Gesellschaft
21. September 2026· 13 Min. Lesezeit

Der Prediger, der vor der Tür geraucht hat

Unsere besten Freunde sind die Leute, mit denen wir uns am Anfang am wenigsten einig waren.

Der Prediger, der vor der Tür geraucht hat

Mitte der 2000er sind zwei junge Leute in unsere Gemeinde gekommen. Das Jahr weiß ich nicht mehr genau, es war 2006, 2007 oder 2008. Sie waren zum Studieren nach Ludwigshafen gezogen, haben sich eine Gemeinde gesucht und sind bei uns gelandet. Wir waren ungefähr gleich alt, und viel mehr hatten wir am Anfang nicht gemeinsam.

Ein Hauskreis ist eine Handvoll Leute, die sich unter der Woche in einer Wohnung trifft, einen Bibeltext liest und darüber redet, wie es einem gerade geht. Wir haben dort dieselben Texte gelesen und sie ganz verschieden verstanden: Wie wörtlich ist ein Vers gemeint, was folgt daraus für den nächsten Dienstag, und was ist damit verboten.

Das bleibt keine Theorie, wenn dieselbe Runde eine Woche später zusammen isst und jemand eine Flasche Wein mitbringt.

Dazu kamen die Dinge, über die wir gar nicht diskutiert haben, weil jeder dachte, so macht man das eben. Die Ehepartner hingen bei ihnen viel enger aneinander als bei uns: Dass jemand traurig wird oder sich unvollkommen fühlt, wenn der andere drei Tage auf Dienstreise ist, war uns sehr fremd. Einer unserer Prediger hat vor der Tür geraucht, und für die beiden war das ganz schlimm. Bei uns hat sich daran niemand gestört, sonst hätte er dort nicht gestanden.

Die Liste der Themen, bei denen wir auseinanderlagen, ist in den Jahren danach eher länger geworden: Erziehung, Rollenbilder, Bibelverständnis, Alkohol und Rauchen, Essen, Geld.

Heute sind das unsere besten Freunde.


Was vor Ludwigshafen war

Die beiden gehören zur zweiten Generation. Ihre Eltern sind aus dem Ostblock gekommen, ich glaube aus Tadschikistan.

Wenn das stimmt, dann aus einem Land, in dem sich bei der Volkszählung 1989 noch 32.671 Menschen zur deutschen Nationalität bekannt haben, knapp 19.500 davon mit Deutsch als Erstsprache. Heute leben dort schätzungsweise 1.500 Deutsche. Dazwischen liegen das Ende der Sowjetunion und ein Bürgerkrieg, der von 1992 bis 1997 gedauert hat.

Seit der Grenzöffnung 1987 sind rund 2,4 Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland gekommen, allein 1989 und 1990 wurden 377.000 und 397.000 Menschen aufgenommen. Seit 1950 sind es zusammen rund 4,5 Millionen Aussiedler, Spätaussiedler und Angehörige.

Dass in Mittelasien so viele Deutsche gelebt haben, geht vor allem auf eine einzige Anordnung zurück. Am 28. August 1941 hat das Präsidium des Obersten Sowjets die Umsiedlung der Deutschen aus dem Wolgagebiet angeordnet und die Wolgadeutsche Republik aufgelöst. Zwischen dem 30. August und dem 20. September 1941 wurden 438.715 Menschen aus diesem Gebiet abtransportiert; bis zum 25. Dezember 1941 waren es nach Zahlen aus den Akten des Geheimdienstes insgesamt 894.626 Deutsche in der ganzen Sowjetunion. Der Vorwurf war pauschal: Zusammenarbeit mit Nazideutschland. Sie kamen nach Kasachstan, in den Ural und nach Sibirien.

Von 1942 bis 1946 folgte die Arbeitsarmee, in der 1946 mindestens 350.000 Russlanddeutsche Zwangsarbeit geleistet haben. Danach galten sie als Sondersiedler: Bis 1955 mussten sie sich bei einer Kommandantur des Innenministeriums melden und durften ihren Wohnort nicht verlassen. Am 13. Dezember 1955 wurde der Erlass von 1941 aufgehoben, 1964 wurden sie zum Teil rehabilitiert, aber zurück an die Wolga durften sie trotzdem nicht. Wer in den 1950er Jahren nach Tadschikistan kam, kam oft deshalb dorthin, weil er nicht dahin zurückdurfte, wo seine Familie hergekommen war.

