslassen – aber das geht nicht auf Knopfdruck

Die ersten Tage des Urlaubs sind diejenigen, an denen ich lerne, am ehrlichsten zu mir selbst zu sein. Das ist erstmal unangenehm.

Es ist, als würde ich aus einem fahrenden Zug springen. Ich sitze am Campingplatz, das Abendessen brutzelt auf dem Grill, die Kinder laufen irgendwo rum, es ist warm – und trotzdem läuft mein Kopf. Ein Gespräch von letzter Woche, das noch nachhallt. Eine Situation im Gottesdienst, die ich im Nachhinein anders gelöst hätte. Eine Antwort, die ich gegeben habe, und bei der ich nicht sicher bin, ob sie gut war. Ein Thema, das in der Gemeinde gerade schwelt.

Das ist kein Versagen. Wer intensiv gearbeitet hat, bringt diese Intensität mit. Sie lässt sich nicht einfach abstellen, als würde ich auf einen Lichtschalter drücken.

Früher hat mich das gestört. Ich dachte, im Urlaub müsste ich sofort ankommen. Abschalten. Locker werden. Wenn das nicht klappte, war das irgendwie eine Niederlage.

Inzwischen habe ich aufgehört, das zu bewerten. Die ersten Tage sind die Tage des Loslassens. Loslassen passiert nicht von selbst. Es bedeutet, das Unfertige kurz anzuschauen. Die Irritation zu benennen. Das, was ich mitgetragen habe, wirklich in die Hand zu nehmen – und dann aus der Hand zu geben.

Das Unfertige ist das, was am stärksten zieht. Ich bin jemand, der mit losen Enden schlecht umgehen kann. Im Alltag gibt es immer welche. Gespräche, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Projekte, die noch nicht dort sind, wo ich sie hinwollte. Menschen, bei denen ich spüre, dass noch etwas offen ist. Mit diesen Enden fahre ich in den Urlaub. Die ersten Tage bestehen darin zu lernen, dass ich sie jetzt nicht lösen kann. Und dass das vermutlich gut ist.

Mit den Irritationen ist es nicht anders. Sätze, die mir jemand gesagt hat und die ich noch nicht richtig verdaut habe. Dynamiken, die ich ungünstig finde. Im Alltag bleibt dafür selten Raum, weil immer schon das Nächste wartet. Im Urlaub tauchen diese Dinge auf, weil plötzlich Platz ist.

Ich muss da durch. Nicht weiter analysieren, nicht lösen wollen – einfach laufen lassen. Sich absetzen. Diese ersten Tage fühlen sich manchmal weniger nach Urlaub an als nach einer inneren Buchführung. Aber sie sind die Voraussetzung für das, was danach kommt.


Phase 2: Einfach weg sein

Es gibt einen Moment – meistens am vierten oder fünften Tag – an dem sich etwas verändert.

Das lässt sich schlecht beschreiben. Es ist keine dramatische Wende. Es ist eher so, als würde ein Hintergrundgeräusch aufhören, das ich die ganze Zeit nicht bewusst wahrgenommen hatte. Plötzlich ist es weg. Und erst durch seine Abwesenheit merke ich, wie laut es war.

In dieser Phase denke ich nicht mehr an die Kreuzkirche. Wirklich nicht. Nicht weil ich sie nicht mag – weil gerade anderes dran ist.

Ich bin mit meiner Familie auf Reisen. Ich bin mit den Kindern im Wasser. Ich koche auf dem Campingkocher. Ich sitze abends mit meiner Frau zusammen, wenn die Kinder schlafen, und wir reden – wirklich reden, nicht das kurze Abhaken nach einem langen Arbeitstag. Ich lese Bücher, die nichts mit meinem Beruf zu tun haben. Ich fahre Rad. Ich wache morgens auf und habe keinen Plan, was der Tag werden soll.

Das klingt banal. Ich glaube trotzdem: es ist das Wichtigste, was ich in diesen Wochen tue.

Weil ich in meinem Beruf sehr viel mit Menschen zusammen bin – und es immer wieder fordert, auch wirklich mit ihnen zu sein und nicht nur bei ihnen. Der Hintergrundlärm der Gemeindearbeit läuft einfach immer mit. Der Nächste-Sonntag-Gedanke. Die offenen Gespräche. Das, was noch kommt. Im Urlaub fällt das weg. Und dann merke ich, wie anders Nähe sich anfühlen kann, wenn sie nicht um die Ecke noch anderes denkt.

