Gesellschaft
20. Juli 2026· 9 Min. Lesezeit

Was ich auf Reisen über Deutschland lerne

Vier Wochen Frankreich. Verbrannte Berge, entspannte Menschen und die Frage, warum wir aus jedem Funken ein Drama machen.

Was ich auf Reisen über Deutschland lerne

Was ich auf Reisen über Deutschland lerne


Die Bergflanken waren schwarz.

Kilometer für Kilometer hat sich die Verwüstung an der Straße entlang gezogen, die durch das Tal bei Trevillach führt – irgendwo zwischen Perpignan und den Pyrenäen, in einem Landstrich, der im Juli 2026 wochenlang in den Nachrichten war. Verkohlte Stämme, aschefarbene Hänge, Häuser, die standen – und direkt daneben, manchmal nur wenige Meter weiter, Trümmerhaufen, wo eines nicht mehr stand. Man hat gesehen, wo die Feuerwehr es geschafft hatte, die Flammen aufzuhalten. Die Grenze zwischen gerettet und verloren war so scharf wie ein Strich.

Über zehn Tage hatten hier mehr als 700 Feuerwehrleute gegen diesen Brand gekämpft. Mit Fahrzeugen, Löschflugzeugen, Hubschraubern. Der Brand von Trevillach im Département Pyrénées-Orientales hatte über 1.650 Hektar Wald und Bergland erfasst. 5.000 Menschen sind evakuiert worden.

Wir sind an einem ruhigen Nachmittag durch das Tal gefahren. Der Brand war gelöscht, die Straße freigegeben. Im Auto war es still.

Ein paar Wochen zuvor hatten wir die Löschflugzeuge von der Küste bei Sérignan aus beobachtet – wie sie tief über das Mittelmeer geflogen sind und Wasser geschöpft haben, Runde für Runde. Nah genug, dass man die Motoren gehört hat. Merkwürdig unspektakulär war das. Die Leute am Strand haben kurz hochgeschaut und ihr Gespräch fortgesetzt. Frankreich brennt im Sommer. Die Menschen dort wissen das.


Applaus und Debatten

In denselben Wochen hat es auch in Deutschland gebrannt. Am 27. Juni, an dem Tag, an dem wir nach Frankreich gefahren sind, haben die Nachrichten einen Waldbrand am Rotenfels bei Bad Kreuznach gemeldet. Schwieriges Gelände, Munitionsbelastung im Boden, rund 300 Einsatzkräfte, Sprengstoffsicherung notwendig. Die Gemeinde Traisen mit ihren 650 Einwohnern ist evakuiert worden. Die Feuerwehr hat unter harten Bedingungen gearbeitet. Wenige Hektar – aber alles andere als wenig Aufwand.

Ich war nicht dabei, ich habe es nicht live erlebt. Aber ich kenne das Muster, das danach kommt und natürlich auch kam. Die Schlagzeilen, die das Ausmaß dramatisieren. Die Berichte, ob die Evakuierung wirklich notwendig war. Die Diskussionen darüber, ob früher hätte gewarnt werden müssen, ob alles korrekt abgelaufen ist, wer die Verantwortung trägt. Die Gegendarstellungen. Die Kommentare darunter.

In Frankreich haben die Menschen den Feuerwehrleuten an der Straße applaudiert. Sie haben Wasser, Kaffee, Essen gebracht. Danke, haben sie gesagt. Und auch gezeigt.

Ich will das nicht falsch verstanden wissen. Transparenz und öffentliche Diskussion gehören zur Demokratie – und wenn bei einem Einsatz etwas schiefläuft, muss das aufgearbeitet werden. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Aufarbeitung und Drama. Und diesen Unterschied spüre ich, wenn ich auf unser Land schaue, während ich woanders bin.

Die Franzosen ehren die, die für sie eingetreten sind. Wir fragen zuerst, ob alles richtig gemacht wurde.


Das Bonjour und was dahintersteckt

Ich habe an einer Supermarktkasse in der Ardèche gestanden. Die Kassierin hat geredet. Mit der Frau vor mir, mit dem Mann hinter mir, mit mir – obwohl ich kaum Französisch spreche. Ein Bonjour, ein Lächeln, eine kurze Frage. Es hat gedauert.

