Kirche, Verein, Gemeinde – was hält uns eigentlich zusammen?
Unser sportlicher Leiter sitzt abends noch am Laptop und bearbeitet Passanträge. Kein Applaus, keine Vergütung. Und doch ist genau das der Stoff, aus dem Zusammenhalt gemacht ist.
Kirche, Verein, Gemeinde – was hält uns eigentlich zusammen?
Excerpt: Unser sportlicher Leiter sitzt abends noch am Laptop und bearbeitet Passanträge. Kein Applaus, keine Vergütung. Und doch ist genau das der Stoff, aus dem Zusammenhalt gemacht ist.
Kategorie: Gesellschaft
Unser sportlicher Leiter beim FFV Ingelheim ist bei jedem Spiel dabei. Er ist bei jedem Gespräch mit neuen Spielerinnen dabei. Und wenn alle nach Hause fahren, sitzt er noch am Laptop und bearbeitet Passanträge, hält den Kontakt zum Verband, sorgt dafür, dass Spielerinnen rechtzeitig spielberechtigt sind und dass keine Fristen verfallen, die wir gar nicht auf dem Schirm haben. Das, was er an Sichtbarem tut, wäre für die meisten schon genug. Aber da ist noch die ganze unsichtbare Arbeit obendrauf.
Das ist Ehrenamt. Nicht das glamouröse, das auf Pressefotos gut aussieht. Das unscheinbare, das die meiste Arbeit trägt.
Im Grunde ist es in der Gemeinde genauso. Die Frau, die jeden Sonntag eine halbe Stunde früher kommt, um Kaffee zu kochen. Der Mann, der nach dem Gottesdienst Stühle trägt, ohne dass ihn jemand gefragt hätte. Die kleine Gruppe, die sich um eine Familie kümmert, die gerade in Not geraten ist – nicht weil es auf einem Dienstplan steht, sondern weil sie einfach da sind und wissen, dass das jetzt dran ist.
Was diese Menschen verbindet, ist nicht, dass sie müssen. Es ist, dass sie wollen.
Warum das gerade jetzt auffällt
Das Bild, das die Gesellschaft drumherum abgibt, ist ein anderes. Deutschland driftet auseinander. Wer das für Schwarzmalerei hält, sollte sich die Zahlen ansehen: Die Bertelsmann Stiftung misst den gesellschaftlichen Zusammenhalt seit Jahren mit ihrem Radar, und der ist 2023 um neun Punkte eingebrochen – am stärksten bei Solidarität und Hilfsbereitschaft. Seit 2020 steht der Zusammenhalt unter zunehmendem Druck: Das Vertrauen in andere Menschen sinkt, die Bereitschaft zur gesellschaftlichen Teilhabe lässt nach, das Gefühl, Teil von etwas Gemeinsamem zu sein, schwindet.
Parallel dazu hat das Bundesfamilienministerium 2024 das erste nationale Einsamkeitsbarometer veröffentlicht. Es zeigt: Einsamkeit war seit den 1990er-Jahren stabil bis rückläufig, bis Corona den Trend brach. Seither ist sie kein Randphänomen mehr, sondern quer durch alle Altersgruppen verbreitet, besonders bei jungen Menschen und Älteren. Die Techniker Krankenkasse hat in einem eigenen Report gezeigt, dass anhaltende soziale Isolation das Risiko für Depressionen, Angststörungen und Herzerkrankungen erhöht. Einsamkeit ist damit mehr als ein Gefühl: ein Gesundheitsrisiko.
Und dann ist da noch etwas, das sich schwerer messen, aber sehr gut beobachten lässt: Wir reden immer seltener miteinander über das, was uns wirklich beschäftigt. Stattdessen kommunizieren wir vor allem mit denen, die sowieso schon denken wie wir. Soziale Netzwerke verstärken das, weil ihre Algorithmen Inhalte bevorzugen, die bestehende Überzeugungen bestätigen – und Inhalte herausfiltern, die irritieren könnten. Das Ergebnis: Gruppen, die sich kaum noch begegnen. Milieus, die nebeneinander existieren, statt miteinander. Irgendwann ist das kein Miteinander mehr – nur noch Nebeneinander.
