Wir funktionieren noch. Das ist das Problem.
Über eine Gesellschaft, die erschöpft ist – und nicht mehr weiß, wie Ruhe geht.

Wir funktionieren noch. Das ist das Problem.
„Bisschen viel gerade" ist die Standardantwort meiner Umgebung. Nicht schlecht. Nicht krank. Nur: viel. Es kommt mit einem kurzen Lachen, das signalisieren soll: Ich hab's im Griff.
Ich höre das von Lehrerinnen in der Grundschule meiner Kinder. Von Freunden, die in Büros sitzen. Von Eltern auf dem Sportplatz, von Pastorinnen und Pastoren in anderen Gemeinden, von Pflegern, Erzieherinnen, Vereinsvorsitzenden. Die Berufe wechseln. Die Antwort bleibt dieselbe.
„Bisschen viel gerade" klingt fast optimistisch. Aber wenn ich länger darüber nachdenke, frage ich mich: Was, wenn dieses „viel" kein vorübergehender Ausnahmezustand ist? Was, wenn es das normale Betriebsniveau einer Gesellschaft beschreibt, die vergessen hat, was weniger bedeutet?
Was Erschöpfung heute bedeutet
Müdigkeit hat früher einen Ort gehabt: den Abend. Den Sonntag. Den Urlaub. Sie hatte eine Logik. Sie war das Ergebnis von etwas.
Was heute Erschöpfung heißt, ist etwas anderes. Sie hat keinen Rand mehr. Sie beginnt morgens schon, bevor der erste Kaffee fertig ist. Sie sitzt noch da, wenn der Urlaub vorbei ist. Menschen kommen aus zwei Wochen Urlaub zurück und brauchen Erholung von der Erholung. Wer dauerhaft überlastet ist, hat verlernt, sich zu erholen. Der Körper bleibt auf Alarm, auch wenn der Alarmauslöser weg ist.
Der Philosoph Byung-Chul Han hat das in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft" (2010) beschrieben – auch wenn er es komplizierter ausdrückt, als es sein muss. Sein Kernpunkt ist einfach: Früher kam Druck von außen. Der Chef, die Fabriksirene, der Staat. Heute kommt er von innen. Die Leistungsgesellschaft hat aus „Ich soll" ein „Ich kann" gemacht – und aus „Ich kann" ein heimliches „Ich muss". Die Tyrannei hat das Gesicht gewechselt. Sie schaut jetzt aus dem Spiegel.
Das erklärt, warum Erschöpfung heute anders klingt als früher. Wer sich überarbeitet hatte, weil jemand anderes Druck gemacht hatte, war das Opfer. Wer sich selbst überarbeitet, weil er denkt, er müsse, wählt das scheinbar frei. Das macht es schwerer zu benennen. Und schwerer, damit aufzuhören.
Erschöpfung ist kein Charakterfehler. Sie ist ein Systemsignal. Und unsere Gesellschaft ignoriert es konsequent.
Die Zahlen – und was sie nicht sagen
Der Techniker Krankenkasse Gesundheitsreport zeigt seit Jahren einen klaren Trend: Psychische Erkrankungen sind inzwischen die zweithäufigste Ursache für Fehltage in Deutschland. Burnout-bedingte Ausfalltage haben sich seit 2004 mehr als verzehnfacht – das hat der BKK Gesundheitsatlas dokumentiert. Die DAK-Gesundheit berichtet für 2023 Rekordhochs bei Fehlzeiten wegen psychischer Diagnosen.
Was ist Burnout überhaupt? Die Weltgesundheitsorganisation hat Burnout 2019 als „berufliches Phänomen" in die ICD-11 aufgenommen – also nicht als Krankheit, aber als anerkanntes Syndrom. Erschöpfung, emotionale Distanz zur Arbeit, nachlassende Leistungsfähigkeit. Das ist medizinisch nüchtern formuliert für etwas, das im Leben ziemlich laut ist.
Das klingt nach einer Diagnose für besonders stressige Berufe. Tatsächlich trifft es quer durch die Gesellschaft: Pflegekräfte, Erzieherinnen, Lehrerinnen, IT-Fachleute, Selbstständige, Vereinsvorsitzende. Der häufigste Risikofaktor ist dabei nicht der Beruf selbst, sondern die Frage, ob jemand das Gefühl hat, Kontrolle über seine Arbeit zu haben – und ob Anforderungen und Anerkennung in einem halbwegs vernünftigen Verhältnis stehen.