In Deutschland hätte ich nach dreißig Sekunden auf die Uhr geschaut. Nicht weil ich ein schlechter Mensch bin. Das ist eben so bei uns. Wir wollen, dass es läuft. Schnell, reibungslos, effizient. Der Nächste bitte.

Die Franzosen haben eine andere Vorstellung davon, was „funktioniert" bedeutet. Auf den Campingplätzen, wo wir drei Wochen verbracht haben, gab es immer wieder Probleme. 41 Grad Hitze, volle Pools, Duschen ohne Druck, Rezeptionen, die zur Mittagszeit geschlossen waren. Und trotzdem: Irgendwie hat sich alles gelöst. Man hat gewartet. Man hat geredet. Es hat sich ein Weg gefunden.

Das war manchmal auch nervig, das sage ich ehrlich. Wenn man eine Auskunft braucht und keiner erreichbar ist, weil Siesta ist, dann nervt das. Ich bin Deutscher genug, um das zuzugeben.

Auf denselben Campingplätzen ist mir noch etwas anderes aufgefallen: die Deutschen. Wir waren nicht die einzigen deutschen Familien, und ich habe uns von außen beobachtet – so, wie man es nur kann, wenn man selbst woanders ist. Wir sind laut. Lauter als die Franzosen, lauter als eigentlich alle anderen. Wir organisieren, diskutieren, kommentieren. Wir stellen Stühle um und fragen, ob das so richtig ist. Die Franzosen sitzen. Sie trinken Rosé. Sie lächeln, wenn wir vorbeikommen.

Ich übertreibe ein bisschen. Aber nicht viel.

Die Grundhaltung, die ich bei den Franzosen erlebt habe, lässt sich so beschreiben: Es wird schon. Es ist keine Gleichgültigkeit – sie arbeiten hart, sie engagieren sich, sie kämpfen mit mehr als 700 Feuerwehrleuten gegen Waldbrände –, sondern Ruhe. Als hätten sie akzeptiert, dass das Leben nicht vollständig planbar ist. Und als wäre das in Ordnung. Sie respektieren die Natur und wissen um die Risiken, die sie mitbringt. Deshalb macht die Natur ihnen keine Angst – sie ist Teil des Lebens, kein Problem, das gelöst werden muss.


Glücklich mit wenig

In den Pyrenäen gibt es Dörfer auf Bergkuppen, zu denen nur eine kurvenreiche Straße führt und die trotzdem leben. Freitags Markt auf dem Dorfplatz. Käse aus der Gegend, Wurstwaren, Gemüse – kein Konzept, sondern Alltag. In jedem Supermarkt, auch im kleinsten, gab es Produkte aus der Region. Das war kein Marketing. Das war Normalzustand.

Und der Bus fährt da. Linien, die 80 Kilometer lange Strecken abfahren und dabei jeden kleinen Ort mitnehmen. Wer kein Auto hat, ist trotzdem nicht abgehängt. Das ist in Deutschland in dieser Form kaum vorstellbar. Wer auf dem Land lebt, lebt bei uns oft mit dem Gefühl, vergessen zu sein.

Frankreich ist dünn besiedelt. Viel dünner als Deutschland. Rund 120 Einwohner leben dort pro Quadratkilometer – in Deutschland sind es 234, fast doppelt so viele (Destatis, 2024). Man fährt Stunden durch Landschaft, durch die kaum jemand geht. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – haben die Menschen dort eine andere Beziehung zu dem, was um sie herum ist. Zur Natur, zu den Jahreszeiten, zu den Risiken, die damit kommen. Sie wissen, dass es im Sommer brennt. Sie wissen, wie man damit lebt.

Wir in Deutschland reden viel von Naturverbundenheit, von Regionalität, von Nachhaltigkeit. Die Menschen in den Pyrenäen machen es einfach. Kein Bewusstseinsprojekt – einfach ihr Alltag.

Und sie sehen dabei nicht so aus, als würden sie auf etwas warten, das noch fehlt.