Deshalb möchte ich mich in diesem Artikel mit einer Frage beschäftigen, die mir in beiden Welten, in denen ich lebe (Kirchengemeinde und Fußballverein), immer wieder begegnet: Was hält uns zusammen? Und welche Rolle spielen Vereine und Kirchengemeinden dabei?
Ein Politikwissenschaftler und das einsame Bowling
In den 1990er Jahren hat sich ein amerikanischer Politikwissenschaftler namens Robert Putnam ein scheinbar banales Detail angeschaut: Bowling. Genauer gesagt: Immer mehr Amerikaner spielten Bowling, aber immer seltener in Vereinen. Als Einzelgänger, nicht als Mannschaft.
Für Putnam war das kein Kuriosum. Es war ein Symptom.
In seinem Buch Bowling Alone (2000) hat er dokumentiert, wie Amerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein sogenanntes Sozialkapital verloren hat. Putnam meint damit das, was entsteht, wenn Menschen regelmäßig in Netzwerken zusammenkommen: Vertrauen, gegenseitige Unterstützung, geteilte Normen. Das entsteht nicht durch Gesetze oder Verträge. Das entsteht durch gemeinsame Aktivitäten – durch das wöchentliche Training, durch den Gottesdienst, durch den Stammtisch, durch die Chorprobe.
Wenn diese Aktivitäten wegfallen, fällt etwas weg, das sich nicht einfach ersetzen lässt. Bürgerinnen und Bürger vertrauen Institutionen weniger. Nachbarn kennen sich kaum noch. Das Engagement für andere schwindet – weil die Strukturen fehlen, in denen es gewachsen wäre.
Putnam war nicht der erste, der das gesehen hat.
Was Tocqueville in Amerika aufgefallen ist
Rund 150 Jahre vor Putnam ist ein junger Franzose namens Alexis de Tocqueville durch die USA gereist. Er wollte verstehen, warum die amerikanische Demokratie funktioniert – und er hat etwas entdeckt, das er aus Frankreich nicht kannte: die schiere Dichte freiwilliger Vereinigungen.
Überall haben sich Amerikaner zusammengeschlossen. Für Musik, für Religion, für Politik, für die Wasserversorgung ihres Dorfes. Tocqueville hat geschrieben, dass er kein Ziel so bescheiden und kein Vorhaben so kühn gefunden hat, das die Amerikaner nicht in einer Vereinigung angegangen wären.
Er sah darin das Herzstück der Demokratie. Denn wer lernt, gemeinsam eine Entscheidung zu treffen – auch wenn es nur um die Besetzung des Vorstands oder den Termin des nächsten Spieltags geht –, der übt etwas, das eine Gesellschaft braucht: Kompromiss, Verantwortung, Teilhabe. Vereine sind in diesem Modell keine Freizeitbeschäftigung. Sie sind eine Schule für das, was Demokratie im Kleinen bedeutet.
Der Soziologe Ferdinand Tönnies hat zur selben Zeit, 1887, beschrieben, was dabei auf dem Spiel steht. Er hat zwei Formen des Zusammenlebens unterschieden. Gemeinschaft: die enge, vertraute Bindung von Dorf, Familie, Kirchengemeinde. Gesellschaft: die anonyme, zweckrationale Beziehung des Marktes und der modernen Großstadt. Tönnies sah die Modernisierung als Bewegung von Gemeinschaft zu Gesellschaft. Was er nicht vorhersehen konnte: Dass wir irgendwann sehr deutlich merken würden, was dabei verlorengeht.
Gesellschaft ohne Gemeinschaft – das ist kein Fortschritt. Das ist Einsamkeit in Massen.