Zwischen dieser Anordnung und dem Hauskreis in Ludwigshafen liegen zwei Generationen.

Eine Freikirche war in der Sowjetunion etwas anderes als hier. 1961, während der antireligiösen Kampagne unter Chruschtschow, hat sich der staatlich nicht anerkannte Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten abgespalten, weil die offizielle Leitung sich den Auflagen des Staates gebeugt hatte. Bis 1966 sollen sich diesem Zweig rund 155.000 Christen angeschlossen haben. Nach 1961 wurden etwa 1.500 Baptisten, Mennoniten und Pfingstler zu Haftstrafen von zusammen rund 5.000 Jahren verurteilt.

Wer Gemeinde so erlebt hat, für den gehören die Regeln zum Glauben dazu. An ihnen erkennt man, wer zu den eigenen Leuten gehört. Ob die Familie unserer Freunde das selbst durchgemacht hat, weiß ich nicht, und wie viel davon bei Kindern ankommt, die dreißig Jahre später in Ludwigshafen studieren, auch nicht. Die Regeln waren jedenfalls da, als die beiden bei uns im Hauskreis saßen.

Wir sind natürlich auch nicht ohne Vergangenheit in diesen Hauskreis gekommen. Unsere Erziehung, unsere Kirchenprägung und das, was wir bis dahin erlebt hatten, saßen genauso mit am Tisch. Nur fällt einem die eigene Herkunft nicht auf, solange alle um einen herum dieselbe haben.

Solche Gemeinden gibt es in Deutschland viele. Für den täuferischen Teil, also Baptisten und Mennoniten, stehen in der Literatur rund 520 Aussiedlergemeinden mit etwa 80.000 getauften Mitgliedern, mit Kindern und Angehörigen zusammen rund 285.000 Menschen. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, zu dem meine Gemeinde gehört, kommt auf rund 72.000 Mitglieder in etwa 800 Gemeinden. Es gibt in Deutschland also ungefähr so viele getaufte Baptisten und Mennoniten mit sowjetischer Herkunft wie Baptisten in meinem eigenen Bund.

Die allermeisten haben eigene Gemeinden gegründet. Nach den Schätzungen, die ich gefunden habe, haben sich nur 8.000 bis 9.000 baptistisch-mennonitische Spätaussiedler einer bestehenden Gemeinde angeschlossen. Unsere beiden Freunde sind also die Ausnahme.

In den Nachrichten kommen Russlanddeutsche fast nur vor, wenn es um Wahlen geht. Bei der Bundestagswahl 2017 lag der Anteil der AfD-Stimmen unter ihnen nach verschiedenen Untersuchungen bei 15 bis 20 Prozent, in der Gesamtbevölkerung waren es 12,6 Prozent; gleichzeitig haben sie aber auch häufiger als der Durchschnitt die Linke gewählt. Der Migrationsforscher Jannis Panagiotidis hält das Bild vom geschlossenen rechten Block deshalb für falsch. Zwischen uns ging es ohnehin nie um Wahlen, aber wir haben über Erziehung, Rollenbilder, Alkohol und Geld gestritten.


Fünfhundertfünfzehn Studien über Kontakt

Der Sozialpsychologe Gordon Allport hat 1954 beschrieben, unter welchen Bedingungen die Begegnung mit einer fremden Gruppe Vorurteile abbaut. Kontakt allein reicht nicht, es müssen vier Dinge dazukommen: gleiche Augenhöhe, ein gemeinsames Ziel, Zusammenarbeit statt Wettbewerb, und jemand mit Autorität muss deutlich machen, dass diese Begegnung gewollt ist.

Thomas Pettigrew und Linda Tropp haben 2006 zusammengetragen, was in den fünfzig Jahren danach dazu geforscht wurde: 515 Studien, 713 Stichproben, über 250.000 Menschen. Wer Kontakt mit der anderen Gruppe hatte, hatte weniger Vorurteile gegen sie. Der Zusammenhang ist nicht groß, aber er taucht überall auf, in allen Ländern, bei allen Gruppen, in allen Situationen. Wo Allports vier Bedingungen erfüllt sind, wirkt Kontakt stärker, aber er wirkt auch ohne sie.

