Aufgestiegen. Und trotzdem erst am Anfang.
Beide Teams Meister, beide aufgestiegen. Ein ehrlicher Rückblick auf eine erste Saison mit allem, was dazugehört.

Was eine Saison lehrt
Irgendwann ist der letzte Spieltag vorbei. Die Tabelle steht fest, die Punkte sind gezählt, der Spielbetrieb hält inne. Und in dieser Stille, wenn der Trubel der Saison sich legt, fängt man an zurückzuschauen.
Was haben wir da eigentlich getan?
Wir haben einen Verein gegründet. Von Null. Mit dem Ziel, Frauenfußball in Ingelheim nicht nur möglich zu machen, sondern gut zu machen. Und wir haben eine Saison gespielt – die erste, die komplette, die mit allem, was dazugehört: Siegen, Niederlagen, schönen Momenten, schwierigen Momenten, und dem langsamen Wachsen von etwas, das vorher noch nicht da war.
Ich bin Vorsitzender des FFV Ingelheim. Das bedeutet: Ich bin mittendrin. Ich erlebe, was auf dem Platz passiert und was daneben passiert. Ich führe Gespräche, die schön sind, und Gespräche, die schwierig sind. Ich freue mich, und ich ärgere mich. Und nach dieser Saison habe ich das Gefühl, dass ich mehr gelernt habe als in manchem Jahr davor.
Das hier ist kein Rechenschaftsbericht. Keine Pressemitteilung. Das ist ein Versuch, ehrlich aufzuschreiben, was eine erste Saison lehrt – das Gute, das Schwierige, und das, was man vorher nicht ahnt.
Wie es wirklich angefangen hat
Bevor ich über die Saison schreibe, muss ich kurz dahin zurück, wo alles angefangen hat. Und das war keine glatte Gründungsgeschichte.
Frauenfußball gab es in Ingelheim schon. Einen bestehenden Verein, laufende Strukturen. Aber irgendwann sind Dinge aus dem Ruder gelaufen – es gab Differenzen, Brüche, und am Ende haben Spielerinnen den Verein verlassen. Nicht weil sie keinen Fußball mehr spielen wollten. Sondern weil es so nicht mehr ging.
Aus dieser Situation ist der FFV Ingelheim entstanden. Nicht aus einer romantischen Gründungsidee heraus, sondern aus dem echten Bedürfnis, diesen Spielerinnen eine neue Heimat zu geben. Einen Ort, der anders funktioniert. Moderner, klarer in den Strukturen, erfolgsorientiert – und trotzdem menschlich.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Wir haben nicht auf einer grünen Wiese angefangen. Wir haben mit Menschen angefangen, die schon Erfahrungen gemacht hatten – auch schlechte. Die wussten, was sie nicht mehr wollten. Und das hat den Verein von Anfang an geprägt: der Wille, es besser zu machen. Nicht als Anklage gegen irgendjemanden. Sondern als Anspruch an uns selbst.
Von Anfang an stand dabei ein Satz im Mittelpunkt, der unser Motto geworden ist: Semper communis – immer gemeinsam. Kein großes Versprechen, das man irgendwann vergisst. Sondern eine Haltung, die die tägliche Arbeit bestimmt. Wie man miteinander redet. Wie man Entscheidungen trifft. Wie man mit Spielerinnen umgeht, wenn es schwierig wird.
Das war der Mut am Anfang – und er hatte nichts Heroisches. Er war schlicht notwendig.
Das mit dem Aufstieg
Unsere erste Mannschaft ist Landesligameister geworden und steigt in die Verbandsliga auf. Die zweite hat die Bezirksliga gewonnen. Beide Mannschaften ungeschlagen, beide Tabellenführer von Anfang bis Ende.
Das klingt nach einer Erfolgsstory, und das ist es auch. Ich will das nicht kleinreden.
Aber ich will auch ehrlich sein: Es war kalkuliert. Viele der Spielerinnen, für die wir diesen Verein gegründet haben, kamen selbst aus der Verbandsliga. Als sie den alten Verein verlassen haben, mussten sie eine Liga tiefer neu anfangen – in der Landesliga. Das Niveau, das sie mitgebracht haben, war für diese Liga einfach zu stark. Wir wussten das vorher. Der Aufstieg war kein Zufall, er war der logische Schritt.
Was mich dabei aber wirklich beeindruckt hat, ist etwas anderes: Diese Spielerinnen hätten auch woanders hingehen können. Zu Vereinen, die schon in der Verbandsliga spielen. Die schon fertige Strukturen haben, ein eingespieltes Umfeld, einen Namen. Stattdessen haben sie sich für uns entschieden – für eine Idee, einen neuen Verein, ungewisse Strukturen und eine Liga, die unter ihrem Niveau lag. Das war ein Opfer. Und es war Vertrauen. In die Menschen, die diesen Verein aufgebaut haben. In die Ideen, die wir entwickelt haben. In das Versprechen, dass es sich lohnt.
Dieses Vertrauen war kein Selbstläufer. Wir mussten es verdienen – durch Verlässlichkeit, durch ehrliche Kommunikation, durch den täglichen Beweis, dass wir das, was wir versprochen haben, auch meinen. Und ich bin froh, dass wir das offenbar ganz gut hinbekommen haben.