Wer die Zahlen sieht, denkt zuerst: Das sind die anderen. Die, die zu viel arbeiten. Die, die nicht Nein sagen können. Aber genau das ist das Problem. Burnout trifft häufig diejenigen, die engagiert sind. Die sich kümmern. Die nicht aufhören, wenn sie könnten. Das macht es unsichtbar.
Hinzu kommt: Die Dunkelziffer ist enorm. Wer erschöpft ist, geht lange nicht zur Ärztin. Erschöpfung gilt als kein Grund, sich zu melden – dafür nimmt niemand Krankentage. Es gibt keinen gebrochenen Arm. Es gibt keinen Befund. Es gibt nur dieses Gefühl, das schwer zu beschreiben ist und noch schwerer zu rechtfertigen.
Das einzige Kriterium lautet: Funktioniert es noch? Solange die Antwort ja ist, geht es weiter.
Die Struktur dahinter
Deutschland gehört nach OECD-Daten nicht zu den Ländern mit den längsten Arbeitszeiten in Europa. Das überrascht viele. Griechenland und Polen führen diese Liste an. Deutsche Vollzeitbeschäftigte arbeiten im Schnitt rund 41 Stunden pro Woche – viele davon unerfasst und unbezahlt.
Aber das Problem ist nicht nur die Stundenanzahl. Es ist die Entgrenzung.
Das Smartphone hat die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit aufgelöst. Nach einer Erhebung des DGB aus 2022 sind mehr als 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland regelmäßig auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar. Die meisten davon haben das nie ausdrücklich vereinbart. Es ist einfach so geworden. Eine WhatsApp-Gruppe hier, ein Slack-Channel dort, eine E-Mail um 21 Uhr, auf die kurz geantwortet wird.
Homeoffice hat das weiter verstärkt. Die eigene Wohnung ist zum Büro geworden – und ein Büro lässt sich nicht schließen. Nach Hause gehen als Zeichen, dass der Tag vorbei ist, gibt es nicht mehr, wenn das Zuhause gleichzeitig das Büro ist. Manchmal ist das ein Vorteil. Aber es bedeutet auch: Die Arbeit ist nie weg. Sie wartet auf der anderen Seite des Esstisches.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat das in seinem Werk zur „Beschleunigung" (2005) beschrieben. Er unterscheidet drei Ebenen: die Beschleunigung der Technologie, die Beschleunigung des sozialen Wandels – Lebensläufe, Beziehungen, Normen ändern sich schneller als früher – und die Beschleunigung des Lebenstempos selbst. Das Paradoxe: Je mehr beschleunigt wird, desto weniger Zeit bleibt. Mit jedem neuen Tool wird Zeit gespart – und sofort wieder aufgefüllt.
Dazu kommt etwas, das Arbeitssoziologen als „Subjektivierung der Arbeit" beschreiben: die Erwartung, dass Arbeitnehmer sich voll mit dem Job, dem Team, der Mission identifizieren. Arbeitskraft reicht nicht. Es soll die ganze Person sein. Passion, Purpose, Sinn – keine Privatangelegenheiten mehr, sondern Stellenanforderungen. Wer nicht brennt, passt nicht. Aber wer brennt, kann ausbrennen.
Dieser Mechanismus trifft Selbstständige, Vereinsvorsitzende, Lehrerinnen, Gemeindemitarbeiter – jeden, der glaubt, das, was er tut, sei wichtig. Bei sinnstiftenden Tätigkeiten ist das Risiko besonders hoch, weil das Nein schwerer fällt. Wer eine gute Sache voranbringt, nimmt sich keine Pause.
Das Ehrenamt funktioniert nicht anders. Es läuft auf Goodwill und Hingabe. Beides ist endlich. Wer das übersieht, verliert irgendwann die Menschen, die tragen.
Die Erschöpfung der Familien
In der öffentlichen Debatte fehlt eine Dimension fast vollständig: die strukturelle Erschöpfung von Eltern – und unter ihnen besonders von Müttern.
Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung, Haushalt, Pflege von Angehörigen – das sind in Deutschland häufig parallel laufende Anforderungen, die offiziell alle erfüllt werden sollen. Die Betreuungsinfrastruktur reicht dafür oft nicht. Kitas schließen früher, als Eltern Feierabend machen können. Schulen setzen Eltern für Aufgaben ein, die früher im Schulgebäude blieben. Die mentale Last – das ständige Mitdenken, Koordinieren, Erinnern – bleibt unsichtbar, weil sie keinen Platz im Stundenzettel hat.
Das führt dazu, dass viele Eltern zwei Vollzeitjobs machen: den bezahlten und den zu Hause. Beide gleichzeitig. Keine Übergabe, keine Pausen, keine Schichtgrenzen.