Pettigrew hat 1998 eine fünfte Bedingung ergänzt: Die Situation muss Freundschaft zulassen. Wer sich nur kurz über den Weg läuft, ändert wenig. Wer Freunde wird, erzählt dem anderen Dinge, die er einem Fremden nicht erzählt, und beim nächsten Mal geht es weiter. So war es bei uns.

2008 haben Pettigrew und Tropp dann untersucht, warum Kontakt überhaupt hilft. Sie haben drei Erklärungen geprüft: Man weiß hinterher mehr über die andere Gruppe, man hat weniger Angst vor der Begegnung, und man kann sich besser in sie hineinversetzen. Alle drei tragen etwas bei, aber das Wissen trägt am wenigsten. Dass die Angst weniger wird, erklärt allein schon 20 bis 25 Prozent der Wirkung.

Und es bleibt nicht bei den zwei Leuten, die man kennt. Die Metaanalyse von 2006 zeigt, dass sich die Wirkung auf die ganze Gruppe überträgt, auch auf die, die man nie getroffen hat. Bei mir ist das so: Wenn jemand von russlanddeutschen Gemeinden redet, denke ich zuerst an unsere beiden Freunde.

Das deckt sich mit unseren ersten Jahren. Über die Geschichte der Russlanddeutschen hätte ich jederzeit etwas nachlesen können, aber am Wissen hat es nie gelegen. Ich lege sehr viel Wert auf die Meinung von anderen, man könnte auch sagen: ein People-Pleaser. Deswegen war mir die Vermutung unangenehm, dass der andere mich gerade für lax hält oder für unfromm. Dagegen hilft kein Buch. Das ging erst weg, als wir uns oft genug gesehen hatten.

Über „Deutschland spricht“ habe ich vor Kurzem geschrieben. Dort treffen sich zwei Menschen, die politisch weit auseinanderliegen, für einen Nachmittag. Die Auswertung von Ximeng Fang, Sven Heuser und Lasse Stötzer zeigt, was so ein Nachmittag bringt: Die Abneigung gegen die andere Seite geht spürbar zurück, die politischen Meinungen ändern sich nicht. Man hält den anderen hinterher weiterhin für falsch informiert, aber nicht mehr für einen schlechten Menschen.

Bei uns haben sich die Meinungen geändert, und zwar auf beiden Seiten. Der Unterschied zu so einem Nachmittag ist, dass wir uns danach hunderte Male wiedergesehen haben.


Wie daraus eine Freundschaft wurde

Im Grunde ist es ein Wunder, dass es so funktioniert hat, wie es funktioniert hat.

Wir haben zueinander gefunden, weil wir viel Zeit miteinander verbracht haben, und das ging recht schnell, ein halbes Jahr vielleicht. Wir haben gemerkt, dass wir über alles reden können, obwohl wir sehr unterschiedlicher Meinung sind. Wir Männer haben angefangen, im selben Fußballverein zu spielen. Wir haben oft zusammen gegessen und lange am Tisch gesessen.

Und dann war es klar: In aller Unterschiedlichkeit meinen wir es gut miteinander.

Die Unterschiede sind geblieben. Danach tauchten immer wieder Themen auf, bei denen wir gemerkt haben, wie verschieden wir sind, und das ist bis heute so.

Später haben wir daraus eine Entscheidung gemacht. Zusammen mit einem weiteren Ehepaar und einer alleinstehenden Person haben wir uns dafür entschieden, in denselben Stadtteil zu ziehen, nah beieinander. Danach haben wir uns mehrmals in der Woche gesehen. Ohne die Studie zu kennen, haben wir damit das gebaut, was Pettigrew beschreibt: Wir sehen uns oft, wir wohnen nah beieinander, und wir laufen uns morgen im Supermarkt sowieso über den Weg.


Wofür Kirche gut ist

Allports vier Bedingungen klingen für mich wie die Beschreibung eines normalen Sonntagvormittags bei uns.

Gleiche Augenhöhe: Im Hauskreis ist niemand wichtiger als der andere. Gemeinsames Ziel: Wir wollten alle zu Jesus gehören und herausfinden, was das für einen Studenten in Ludwigshafen bedeutet. Zusammenarbeit statt Wettbewerb: Es gibt immer etwas zu tun, Küchendienst, Kinderprogramm, Stühle. Rückendeckung von oben: In einer Gemeinde sagt jeder, dass der Glaube an Jesus das ist, was uns zusammenhält. Das wiegt mehr als jeder Streitpunkt.

