Gesellschaft
20. Mai 2026· 5 Min. Lesezeit

Reden – aber wie lange noch?

Irgendwann hört man auf, überrascht zu sein. Aber aufhören zu reden – das darf man sich nicht leisten.

Reden – aber wie lange noch?

Reden – aber mit wem?

In Thüringen hat die AfD die letzte Landtagswahl gewonnen – mit 32,8 Prozent, stärkste Kraft. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo im Herbst 2026 gewählt wird, führt sie in den Umfragen mit Werten um 40 und 35 Prozent. Irgendwann hört man auf, überrascht zu sein. Nicht weil man sich abgefunden hätte – sondern weil der Schock sich in etwas Langsameres verwandelt. Eine Art Verschiebung des Bodens unter den Füßen, die man nicht mehr als Ereignis wahrnimmt, sondern als Zustand.

Und dann, kurz danach, am Rande eines Fußballspiels: ein fremdenfeindlicher Ausspruch. Beiläufig, wie selbstverständlich.

Dieser Moment hat mich mehr beschäftigt als die Wahlnacht. Denn die große Politik passiert weit weg. Aber das hier war neben mir. Und die Frage, die seitdem nicht aufgehört hat, ist nicht: Was ist mit diesem Land los? Sondern: Was tue ich eigentlich? Und was sollte ich tun?


Warum viele aufgehört haben

Ich kenne Menschen, die früher in solchen Situationen sofort reagiert hätten. Die sich Diskussionen nicht gescheut haben – in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Die widersprochen haben, auch wenn es unbequem wurde. Und die irgendwann aufgehört haben.

Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus Erschöpfung.

Denn jedes Gespräch kostet etwas. Zeit, Energie, emotionale Substanz. Und wenn man das Gefühl hat, dass nichts davon ankommt – dass man jedes Mal gegen dieselbe Wand redet, die Argumente prallen ab, die andere Person geht genauso raus wie rein –, dann gibt man irgendwann auf. Das ist menschlich. Das ist verständlich.

Aber es hat Konsequenzen. Wer nicht widerspricht, signalisiert Zustimmung oder zumindest Gleichgültigkeit. Die Bemerkung bleibt stehen. Und Räume, in denen niemand widerspricht, füllen sich allmählich mit dem, was unwidersprochen bleibt.

Das Schweigen ist keine neutrale Position. Es hat eine eigene Wirkung. Und wer das versteht, steht nicht vor einer einfachen Entscheidung – rede ich oder nicht? –, sondern vor einer schwierigen: Was bin ich bereit zu riskieren, wenn ich rede? Und was riskiere ich, wenn ich es nicht tue?


Was für das Gespräch spricht

Es gibt eine Forschungsrichtung, die sich mit Deradikalisierung beschäftigt – also damit, wie Menschen aus extremen Überzeugungen wieder herauskommen. Die Ergebnisse sind bemerkenswert einheitlich: Menschen ändern ihre Überzeugungen fast nie durch Argumente allein. Sondern durch Beziehungen.

Exit Deutschland begleitet seit Jahrzehnten Menschen beim Ausstieg aus der Neonazi-Szene. Was fast immer den Unterschied macht: jemand, der den Menschen kennt – nicht die Ideologie, sondern den Menschen dahinter – und der trotzdem im Gespräch bleibt. Ein Familienmitglied. Ein alter Schulfreund. Jemand, dem man nicht einfach als Feind begegnen kann, weil man eine gemeinsame Geschichte hat.

Das gilt auch unterhalb der Extremismusgrenze. Der Nachbar, der AfD wählt. Die Verwandte, die beim Familientreffen über "die Ausländer" redet. Der Bekannte, der Verschwörungserzählungen teilt. Ob jemand aus dem persönlichen Umfeld widerspricht, macht – nach allem, was wir wissen – tatsächlich einen Unterschied. Nicht sofort. Nicht garantiert. Aber die Forschung ist hier eindeutig: persönliche Beziehungen bewegen mehr als öffentliche Debatten.

Das ist eigentlich eine ermutigende Nachricht. Sie sagt: Was du im Kleinen tust, ist nicht wirkungslos. Wer im persönlichen Umfeld spricht, tut etwas, das wirkt. Und wer schweigt, überlässt die Entwicklung den anderen.


Was gegen das Gespräch spricht

Aber – und das ist ein echtes Aber – nicht jedes Gespräch ist gleich. Und hier liegt ein Missverständnis, das in den Debatten der letzten Jahre für viel Verwirrung gesorgt hat.

Die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt hat sich jahrzehntelang mit Holocaust-Leugnern befasst. Ihr Grundsatz: Sie debattiert nicht mit ihnen. Nicht weil sie keine Argumente hätte. Sondern weil die Form des Gesprächs selbst bereits eine Aussage macht.