Es ist manchmal verblüffend, was das macht. Meine Frau sagt mir das manchmal direkt. Die Kinder auch, auf ihre Art. Sie merken, wann ich wirklich dabei bin – und wann nicht. Kinder wissen das sehr genau.

Und es ist nicht nur die Gemeinde, die ich loslasse. Auch mein Ehrenamt ruht. Keine Social-Media-Posts für den FFV, keine Organisation drum herum, keine Vereinsthemen. Auch das gehört zur Pause.

Ich merke auch, wie ich lebe, wenn mein Beruf nicht der Taktgeber ist. Was mich morgens interessiert, wenn niemand erwartet, dass ich etwas liefere. Was ich abends vermisse, wenn kein Gottesdienst zu planen ist. Was ich von selbst tun würde, wenn ich frei wäre.

Das ist eine etwas unheimliche Frage. Und ich bin nicht immer glücklich damit, was dabei rauskommt. Manchmal stelle ich fest, dass ich bestimmte Dinge im Beruf mache, weil sie sich angesammelt haben – nicht weil ich sie für wichtig halte. Dass mir Dinge fehlen, die ich im Alltag komplett vergesse. Dass mein eigener Glaube gerade eher funktioniert als lebt. Nicht krisenhaft. Aber merklich.

Diese Ehrlichkeit finde ich nirgends so gut wie im Urlaub. Dafür braucht es Stille und Zeit. Im Alltag habe ich beides selten gleichzeitig.

Der Urlaub legt das frei. Nicht immer angenehm. Meistens ehrlich.


Phase 3: Starten wie ein Rookie

Das ist die Phase, die ich am wenigsten erwartet hatte, als ich jung im Beruf war. Und die ich inzwischen am meisten schätze.

Etwa in der letzten Woche beginnt mein Kopf von selbst, in eine andere Richtung zu laufen. Nicht zurück in den Alltagsmodus – aber auch nicht mehr im Strand-und-Kaffee-Modus. Fragen entstehen. Ideen. Manchmal nur einzelne Bilder.

Ich denke an die Kreuzkirche – aber anders als zu Hause. Nicht mehr: Was muss noch erledigt werden? Sondern: Was möchte ich eigentlich? Was wäre gut? Was fehlt, das ich noch nicht einmal als fehlend wahrgenommen habe?

Diese Gedanken kommen ohne Druck. Weil mein Kopf in den letzten Wochen nicht ständig Aufgaben abgearbeitet hat, sondern einfach offen war. In dem Zustand entstehen Verbindungen, die ich zu Hause nicht hinbekomme.

Ich denke zum Beispiel an Gottesdienste – und zwar nicht an die nächsten, die anstehen, sondern ganz grundsätzlich: Wofür eigentlich? Was soll jemand mitnehmen, wenn er sonntags nach Hause geht? Was hätte ich selbst gerne, wenn ich in einer Gemeinde wäre, die nicht meine eigene ist? Diese Fragen stelle ich nicht zum ersten Mal. Aber im Urlaub beantworte ich sie anders. Ehrlicher. Ohne die Antworten, die sich im Laufe der Zeit eingeschliffen haben.

Das ist etwas, das ich als Beobachter in anderen Gemeinden manchmal von außen sehe: Pastoren, die irgendwann auf Autopilot sind. Nicht weil sie nicht mehr wollen, sondern weil sie nie Abstand bekommen haben. Der Betrieb hat sie überholt. Mir passiert das auch – das ist keine Aussage über andere, sondern über mich. Und der Abstand ist das einzige Mittel, das ich kenne.

Ich denke an Menschen – und an Gespräche, die noch ausstehen. Nicht auf einer Liste. Sondern wirklich gewollt.

Ich denke an Themen. An Dinge, die mich im Urlaub bewegt haben – in Büchern, in Gesprächen, beim Radfahren durch fremde Orte – und die ich gerne in die Gemeinde hineintragen würde. Nicht als fertige Antwort, sondern als Frage. Als Einladung.

In dieser Phase bin ich wie ein Neueinsteiger. Ich schaue auf die Kreuzkirche, als würde ich sie zum ersten Mal sehen. Ohne Betriebsblindheit. Frisch.

Das ist etwas, was man sich nicht durch Anstrengung erarbeiten kann. Nur gönnen – durch Abstand.