Die fünfte Bedingung liefert eine Gemeinde nebenbei mit. Wir sehen uns nächste Woche wieder, ob wir uns im Hauskreis geärgert haben oder nicht. Und wir teilen dabei mehr als Meinungen, nämlich das Leben: was uns gerade beschäftigt und woran wir uns festhalten, wenn es schwierig wird. Daraus wird Freundschaft, und das schafft kein Aktionstag.

Dafür ist Kirche gut, und ich kenne wenige andere Orte dafür: Leute treffen sich dort über Jahre, die sich sonst nie begegnet wären, und sie haben einen Grund zu bleiben, wenn es unangenehm wird.

Anderswo muss man das organisieren. EKD und Diakonie haben vor der Bundestagswahl 2025 die #VerständigungsOrte gestartet, bis Ende 2025 hatten sich über 200 Einrichtungen registriert, die ihre Räume für kontroverse Diskussionen öffnen. Ich halte das für richtig, aber es bleibt eine Veranstaltung mit Anfang und Ende. Ein Hauskreis am Dienstagabend hat kein Ende, es gibt nur den nächsten Dienstag.

Der Fußballverein hat drei von Allports Bedingungen genauso geliefert: Auf dem Platz steht keiner über dem anderen, alle wollen dasselbe, und gewinnen kann man nur gemeinsam. Das bringt einfach der Sport mit sich.

Die beiden Orte sind trotzdem nicht austauschbar. Für fromme Freikirchler wie uns ist das Verständnis der Bibel und ihr Bild vom Menschen identitätsstiftend. Wer im Hauskreis über einen Vers streitet, streitet darüber, was ein Mensch ist, wozu er da ist und was er darf. Mit jemandem Fußball zu spielen, geht auch dann, wenn ich davon nichts weiß, im Hauskreis ist es das Thema. Wir sind dort also in eine Tiefe unseres Seins abgetaucht, die auf dem Platz nicht vorkommt. Das macht es riskanter: Wenn mir dort jemand widerspricht, dann bei dem, was mich ausmacht.

Und ohne die Gemeinde hätten wir uns in dieser Stadt nie getroffen.

Das funktioniert nur, wenn beide bleiben. Die 520 eigenen Gemeinden zeigen, dass das meistens nicht geklappt hat, dann werden aus einer Gemeinde eben zwei. Für die beiden waren wir die Fremden mit den merkwürdigen Ansichten, und geblieben sind sie trotzdem.

Allports vierte Bedingung kann auch nach hinten losgehen. Wenn eine Gemeinde sagt, hier geht es um die Wahrheit und nicht um Gewohnheit, dann steht dieselbe Autorität plötzlich gegen die Begegnung. Beim Streit über Alkohol oder Rollenbilder passiert das schnell, sobald er hart geführt wird. Unsere Gemeinde hat die Unterschiede ausgehalten, und das war unser Glück.

Und weit reicht das nicht. Wer bei uns sitzt, hat sich selbst dafür entschieden, am Sonntagvormittag in eine Kirche zu gehen. Die Unterschiede, um die es hier geht, sind die zwischen zwei christlichen Prägungen, nicht die zwischen allen Leuten in der Stadt.


Was wir voneinander übernommen haben

Nach fast zwanzig Jahren habe ich gelernt: Das Leben ist mehr als das Einhalten von Regeln, aber es ist auch weniger als einfach das zu tun, was man gerade möchte.

In diese Richtung sind wir beide gewachsen, von zwei verschiedenen Seiten her. Die beiden haben die Freiheit als befreiend kennengelernt und mit vielem von früher gebrochen, weil es für sie nicht mehr hilfreich war. Wir haben gelernt, dass die ernsthafte Betrachtung von Themen ihren Wert hat.

Wir haben uns nicht in der Mitte getroffen, sondern beide angefangen, zwischen den wichtigen Regeln und den unwichtigen zu unterscheiden.

Keiner hat den anderen überzeugt. In der Studie zu „Deutschland spricht“ bleiben die Meinungen, wo sie sind, nur die Verachtung geht weg. Bei uns haben sich die Meinungen bewegt, und das hat Jahre gebraucht statt eines Nachmittags.