Trotzdem: Es ist etwas anderes, es sich vorzustellen, und es dann tatsächlich durchzuspielen. Ungeschlagen. Woche für Woche. Mit zwei Mannschaften gleichzeitig. Das macht etwas mit einem Verein. Mit den Spielerinnen. Mit dem Gefühl, das man hat, wenn man am Spielfeldrand steht und sieht, wie das alles zusammenwächst.
Ich war stolz. Ich bin es immer noch. Und jetzt sind wir genau dort, wo wir hingehören – in der Verbandsliga, im richtigen Wettbewerb. Da fängt die eigentliche Arbeit an.
Aber der Aufstieg ist nicht das, worüber ich am meisten nachdenke, wenn ich an diese Saison zurückdenke. Tabellen verblassen schneller, als man denkt. Was bleibt, sind die anderen Dinge.
Was wirklich gebaut wurde
Was mich mehr bewegt als jede Tabelle, ist das, was in dieser Saison neben dem Platz entstanden ist.
Der Mannschaftszusammenhalt war von Anfang an spürbar – das ist nicht selbstverständlich, wenn man einen neuen Verein von Grund auf aufbaut. Spielerinnen, die sich vorher kaum kannten, sind zusammengewachsen. Das hat viel mit den Menschen zu tun, die dabei sind. Aber es hat auch viel damit zu tun, welche Rahmenbedingungen man schafft.
Und da liegt etwas, worauf ich wirklich stolz bin.
Wir haben von Anfang an versucht, professionelle Bedingungen zu schaffen – so gut das im Ehrenamt geht. Das fängt beim Training an: strukturiert, mit klaren Inhalten, mit Trainern, die wissen, was sie tun. Es geht weiter bei der Ausstattung: Unsere Spielerinnen haben ordentliche Trikots, einheitliche Trainingskleidung, ein Auftreten, das zeigt – wir nehmen uns ernst. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es nicht. Es macht etwas mit dem Gefühl, zu einem Verein zu gehören.
Eine ehrliche Anmerkung dazu: Unsere Trainer sind aktuell alle männlich. Das ist etwas, das wir verändern wollen. Ein Frauenfußballverein, der außerhalb des Platzes mehr Frauen in Verantwortung bringen möchte – das ist kein Luxusproblem, das ist ein Ziel. Wir arbeiten daran.
Wir haben ehrenamtliche Physiotherapeuten gewinnen können, die die Mannschaft begleiten. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit im Amateurbereich. Es ist das Ergebnis von Gesprächen, von Überzeugungsarbeit, von dem Bild, das wir nach außen vermitteln: Hier wird ernsthaft gearbeitet, und wer mitmacht, ist Teil von etwas Echtem.
Ähnliches gilt für unsere Sponsoren. Wir haben sie nicht einfach als Geldgeber behandelt, die einen Aufkleber aufs Trikot bekommen und sonst nichts hören. Wir haben sie eingebunden – persönlich, regelmäßig, auf Augenhöhe. Sie sind Teil des Vereins geworden, nicht nur Partner auf dem Papier. Das ist eine Haltung, die im Vereinssport nicht überall gelebt wird. Und ich glaube, davon können andere Vereine tatsächlich etwas lernen – nicht weil wir alles besser wissen, sondern weil wir gemerkt haben, dass es funktioniert.
Professionalität im Amateurbereich – und was das kostet
Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen das professionell machen. Nicht professionell im Sinne von bezahltem Fußball – wir sind ein Amateurverein, das ist uns klar, und das ist auch gut so. Aber professionell im Sinne von: Wir nehmen uns ernst. Unsere Spielerinnen verdienen gute Strukturen, gutes Training, eine verlässliche Organisation.
Das bedeutet in der Praxis: klare Kommunikation, auch wenn es unbequem ist. Trainingszeiten, die eingehalten werden. Erwartungen, die transparent gemacht werden. Strukturen, die nicht davon abhängen, ob gerade jemand Zeit hat oder nicht.
Das klingt eigentlich nach nichts Besonderem. Aber es reibt sich manchmal mit dem, was im Amateurfußball als normal gilt. Vieles läuft dort seit Jahrzehnten irgendwie. Man kennt sich, man arrangiert sich, man macht es schon. Wer in diesem Umfeld anfängt, Dinge strukturierter anzugehen, fällt auf.
Und manchmal stört das.
Wir haben in dieser Saison gemerkt, dass Professionalität Grenzen hat – nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie Zeit braucht und Ressourcen kostet. Nicht alles, was wir uns vorgestellt haben, hat sofort funktioniert. Manches hat länger gedauert. Manches haben wir anders machen müssen als geplant. Das gehört dazu, und ich will das hier nicht verschweigen.
Professionalität im Amateurbereich heißt nicht, dass alles perfekt läuft. Es heißt, dass man einen Standard anstrebt – und dass man ehrlich ist, wenn man ihn noch nicht erreicht hat. Das ist die Arbeit, die vor uns liegt. Nicht nur in der nächsten Saison, sondern langfristig.