Erschöpfung ist auch ein Kita-Problem. Auch ein Grundschul-Problem. Auch ein Infrastrukturproblem.
Was die Politik macht – und was sie lässt
In Frankreich gibt es seit 2017 das „Droit à la déconnexion" – das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit. Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern sind seitdem verpflichtet, Regelungen für die Erreichbarkeit nach Feierabend zu schaffen. Das Gesetz ist in der Praxis nicht perfekt umgesetzt. Aber es existiert. Es sendet ein Signal.
In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares. Empfehlungen. Freiwillige Betriebsvereinbarungen in einigen größeren Unternehmen. Das Arbeitszeitgesetz regelt Ruhezeiten – aber Smartphones kennen kein Arbeitszeitgesetz.
Die Debatte über ein gesetzliches Recht auf Abschalten zieht sich durch mehrere Koalitionsverhandlungen, ohne Ergebnis. Der Widerstand aus Wirtschaftsverbänden ist verlässlich. Die Sorge: Wettbewerbsnachteile. Die Realität: In den Ländern, die solche Regelungen eingeführt haben, ist kein entsprechender Wettbewerbsnachteil erkennbar.
Gleichzeitig ist die psychische Gesundheitsversorgung in Deutschland strukturell knapp. Wer in Deutschland einen Kassentermin für ambulante Psychotherapie braucht, wartet im Durchschnitt vier bis sechs Monate. In vielen Regionen länger. Menschen, die ausgebrannt und am Limit sind, brauchen Unterstützung – keine Warteliste.
Die häufigste politische Antwort auf das Erschöpfungsproblem heißt: betriebliches Gesundheitsmanagement. Rückenkurse, Meditationsapps, Obstkörbe in der Teeküche, Laufgruppen. Das ist nicht wertlos. Aber es verschiebt die Verantwortung auf Individuen und Unternehmen – und weg von der Frage, ob das System selbst krank ist.
Wir behandeln Symptome, während wir die Ursachen unangetastet lassen. Das gilt für die Erschöpfungsdebatte genauso wie für viele andere gesellschaftliche Fragen. Ein Yoga-Kurs am Arbeitsplatz ändert nichts an der Erreichbarkeitskultur, nichts an Schichtplänen, die kein Leben berücksichtigen, und nichts an der Grundfrage: Warum soll Erschöpfung strukturell produziert und individuell behandelt werden?
Was wirklich helfen könnte
Die 4-Tage-Woche ist das bekannteste Gegenmodell der letzten Jahre.
Island hat zwischen 2015 und 2019 in einem der größten Experimente dieser Art getestet, was passiert, wenn rund 2.500 Beschäftigte im öffentlichen Dienst bei gleichem Lohn weniger arbeiten. Das Ergebnis: Die Produktivität blieb gleich oder stieg sogar. Die Zufriedenheit stieg deutlich. Burnout-Symptome sanken. Heute arbeiten über 85 Prozent der isländischen Erwerbstätigen nach verkürzten oder flexibilisierten Vereinbarungen – freiwillig, weil die Ergebnisse überzeugend waren.
2022 haben 61 britische Unternehmen die 4-Tage-Woche sechs Monate lang erprobt. 92 Prozent davon haben das Modell danach beibehalten oder weiter getestet. Microsoft Japan hat 2019 nach einer internen Umstellung auf die 4-Tage-Woche eine Produktivitätssteigerung von 40 Prozent gemeldet.
In Deutschland gibt es vereinzelte Pilotprojekte. Eine breite politische Initiative fehlt. Die Diskussion läuft meist unter dem Begriff „Flexibilisierung" – was in der Praxis häufig mehr Gestaltungsspielraum für Arbeitgeber bedeutet, weniger Schutz für Arbeitnehmer.
Die eigentliche Frage lautet: Was würde sich verändern, wenn weniger Arbeit nicht das Ausnahmemodell für Besserverdiener wäre, sondern die Norm?
Neben der 4-Tage-Woche gibt es weniger spektakuläre, aber sofort machbare Schritte. Das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit wäre eines davon – Frankreich hat es eingeführt, ohne messbaren Wettbewerbsnachteil, mit klarem Signal: Die Arbeitszeit endet irgendwann. Dazu: schnellerer Zugang zu Psychotherapie. Vier bis sechs Monate auf einen Kassenplatz zu warten, wenn jemand nicht mehr kann, ist keine Versorgung. Das ist Verweigerung. Und Betreuungsinfrastruktur, die es Eltern erlaubt, Arbeit und Familie zu trennen, statt sie gleichzeitig zu stemmen.