Bei Erziehung, bei Rollenbildern und beim Bibelverständnis sind wir bis heute in manchem verschiedener Meinung. Wir wissen inzwischen ziemlich genau, bei welchen Themen wir aneinandergeraten, und wir reden trotzdem darüber.

Was „Deutschland spricht“ mit einem Algorithmus, acht Fragen und einem bundesweiten Aktionstag herzustellen versucht, saß bei uns ab Mitte der 2000er im selben Hauskreis und ist ein paar Jahre später in denselben Stadtteil gezogen. Angefangen hat das mit zwei Studenten, die eine Gemeinde gesucht haben, und einem Prediger, der vor der Tür rauchte.

Euer

Mathis

Foto von lilartsy auf Unsplash


Quellen

Gordon W. Allport – The Nature of Prejudice (1954). Die Ursprungsarbeit zur Kontakthypothese und der Ort, an dem die vier Bedingungen stehen: gleicher Status in der Situation, gemeinsames Ziel, Zusammenarbeit statt Wettbewerb, Rückendeckung durch Autoritäten oder Institutionen. Ich habe die Bedingungen oben auf eine Gemeinde angewendet; Allport hatte Nachbarschaften, Schulen und die gerade desegregierte US-Armee vor Augen.

Thomas F. Pettigrew und Linda R. Tropp – A Meta-Analytic Test of Intergroup Contact Theory, Journal of Personality and Social Psychology, Band 90, Heft 5 (2006), Seiten 751–783. Die Metaanalyse über 515 Studien mit 713 Stichproben und über 250.000 Teilnehmenden. Der mittlere Effekt beträgt r = −0,21. Wichtig für meinen Text sind zwei Nebenbefunde: Allports Bedingungen vergrößern den Effekt, ohne dafür notwendig zu sein (auch Kontakt unter schlechteren Umständen wirkt, nur eben schwächer), und der Effekt überträgt sich von der einzelnen Begegnung auf die Gruppe insgesamt.

Thomas F. Pettigrew und Linda R. Tropp – How does intergroup contact reduce prejudice? Meta-analytic tests of three mediators, European Journal of Social Psychology, Band 38 (2008), Seiten 922–934. Geprüft wurden drei Erklärungen: mehr Wissen über die andere Gruppe, weniger Angst vor der Begegnung, mehr Empathie. Alle drei tragen, das Wissen am wenigsten; der Abbau von Angst erklärt für sich rund 20 bis 25 Prozent des Effekts. Das ist der Grund, warum ich im Text schreibe, dass ein Buch die Sache nicht erledigt hätte.

Thomas F. Pettigrew – Intergroup Contact Theory, Annual Review of Psychology, Band 49 (1998), Seiten 65–85. Hier kommt das friendship potential dazu, also die Frage, ob eine Situation überhaupt zulässt, dass aus Kontakt Freundschaft wird. Die spätere Forschung bestätigt, dass Freundschaften über Gruppengrenzen hinweg stärker wirken als flüchtige Begegnungen, und zwar wegen des gegenseitigen Erzählens und der Dauer. Das ist die Studienlage, die meiner Geschichte am nächsten kommt.

Ximeng Fang, Sven Heuser, Lasse S. Stötzer – How in-person conversations shape political polarization, Journal of Public Economics, Band 242 (2025). Die Auswertung von „Deutschland spricht“. Ein Nachmittag mit einem Andersdenkenden senkt die Abneigung um gut ein Viertel der üblichen Streuung der Antworten (0,28 Standardabweichungen), ohne die politischen Positionen zu verändern; das ist das „spürbar“ im Text. Ich habe die Studie in einem früheren Artikel ausführlicher behandelt; hier dient sie als Vergleichsgröße für das, was Zeit zusätzlich leistet.

Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (FUEN) und Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte – Zu Tadschikistan: 32.671 Menschen mit deutscher Nationalität bei der Volkszählung 1989, davon 19.459 mit Deutsch als Erstsprache, heute noch schätzungsweise 1.500. Der Bürgerkrieg dauerte von Mai 1992 bis Juni 1997. Die Herkunft der Familie meiner Freunde gebe ich mit Vorbehalt an, weil ich sie aus dem Gedächtnis habe.