Was Kirchen und Vereine wirklich leisten
Eine Kirchengemeinde ist einer der letzten Orte in Deutschland, wo sich Menschen aus drei, manchmal vier Generationen freiwillig und regelmäßig im selben Raum treffen. Das klingt übertrieben, aber die Zahlen geben es her.
Die EKD hat 2023 in ihrer großen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (über 5.000 Befragte, repräsentativ für Deutschland) gezeigt: Kirchenmitglieder sind deutlich häufiger ehrenamtlich tätig als Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit. Und sie vertrauen anderen Menschen und gesellschaftlichen Institutionen mehr. Die Studie verknüpft das direkt mit Sozialkapital: Kirchengemeinden sind damit mehr als Orte der Religion. Sie sind Orte, an denen Vertrauen entsteht und weitergegeben wird.
Für Vereine gilt Ähnliches. Wer sich regelmäßig engagiert, begegnet Menschen, denen er im Alltag nie begegnet wäre. Trifft Entscheidungen mit anderen zusammen. Lernt, dass eine Gemeinschaft nur dann trägt, wenn genug Menschen Verantwortung übernehmen.
Putnam hat dabei noch eine Unterscheidung gemacht, die mich nicht loslässt. Er trennt zwischen bonding capital und bridging capital (Bindungskapital und Brückenkapital). Bindungskapital entsteht innerhalb einer Gruppe: Menschen, die sich ähnlich sind, die ähnliche Werte teilen, die sich gegenseitig stärken. Brückenkapital entsteht, wenn eine Gemeinschaft über ihre eigenen Grenzen hinausreicht und Menschen zusammenbringt, die sich sonst nie begegnet wären.
Eine Gemeinschaft braucht beides. Wer nur nach innen bindet, bleibt unter sich.
Eine Kirchengemeinde, die nur für sich selbst existiert, ist ein Club, kein gesellschaftlicher Akteur. Ein Verein, der nach außen hin geschlossen bleibt, baut kein Vertrauen auf, das der Gesellschaft nützt. Es reicht also nicht, dass es Vereine und Kirchengemeinden gibt. Es kommt darauf an, wie weit sie sich nach außen öffnen – und wen sie einladen.
Das Ehrenamt, das niemand sieht
Zurück zu unserem sportlichen Leiter.
Was er tut, ist kein Hobby im üblichen Sinne. Es ist Arbeit – unbezahlte Arbeit, die er übernimmt, weil jemand es tun muss. Genauso wie der Trainer, der sich abends nach dem eigenen Acht-Stunden-Tag noch auf die nächste Einheit vorbereitet. Wie die Spielerin, die nach dem Spiel die Trikots zusammensucht und in die Waschmaschine steckt, ohne dass das irgendjemand auf der Vereinshomepage erwähnt. Wie der Vater, der jedes Heimspiel früher kommt, um die Absperrbanden aufzubauen – und als letzter geht, weil er sie ja auch wieder wegräumt.
Kein Applaus. Keine Vergütung. Nur das Wissen, dass das hier ohne ihn nicht läuft. Und offenbar reicht das.
In der Gemeinde ist es dasselbe. Eine Gemeinschaft trägt sich durch die Menschen, die unsichtbare Arbeit leisten: die Frau, die die Technik betreut, der Mann, der Stühle schleppt, die Gruppe, die sich nach dem Gottesdienst um jemanden kümmert, der einen schlechten Tag hatte – und der das gar nicht gesagt hat, dem wir es aber angesehen haben.
Putnam hat für diese Summe kleiner, freiwilliger Beiträge den Begriff civic engagement geprägt – bürgerschaftliches Engagement. Und er hat gezeigt: Wo dieses Engagement schwindet, schwindet auch das Vertrauen. Wo das Vertrauen schwindet, bricht der Zusammenhalt aus. Gesellschaft hält nicht durch große Gesten zusammen. Sie hält durch die vielen kleinen, unspektakulären Beiträge von Menschen, die niemand gezwungen hat.