Was sich damit nicht regeln lässt, ist Kultur.
Das älteste Gegenmodell
Ich komme aus einer Tradition, die der Frage nach Ruhe eine Tiefe gegeben hat, die mich nicht loslässt: der Sabbat.
Das Judentum – und danach das Christentum in verschiedenen Formen – hat den Ruhetag nicht als Belohnung nach vollbrachter Arbeit verstanden. Auch nicht als Effizienzpause, damit danach wieder mehr geht. Der Sabbat ist ein Schöpfungsprinzip. Ruhe ist Teil des Plans. Nicht das, was übrig bleibt, wenn alles andere fertig ist.
Das klingt religiös. Der Gedanke dahinter ist aber universell: Eine Gesellschaft, die Ruhe nur als Produktionsmittel kennt – „Ich erhole mich, damit ich wieder funktioniere" – hat Ruhe in eine Funktion verwandelt. Sie hat ihren Wert davon abhängig gemacht, was danach kommt.
Ruhe als Selbstzweck – Zeit, die ihren Wert nicht aus dem trägt, was danach kommt – das ist radikaler, als es klingt. Es bedeutet: nicht erreichbar sein, ohne sich dafür zu entschuldigen. Nichts leisten, ohne deshalb weniger wert zu sein. Das klingt simpel. Es ist es nicht.
Die meisten Menschen in Deutschland haben das verlernt. Oder nie gelernt.
Urlaub wird mit Ausflugszielen verplant. Sonntage füllen sich mit To-Dos. Wer sagt, er hat am Wochenende „eigentlich nichts gemacht", entschuldigt sich dafür. Als wäre Nicht-Tun ein Versagen.
Das ist keine persönliche Schwäche. Es ist das Ergebnis einer Kultur, die Leistung dauerhaft über Regeneration gestellt hat.
Wo das hinführt
Erschöpfte Gesellschaften sind anfälliger für einfache Antworten.
Wer dauerhaft am Limit läuft, hat weniger Kapazität für komplexes Denken. Für Ambiguität. Für das Abwägen widersprüchlicher Argumente. Wer erschöpft ist, will Klarheit. Will, dass jemand sagt, was stimmt und was falsch ist.
Das ist ein politischer Aspekt von Erschöpfung, über den kaum geredet wird: Sie macht Gesellschaften empfänglich für Vereinfachungen. Nicht weil Menschen dumm werden, wenn sie müde sind. Sondern weil Differenzierung Energie kostet – und wer keine Energie hat, greift zum Einfacheren.
Ich sage das nicht als Diagnose für irgendeine Wählergruppe. Ich sage es als Beobachtung über mich selbst. An Tagen, an denen ich erschöpft bin, treffe ich schlechtere Entscheidungen. Ich bin weniger geduldig. Weniger offen. Ich neige dazu, zu vereinfachen, was ich am ruhigeren Morgen noch für komplex gehalten hätte.
Wenn das eine gesellschaftliche Dauererscheinung wird – was passiert dann mit dem, worüber wir als Gesellschaft entscheiden?
Was nicht hilft: der Vergleich nach hinten
Wenn die Erschöpfungsdebatte losgeht, kommt der Einwand zuverlässig: Früher war alles härter. Die haben mehr gearbeitet. Die haben nicht so gejammert.
Stimmt – in Teilen. Körperlich war Arbeit früher für die meisten Menschen schwerer. Gleichzeitig hatten frühere Generationen etwas, das heute weitgehend fehlt: klare gesellschaftliche Rhythmen. Ruhezeiten, die nicht verhandelbar waren. Sonntage, an denen Geschäfte geschlossen blieben. Abende ohne Erreichbarkeit, weil die Technik es nicht anders zuließ.
Es war nicht besser. Aber es war begrenzter. Und Grenzen haben eine Schutzfunktion.
Das Problem heute ist nicht, dass wir schwächer sind. Es ist, dass wir in einem System leben, das Ruhe systematisch unterbewertet und Erreichbarkeit überschätzt. Das Leistung mit Würde verwechselt. Das individuelle Verantwortung betont, wo strukturelle Lösungen gefragt wären.
Erschöpfung ist kein persönliches Scheitern. Sie ist das Ergebnis einer Gesellschaft, die „Ich kann" für unbegrenzt hält.
Fazit ohne Auflösung
Ich weiß nicht, ob die 4-Tage-Woche die Antwort ist. Wahrscheinlich ist sie ein Teil davon.