Was ich nach Hause nehme

Der World Happiness Report 2026 stellt Deutschland auf Rang 17, Frankreich auf Rang 35. Wer das liest und vier Wochen in Frankreich war, darf kurz stutzen. Vielleicht liegt Deutschland vorne, weil unser Sozialsystem besser ist, unsere Infrastruktur verlässlicher, unsere Sicherheit höher. Das stimmt alles.

Aber Zahlen messen nicht, was ich auf dieser Reise gespürt habe. Sie messen nicht das Bonjour an der Kasse. Nicht die Stille in einem verbrannten Tal. Nicht den Applaus am Straßenrand.

Was bleibt?

Es muss nicht immer alles schnell und genau sein. Das sage ich als jemand, der selbst ungeduldig ist, der gerne weiß, wie es weitergeht und ob alles stimmt. Aber das Leben hält sich nicht daran – und es ist erstaunlich, wie viel leichter es geht, wenn man aufhört, jede Abweichung vom Plan als Problem zu behandeln. Es gibt fast immer eine Lösung. Meistens braucht sie nur ein bisschen Zeit und einen kühlen Kopf.

Wir dürfen die ehren, die für unsere Sicherheit und unseren Lebensstil sorgen. Die Feuerwehrleute am Rotenfels haben genauso hart gearbeitet wie die am Trevillach. Sie haben nicht weniger riskiert, sie haben nicht weniger gegeben. Aber wir haben applaudiert – und dann gefragt, ob die Evakuierung wirklich nötig war. Das beschämt mich.

Und das Wichtigste: Es reicht wenig zum Leben. Ich habe Menschen gesehen, die auf Berghöhen in kleinen Dörfern leben, auf Märkten regional einkaufen, mit dem Bus fahren – und die nicht so aussehen, als würden sie auf etwas Fehlendes warten. Wir neigen dazu, auf das zu schauen, was noch nicht stimmt, was noch besser sein könnte, was noch fehlt. Das ist gut, wenn es uns antreibt. Aber es macht uns blind, wenn es unser Grundzustand wird.

Frankreich hat mich nichts Neues gelehrt. Es hat mich an etwas erinnert, das ich eigentlich schon wusste: dass das Gute oft nicht laut ist. Und dass man manchmal ein paar Grenzen überqueren muss, um es wieder zu sehen.

Euer Mathis


Quellen und weiterführende Lektüre

Epochtimes.deWaldbrände in mehreren Ländern Südeuropas: Lage in Südfrankreich besonders angespannt (Juli 2026). Berichterstattung zum Großbrand bei Trevillach im Département Pyrénées-Orientales: über 1.650 Hektar, mehr als 700 Feuerwehrleute und rund zehn Löschflugzeuge und -hubschrauber im Einsatz, 5.000 Menschen evakuiert.

THW OV Bad KreuznachGroßbrand Rotenfels/Traisen (ov-bad-kreuznach.thw.de, Juni 2026). Einsatzbericht: Waldbrand im Steilgelände mit Munitionsbelastung, rund 300 Einsatzkräfte, Evakuierung der Gemeinde Traisen. Zeigt, wie komplex auch kleine Brände sein können – und wie wenig das mit der medialen Resonanz zu tun hat.

BKS-Portal Rheinland-PfalzFAQ zum Waldbrand in Traisen (bks-portal.rlp.de, 28. Juni 2026). Offizielle Dokumentation des Kreises Bad Kreuznach. Nüchtern und informativ – der Ton, den man sich von der Berichterstattung insgesamt gewünscht hätte.

Statistisches Bundesamt (Destatis)Basistabelle Bevölkerungsdichte (destatis.de, 2024). Frankreich: ca. 120 Einwohner/km². Deutschland: ca. 234 Einwohner/km². Frankreich ist damit trotz seiner enormen Fläche – es ist das größte Land der EU – deutlich dünn besiedelt.

World Happiness Report 2026 – worldhappiness.report/ed/2026/. Jährliche UN-Studie zu Lebenszufriedenheit weltweit. Deutschland: Rang 17 (plus fünf Plätze gegenüber 2025). Frankreich: Rang 35. Wer das liest und meinen Artikel daneben hält, darf verwirrt sein – und sollte sich fragen, was Glück eigentlich misst.