Ich habe in dieser Saison gelernt, dass dieser Anspruch Mut braucht. Den Mut, Strukturen einzufordern, auch wenn es unbequem ist. Den Mut, Nein zu sagen, wenn etwas nicht zu uns passt. Und den Mut, damit umzugehen, dass das nicht alle mögen.
Das, worüber man lieber nicht spricht
Es gibt Dinge, die passieren – und auf die man als Verein keinen wirklichen Einfluss hat. Das macht sie nicht weniger unangenehm. Eher im Gegenteil.
Gegen Ende der Saison gab es einen fremdenfeindlichen Vorfall. Nicht vom Gegner. Sondern von jemandem aus unserem eigenen Umfeld, aus unserer Zuschauerschaft. Wir haben uns darum gekümmert, so gut es ging. Wir haben klar gemacht, was wir davon halten – und was in unserem Verein keinen Platz hat.
Aber es bleibt. Als kleiner Makel an einer Saison, die sonst sehr viel Gutes hatte. Und ich schreibe das hier, weil ich glaube, dass man solche Dinge nicht einfach unter den Tisch kehren sollte.
Ein Verein kann nur bedingt kontrollieren, wer am Spielfeldrand steht und was dort gesagt wird. Aber ein Verein kann kontrollieren, wie er reagiert. Und das haben wir getan. Unmissverständlich.
Semper communis gilt für alle, die zu uns gehören wollen. Und es gilt auch als Maßstab dafür, was wir nicht dulden.
Was "überheblich" eigentlich bedeutet
Ich habe in dieser Saison gehört, dass wir als überheblich gelten. Dass wir uns zu wichtig nehmen. Dass wir denken, wir wären was Besseres.
Das hat mich nachdenklich gemacht – nicht weil ich denke, dass es stimmt, sondern weil ich verstehen wollte, wo dieses Bild herkommt.
Ich glaube, ein Teil davon ist einfach Fremdheit. Wir sind neu. Wir sind gut. Wir machen Dinge anders. Das erzeugt Reaktionen – nicht immer freundliche. Wer neu anfängt und gleich aufsteigt, wird nicht überall gefeiert. Das ist menschlich, und ich nehme es niemandem wirklich übel.
Aber ich frage mich auch: Haben wir manchmal vergessen, bescheiden zu kommunizieren, was wir vorhaben? Haben wir in unserem Elan übersehen, dass andere Vereine jahrelange Geschichte und gewachsene Strukturen haben, während wir gerade erst anfangen? Haben wir gut genug erklärt, was wir wollen – und dabei deutlich gemacht, dass wir nicht gegen jemanden sind, sondern für etwas?
Das ist eine Frage, die ich ernstnehme.
Bescheidenheit ist für mich kein Widerspruch zu Mut. Im Gegenteil: Wer mutig ist, kann es sich leisten, bescheiden zu sein – weil er nichts zu beweisen hat. Wir müssen nicht der lauteste Verein im Kreis sein. Wir müssen der sein, dem man vertraut. Dem man ansieht, dass er es ehrlich meint. Und das erarbeitet man nicht durch Auftreten, sondern durch Beständigkeit.
Das nimmt Zeit. Die haben wir. Wir haben gerade erst angefangen.
Was bleibt
Nach einer ersten Saison ist man versucht, eine saubere Bilanz zu ziehen. Aufstieg: erreicht. Gemeinschaft: gewachsen. Schwierige Momente: gemeistert, nicht ohne Beulen, aber gemeistert.
Aber was wirklich bleibt, ist schwerer zu fassen als eine Tabelle.
Es ist das Gefühl, dass das hier kein Zufall ist. Dass Menschen zusammengekommen sind, die etwas wollen – und dass dieses Wollen größer ist als eine Saison. Größer als Ergebnisse. Größer als das, was am Ende auf irgendeiner Rangliste steht.
Vor einem Jahr war der FFV Ingelheim eine Idee. Spielerinnen, die ihren alten Verein verlassen haben, ein paar Menschen, die gesagt haben: Wir machen das. Und ein Motto, das noch bewiesen werden musste.
Jetzt haben wir eine erste Saison hinter uns. Mit allem, was dazugehört – Meisterschaften, gutem Miteinander, einem Makel, den wir nicht verschwiegen haben, und der ehrlichen Erkenntnis, wo wir noch besser werden wollen.
Wir sind nicht fertig. Wir fangen eigentlich gerade erst an. Die Verbandsliga wartet, und mit ihr ein anderes Niveau, andere Herausforderungen, Gegner, die uns wirklich fordern. Was uns in der Landesliga getragen hat, wird uns dort nicht automatisch tragen – wir werden wachsen müssen, als Spielerinnen, als Trainer, als Verein. Es wird Niederlagen geben. Momente, in denen nicht alles so läuft wie geplant. Und Situationen, in denen wir wieder entscheiden müssen, was uns wichtiger ist: das Ergebnis oder die Art, wie wir dahin kommen.
Ich glaube, wir wissen, was wir antworten werden.
Semper communis. Das war der Anfang. Das bleibt.
Euer Mathis