Ich weiß nicht, ob ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit allein etwas ändert. Wahrscheinlich reicht es allein nicht.
Was ich weiß: Eine Gesellschaft, die ihre eigene Erschöpfung als Normalzustand betrachtet, verliert irgendwann die Fähigkeit, auf das zu reagieren, was wirklich zählt. Erschöpfte Menschen wählen anders. Sie engagieren sich weniger, ziehen sich zurück – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Reserve leer ist.
Anfangen lässt es sich klein: Nein sagen, obwohl es ginge. Nicht erreichbar sein, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Der anderen Person glauben, wenn sie sagt, dass sie nicht mehr kann – ohne nachzufragen, ob das wirklich so schlimm ist.
Und vielleicht die Frage „Wie geht's?" wieder ernst nehmen.
„Bisschen viel gerade" ist keine ehrliche Antwort. Aber es wäre schon ein Anfang, nachzufragen.
Euer Mathis
Foto von Sydney Latham auf Unsplash
Quellen und weiterführende Lektüre
Byung-Chul Han – Müdigkeitsgesellschaft (Matthes & Seitz Berlin, 2010). Kurze, dichte Analyse der Gegenwartsgesellschaft als Leistungsgesellschaft. Hans Kernthese: Der Druck kommt heute von innen – und nicht mehr von außen. Provokant und lesenswert, auch wenn er manchmal überspitzt.
Hartmut Rosa – Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (Suhrkamp, 2005). Soziologisches Standardwerk zur gesellschaftlichen Beschleunigung. Rosa zeigt, warum wir trotz Zeitersparnis nie mehr Zeit haben – und warum das strukturell so angelegt ist.
Weltgesundheitsorganisation (WHO) – Burnout-Klassifikation ICD-11, QD85 (2019). Offizielle Definition von Burnout als berufliches Phänomen mit drei Kerndimensionen: Erschöpfung, emotionale Distanz, reduzierte Leistungsfähigkeit. Kein Krankheitsstatus, aber anerkanntes Syndrom.
BKK Gesundheitsatlas – Burnout-bedingte Ausfalltage, Langzeittrend seit 2004. Zeigt die dramatische Zunahme über zwei Jahrzehnte. Die Daten werden regelmäßig aktualisiert und sind öffentlich zugänglich.
Techniker Krankenkasse (TK) – Gesundheitsreport (2022). Psychische Erkrankungen als zweithäufigste Ursache für Fehltage in Deutschland. Jährlich erscheinend, kostenlos verfügbar unter tk.de.
DAK-Gesundheit – Psychoreport (2023). Rekordhochs bei Fehlzeiten durch psychische Diagnosen. Einer der wichtigsten jährlichen Berichte zur psychischen Gesundheit im deutschen Beschäftigungssystem.
DGB Index Gute Arbeit – Erreichbarkeit und Entgrenzung (2022). Repräsentative Befragung: Über 60 Prozent der Beschäftigten sind regelmäßig außerhalb der Arbeitszeit erreichbar – ohne ausdrückliche Vereinbarung. Kostenlos verfügbar unter dgb-index-gute-arbeit.de.
OECD – Employment Outlook (aktuell). Internationale Vergleichsdaten zu Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen. Zeigt, dass Deutschland nicht zu den Ländern mit den längsten Arbeitszeiten gehört – und trotzdem ein strukturelles Erschöpfungsproblem hat.
Will Stronge & Aidan Harper (Autonomy / ALDA) – A Shorter Working Week for Iceland (2021). Umfassende Auswertung der isländischen Pilotprojekte 2015–2019 mit rund 2.500 Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Produktivität stabil oder gestiegen, Wohlbefinden deutlich verbessert. Kostenlos unter autonomy.work.
4 Day Week Campaign / University of Cambridge – The Results Are In (2023). Auswertung des britischen Pilotprojekts mit 61 Unternehmen. 92 Prozent haben das Modell nach der sechsmonatigen Testphase weitergeführt oder ausgeweitet.
Loi Travail 2016, Frankreich (Art. L2242-17) – Droit à la déconnexion. Das gesetzliche Recht auf Nicht-Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit, seit 2017 in Kraft für Unternehmen ab 50 Mitarbeitern. Grundlage für die politische Forderung nach einer vergleichbaren Regelung in Deutschland.
Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) – Wartezeiten ambulante Psychotherapie. Regelmäßige Datenerhebung zur psychotherapeutischen Versorgung. Durchschnittlich vier bis sechs Monate Wartezeit auf einen Kassensitz – in ländlichen Regionen teils deutlich länger.