Bundesverwaltungsamt und Bundeszentrale für politische Bildung – Zur Aufnahme von (Spät-)Aussiedlern: rund 2,4 Millionen Menschen aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten seit der Grenzöffnung 1987, Höhepunkt 1989 und 1990 mit 377.000 und 397.000 Aufnahmen. Seit 1950 hat die Bundesrepublik insgesamt rund 4,5 Millionen Aussiedler, Spätaussiedler und Angehörige aufgenommen.

Zu den freikirchlichen Aussiedlergemeinden – Die Zahlen von rund 520 täuferisch geprägten Aussiedlergemeinden, etwa 80.000 getauften Mitgliedern und rund 285.000 Menschen einschließlich Kindern und Angehörigen stammen aus der religionswissenschaftlichen Literatur zu evangelikalen Gemeinden russlanddeutscher Aussiedler; REMID gibt für „Freie Baptisten- und Mennonitengemeinden“ rund 290.000 Zugehörige in 550 Gemeinden an. Die Angabe, dass sich nur 8.000 bis 9.000 baptistisch-mennonitische Spätaussiedler bestehenden Gemeinden angeschlossen haben, ist eine Schätzung aus derselben Literatur und der unsicherste Wert in diesem Text. Die Vergleichszahl für den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden lautet rund 72.000 Mitglieder in etwa 800 Gemeinden, davon rund 63.000 Baptisten in etwa 640 Gemeinden.

Zur Lage der Freikirchen in der Sowjetunion – Die Abspaltung des nicht anerkannten Rates der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten fiel in den August 1961, mitten in die antireligiöse Kampagne unter Chruschtschow. Bis 1966 sollen sich diesem Zweig rund 155.000 Christen angeschlossen haben; nach 1961 wurden rund 1.500 Baptisten, Mennoniten und Pfingstler zu Strafen von zusammen etwa 5.000 Jahren verurteilt. Georgi Wins, einer der langjährigen Leiter, wurde später in den Westen abgeschoben. Diese Zahlen erklären, warum die Abgrenzung von der Umgebung in diesen Gemeinden mehr ist als eine Stilfrage.

EKD und Diakonie – #VerständigungsOrte, gestartet vor der Bundestagswahl 2025; bis Ende 2025 hatten sich über 200 Orte registriert, an denen Räume für kontroverse Diskussionen zur Verfügung stehen. Ich führe das Projekt hier als Gegenbild an: Es organisiert genau die Bedingungen, die in einer Gemeinde nebenbei entstehen, und es organisiert sie als Termin.

Zur Deportation der Russlanddeutschen – Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 28. August 1941 über die Umsiedlung der Deutschen aus dem Wolgagebiet, Auflösung der Wolgadeutschen Republik. Zwischen dem 30. August und dem 20. September 1941 wurden 438.715 Menschen aus dem Gebiet abtransportiert, bis zum 25. Dezember 1941 nach Zahlen aus Geheimdienstunterlagen insgesamt 894.626 Deutsche in der gesamten Sowjetunion. Arbeitsarmee von 1942 bis 1946 mit mindestens 350.000 Betroffenen im Jahr 1946, anschließend Sondersiedlerstatus unter Kommandantur bis 1955, Aufhebung des Erlasses am 13. Dezember 1955, Teilrehabilitierung am 29. August 1964 ohne Rückkehrrecht. Zusammengetragen aus den Darstellungen der Bundeszentrale für politische Bildung und der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Die Zahlen weichen je nach Quelle leicht voneinander ab, weil die sowjetischen Statistiken selbst uneinheitlich sind.

Jannis Panagiotidis – Migrationsforscher, arbeitet seit Jahren zur postsowjetischen Migration. Er widerspricht dem Bild der Russlanddeutschen als geschlossenem rechten Block: Der AfD-Anteil lag bei der Bundestagswahl 2017 nach verschiedenen Untersuchungen bei 15 bis 20 Prozent gegenüber 12,6 Prozent in der Gesamtbevölkerung, gleichzeitig wurde überdurchschnittlich die Linke gewählt. Ich habe ihn aufgenommen, weil beim Stichwort „russlanddeutsch“ sofort eine politische Erwartung im Raum steht, die mit dem, wovon ich hier erzähle, nichts zu tun hat.

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