Ich komme also nicht mit leeren Händen zurück. Ich komme mit Fragen. Mit Richtungen. Mit einer klareren Ahnung, was mir wirklich wichtig ist – und was ich im Herbst anders machen möchte als im Frühjahr. Nicht weil ich das so geplant hatte, sondern weil es entstanden ist.

Und das geht nicht ohne die ersten beiden Phasen. Das merke ich jedes Jahr neu.


Eine Reise bei der Reise

Ich nenne das manchmal so: eine Reise bei der Reise.

Wir fahren in diesen Wochen durch Norwegen, Dänemark, Frankreich. Das ist die äußere Reise. Aber gleichzeitig passiert innen etwas, das dieselbe Struktur hat. Aufbruch heißt: loslassen, was ich mitgebracht habe. Unterwegssein heißt: wirklich weg, nicht nur geografisch. Ankommen bringt dann etwas mit, das nicht eingepackt war, als ich fuhr.

Diese innere Reise lässt sich nicht planen. Die Phasen lassen sich nicht erzwingen. Das braucht Zeit. Geduld. Und Vertrauen.

Das Vertrauen ist, glaube ich, das Schwerste. Die Kreuzkirche läuft ohne mich. Sie hat Menschen, die gut darin sind, was sie tun. Zwei Kollegen, die eine super Arbeit machen – mit derselben Leidenschaft wie ich. Gott macht keinen Urlaub, wenn ich es tue. Und das meiste, was ich für so dringend halte, stellt sich im Nachhinein meistens als weniger dringend heraus.

Dieses Loslassen ist kein Desinteresse. Es sieht nur manchmal so aus. Wer sich nie lösen kann von dem, was er liebt, klammert – und klammernde Pastoren führen schlecht. Wer nie Abstand nimmt, sieht die Gemeinde irgendwann nur noch von innen. Enger. Als eine Liste von Problemen und offenen Punkten.

Mit Abstand sehe ich Dinge, die ich aus nächster Nähe schon lange nicht mehr gesehen hatte.


Kein Verrat – sondern Pflege

Wenn ich zurückkomme, merken das die Leute manchmal. Nicht wegen irgendwas, das ich sage. Sondern weil ich anders da bin. Weniger eng. Ruhiger. Mehr dabei.

Das kommt nicht von irgendwo.

Wer sagt: Ich brauche Abstand von dem, was mir wichtig ist – den würde ich nie als schwach bezeichnen. Das ist ein Zeichen, dass man sich selbst kennt. Dass man weiß, wie man sich hält. Wie man einen Beruf lebt, ohne ihn zu verheizen.

Abstand ist kein Verrat. Abstand ist Pflege. An sich selbst. Und an der Sache, von der man Abstand nimmt.

Ich gehe gerne in die Kreuzkirche. Ich liebe diese Gemeinde und ihre Menschen. Ich freue mich auf das, was kommen wird im Herbst.

Aber ich sage auch: Diese Wochen waren gut. Nicht obwohl ich weg war. Sondern weil ich wirklich weg war.

Euer Mathis

Foto von Jessica Yap auf Unsplash


Quellen und weiterführende Lektüre

Sabine Sonnentag & Charlotte FritzThe Recovery Experience Questionnaire: Development and Validation of a Measure for Assessing Recuperation and Unwinding from Work (Journal of Occupational Health Psychology, 2007). Sonnentags Forschung ist für mich die präziseste wissenschaftliche Beschreibung von dem, was ich in diesen Wochen erlebt habe: Psychologisches Abschalten – der gedankliche Abstand zur Arbeit – ist wichtiger als Dauer oder Art der Erholung. Die Studie ist eine der am häufigsten zitierten im Bereich Erholungsforschung und gut zugänglich.

Matthew CrawfordDie Wiedergewinnung des Wirklichen (Ullstein, 2015; Original: The World Beyond Your Head, 2015). Crawford fragt, was echte Aufmerksamkeit bedeutet – und was sie zerstört. Ich habe das Buch im Urlaub gelesen und musste mehrfach innehalten. Es beschreibt sehr gut, was im Kopf passiert, wenn der Alltag aufhört und wieder Raum entsteht.

Eugene PetersonThe Contemplative Pastor. Returning to the Art of Spiritual Direction (Eerdmans, 1989). Peterson war selbst Gemeindepastor – und hat viel darüber nachgedacht, was das Handwerk des Pastoreins kostet und braucht. Warum Langsamkeit und Rückzug keine Feigheit sind, sondern Voraussetzung. Für mich eines der ehrlichsten Bücher über diesen Beruf.