Wer auf einem Podium neben jemandem sitzt, dessen Kernbehauptungen historische Fakten leugnen oder Menschengruppen entmenschlichen, signalisiert allein durch seine Anwesenheit: Hier sind zwei gleichwertige Positionen. Das ist ein Fehler – unabhängig davon, wie gut man selbst argumentiert. Die Bühne verleiht Legitimität, die das Argument dann gar nicht mehr korrigieren kann.

Das gilt auch für die Frage, wie man öffentlich mit Teilen der AfD umgeht – gerade mit denen, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft hat. Wer mit Björn Höcke in einer Talkshow sitzt oder ihm in einem YouTube-Format begegnet und über Migrationspolitik diskutiert, hat in diesem Moment bereits akzeptiert, dass das eine Frage ist, über die man mit ihm zu diskutieren bereit ist. Genau deshalb ist es ein Fehler, solchen Politikern diese Bühnen zu geben – nicht weil man keine Argumente hätte, sondern weil das Format selbst Legitimität verleiht, die das Argument nicht mehr zurücknehmen kann. Dieser Schritt verschiebt etwas. Was heute debattierbar klingt, war gestern noch undenkbar. Das ist keine Theorie. Das ist beobachtbar.


Die Unterscheidung, die ich für wichtig halte

Hier liegt das Zentrum der ganzen Frage – und es wird zu selten klar benannt:

Gesprächsbereitschaft und Debattierbereitschaft sind zwei verschiedene Dinge.

Mit einem Menschen zu reden – auch wenn er Positionen vertritt, die ich falsch, verletzend oder gefährlich finde – bedeutet nicht, dass ich seine Prämissen für diskutierbar halte. Ein Gespräch unter Menschen ist etwas anderes als eine Debatte über Wahrheitsansprüche. Im Gespräch sehe ich die Person. In der Debatte bekämpfe ich die Position.

Und das bedeutet auch: Mit wem spreche ich eigentlich? Der AfD-Wähler aus meiner Straße, der frustriert ist über steigende Mieten und das Gefühl, nicht gehört zu werden, ist ein anderer Mensch als jemand, der ideologisch gefestigt Hass als politisches Programm betreibt. Mit beiden kann man reden. Aber man redet nicht dasselbe.

Ich werde nicht für jedes Gespräch eine ideologische Lageanalyse durchführen. Das ist unrealistisch. Aber ich kann versuchen zu unterscheiden: Habe ich es mit Enttäuschung zu tun oder mit Überzeugung? Mit jemandem, der noch zweifelt, oder mit jemandem, dem Zweifel längst fremd geworden ist?

Der erste braucht jemanden, der zuhört, bevor er widerspricht. Der zweite braucht vor allem eine klare Grenze.


Was ich daraus mache

Ich bin kein guter Diskutierer. Ich werde schnell ungeduldig, wenn Gespräche im Kreis laufen. Und ich habe auch keinen Anspruch darauf, jeden zu erreichen – das wäre anmaßend.

Aber ich glaube, ich habe eine Verantwortung, nicht zu schweigen. Das Fußballspiel hat mich das noch einmal anders gelehrt. Ein Fremder hat die Bemerkung gemacht – und jemand aus unserem Verein hat ihn weggeschickt. Ohne große Worte, ohne Diskussion. Einfach eine klare Grenze. Das war kein Gespräch. Aber es war trotzdem eine Haltung.

Für öffentliche Räume – soziale Medien, Leserbriefe, Veranstaltungen – denke ich anders als Lipstadt. Ich will dort reden. Aber nicht, weil ich glaube, dass dort Diskussionen entstehen oder Meinungen sich ändern. Sondern weil öffentliche Gegenrede notwendig ist, auch wenn sie kein Gespräch erzeugt. Wer schweigt, stimmt nicht zu – aber er zeigt es auch nicht. Und das macht einen Unterschied, für die, die zuhören.

Ich glaube an Gespräche. Ich glaube nicht daran, dass jedes Gespräch gut ist. Und ich versuche zu lernen, den Unterschied zu erkennen – wann Reden hilft, wann es schadet, und wann es einfach trotzdem nötig ist.

Euer Mathis

Foto von engin akyurt auf Unsplash


Quellen

Exit Deutschland. Über uns – Ausstieg aus dem Rechtsextremismus. https://www.exit-deutschland.de

Bjørgo, T. / Horgan, J. (Hrsg., 2009). Leaving Terrorism Behind: Individual and Collective Disengagement. Routledge.

Lipstadt, Deborah (1993). Denying the Holocaust: The Growing Assault on Truth and Memory. Free Press. — Grundlage ihrer Haltung, nicht mit Leugnern zu debattieren. Relevant für die Frage, wann Gesprächsverweigerung eine sinnvolle Haltung ist.

Bundesamt für Verfassungsschutz (2025). Verfassungsschutzbericht 2024. https://www.verfassungsschutz.de

Moonshot CVE (2023). How People Leave Extremism Behind. https://moonshotcve.com