Was ich daraus ziehe
Vereine und Kirchen sind nicht die Antwort auf alle gesellschaftlichen Fragen. Sie können engstirnig sein, rückwärtsgewandt, nach innen orientiert. Es gibt Gemeinschaften, die so dicht zusammengewachsen sind, dass für Fremde kein Platz mehr bleibt. Das ist kein Beitrag zu gesellschaftlichem Zusammenhalt – das ist sein Gegenteil.
Aber wenn der Zusammenhalt unter Druck steht, wenn das Einsamkeitsbarometer Alarm schlägt, wenn wir uns in immer ähnlichere Gruppen sortieren – dann sind Orte des freiwilligen, generationsübergreifenden Zusammenkommens keine Randerscheinung. Sie sind gesellschaftliche Infrastruktur. Nur eben die Art, die nicht in Haushaltsplänen auftaucht und die erst sichtbar wird, wenn sie wegbricht.
Und sie bricht gerade weg. Langsam, aber spürbar. Mitgliederzahlen in Vereinen sinken. Kirchenaustritte steigen. Der ehrenamtliche Nachwuchs fehlt. Wer intensiv ehrenamtlich in einem Verein tätig ist, weiß, was das bedeutet: nicht eine Statistik weniger, sondern eine konkrete Person, die fehlt. Ein Termin, den niemand mehr übernimmt. Eine Aufgabe, die liegenbleibt.
Was hält uns zusammen? Keine große Antwort. Keine politische Bewegung.
Sondern der sportliche Leiter, der zu Hause am Laptop Passanträge bearbeitet. Die Frau, die den Kaffee kocht. Der Mann, der nach dem Gottesdienst die Stühle trägt. Organisiert und als Handelnde in Verein und Kirche. Und die stille Überzeugung dieser Menschen, dass sie gebraucht werden – und dass das etwas wert ist.
Euer Mathis
Quellen und weiterführende Lektüre
Robert D. Putnam – Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community (Simon & Schuster, 2000). Das Standardwerk zum Verfall des Sozialkapitals in den USA. Putnam zeigt anhand von Jahrzehnten an Daten, wie Vereinsmitgliedschaften, politische Beteiligung und zwischenmenschliches Vertrauen gleichzeitig sinken – und warum das zusammenhängt.
Alexis de Tocqueville – Über die Demokratie in Amerika (1835/1840). Tocqueville hat nach seiner USA-Reise beschrieben, warum freiwillige Vereinigungen das Fundament einer funktionierenden Demokratie sind. Erstaunlich aktuell.
Ferdinand Tönnies – Gemeinschaft und Gesellschaft (1887). Eines der einflussreichsten Werke der deutschen Soziologie. Tönnies unterscheidet zwischen der emotionalen Bindung der Gemeinschaft und der zweckrationalen Beziehung der modernen Gesellschaft – und zeigt, was auf dem Spiel steht, wenn erstere schwindet.
Bertelsmann Stiftung – Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt: Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland 2023 (2024). Repräsentative Langzeitstudie zur gesellschaftlichen Kohäsion in Deutschland. Kostenlos verfügbar unter bertelsmann-stiftung.de.
EKD – 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) (2023). Über 5.000 Befragte, erstmals gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz. Zeigt u. a., dass Kirchenmitglieder deutlich häufiger ehrenamtlich tätig sind und anderen Menschen mehr vertrauen als Konfessionslose. Kostenlos unter ekd.de.
Kompetenznetz Einsamkeit / Bundesministerium für Familie – Einsamkeitsbarometer 2024. Das erste nationale Monitoring zur Einsamkeit in Deutschland – mit Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel über fast drei Jahrzehnte. Kostenlos unter kompetenznetz-einsamkeit.de.
Techniker Krankenkasse – Einsamkeitsreport 2024. Beleuchtet die gesundheitlichen Folgen sozialer Isolation: erhöhtes Risiko für Depression, Angststörungen und Herzerkrankungen. Verfügbar unter tk.de.