Frauenfußball
10. Juni 2026· 8 Min. Lesezeit

Ehrenamt im Frauenfußball – Frauen an die Macht?

Beim FFV Ingelheim haben wir von Anfang an Vieles gefunden, was ein Verein braucht. Aber eine Frage ist geblieben: Warum gibt es so wenig ehrenamtlich engagierte Frauen bei uns?

Ehrenamt im Frauenfußball – Frauen an die Macht?

Ehrenamt im Frauenfußball – und eine Frage, auf die ich noch keine Antwort habe


Als wir den FFV Ingelheim gegründet haben, war das Ehrenamt kein Problem.

Wir haben Spielerinnen gefunden. Wir haben Trainer gefunden. Wir haben einen Vorstand gefunden. Von Anfang an waren wir gut aufgestellt – Menschen, die angepackt haben, die Verantwortung übernommen haben, die den Verein wirklich wollten. Dafür bin ich wirklich dankbar.

Aber bis auf die Spielerinnen waren es Männer. Alle.

Das war nicht der Plan. Ein Frauenfußballverein, geleitet von einem rein männlichen Vorstand und Trainerteam – das ist keine optimale Ausgangslage, und das war uns bewusst. Also haben wir parallel gesucht. Explizit nach Frauen, die trainieren wollen, die Verantwortung übernehmen wollen, die diesen Verein mitgestalten wollen. Was zurückgekommen ist: Absagen.

Ich habe mich gefragt, woran das liegt. Ich habe noch keine vollständige Antwort.


Ehrenamt in Deutschland – was die Zahlen zeigen

Ich bin mit dieser Frage nicht allein. Und sie ist größer als unser Verein.

Auf der Suche nach Hintergründen bin ich auf den Deutschen Freiwilligensurvey gestoßen – eine große repräsentative Studie, die alle paar Jahre erscheint und zeigt, wie es ums Ehrenamt in Deutschland steht. Die aktuelle Ausgabe ist von 2019. Rund 28 Prozent der Deutschen engagieren sich ehrenamtlich. Das ist nicht wenig – aber auch nicht überraschend.

Dass sich Menschen für eine größere Sache einsetzen wollen, ist eigentlich ganz logisch. Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan haben in den 1980ern gezeigt, dass Menschen drei grundlegende Bedürfnisse haben: Autonomie, Kompetenz – und Verbundenheit. Ehrenamt erfüllt alle drei. Es ist also nicht reiner Altruismus.

Dass Frauen dabei ähnlich stark mitmachen wie Männer, ist keine Überraschung. Wenn wir also beobachten, dass sie sich nicht im Fußball engagieren: Wo denn dann? Frauen tauchen überdurchschnittlich oft in sozialen Bereichen auf – Pflege, Bildung, Kirchengemeinden. In Vereinsvorständen und im Sport sieht die Verteilung deutlich anders aus.

Im deutschen Fußball gibt es laut DFB rund sieben Millionen Ehrenamtliche. Sieben Millionen – das ist mehr als die Einwohnerzahl von Österreich. Die meisten davon sitzen nicht in Verbandsbüros, sondern in kleinen Vereinen wie unserem. Wer schaut, wer diese Vereine leitet: meistens Männer.

Das ist kein neues Problem. Aber beim FFV ist es mein Problem.


Was die Zahlen in unserer Liga zeigen

Es gibt Zahlen, die ich nicht recherchiert habe – die ich in Gesprächen mit Menschen aus dem SWFV und am Spielfeldrand mitbekomme.

In der Landesliga Nord – unserer Liga – gibt es elf Vereine. Neun haben einen männlichen Trainer, zwei haben eine Trainerin. Das ist keine statistische Erhebung, das ist ein Blick auf die aktuelle Tabelle. Und es spiegelt genau das wider, was ich beim FFV erlebt habe: Die Spielerinnen sind da. Die Frauen in Leitungsrollen fehlen.

Noch deutlicher wird es beim Schiedsrichterwesen. Ich habe gehört – ohne das abschließend belegen zu können –, dass im Südwestdeutschen Fußballverband auf etwa 1.400 männliche Schiedsrichter rund 100 Schiedsrichterinnen kommen. Wenn das auch nur annähernd stimmt, sagt es etwas aus. Schiedsrichterinnen werden im Frauenfußball gebraucht. Es gibt Förderprogramme. Und trotzdem sind es nach wie vor verschwindend wenige.

Das ist kein Problem, das irgendwo da draußen stattfindet. Es ist unsere Liga, unsere Spieltage.


Warum kommen die Frauen nicht?

Ich habe darüber viel nachgedacht und auch viel gelesen. Für mich haben sich dabei ein paar Erklärungsansätze ergeben – keiner davon reicht alleine aus.

Die erste ist die Zeitfrage. Das Statistische Bundesamt erhebt regelmäßig, wer in Deutschland wieviel Zeit mit welchen Aufgaben verbringt. Das Ergebnis ist seit Jahren gleich: Frauen übernehmen nach wie vor einen deutlich größeren Teil der Familien- und Haushaltsarbeit. Ehrenamtliches Engagement – vor allem in Leitungsrollen – bedeutet Einsatz an Abenden, Wochenenden, Telefonanrufe, wenn gerade eigentlich etwas anderes ansteht. Das passt schlecht zusammen mit einer Alltagslast, die ohnehin schon ungleich verteilt ist.

Die zweite Erklärung, die ich anführen möchte, ist mir erst klar geworden, als ich mich mit einem anderen Thema beschäftigt habe: Vorbilder. Und die gibt es zu wenig. Ich bin auf den Begriff des „Role-Model-Effekts" gestoßen – die Beobachtung, dass Menschen sich eher in Strukturen einbringen, in denen sie sich selbst wiederfinden. Wer noch nie erlebt hat, dass eine Frau einen Sportverein leitet oder pfeift, dem fällt es schlicht schwerer, sich das für sich selbst vorzustellen. Nicht weil sie es nicht könnte. Sondern weil es sich nicht wie eine naheliegende Option anfühlt.

Die dritte Frage, die mich beschäftigt, kann ich am wenigsten beantworten: Stimmt die Kultur? Haben Frauen, die sich engagieren wollten, unsere Strukturen als einladend erlebt? Ich sage nicht, dass es bei uns ein Problem gibt. Aber ich kann es auch nicht ausschließen. In Vereinen entstehen über die Jahre Gewohnheiten und Umgangsweisen, über die irgendwann niemand mehr nachdenkt – nicht weil sie gut sind, sondern weil sie einfach so sind. Dafür gibt es sogar ein deutsches Wort: Betriebsblindheit. Der Organisationsforscher Edgar Schein hat das gut beschrieben: Die Annahmen, die am tiefsten in einer Organisation sitzen, sind oft genau die, über die niemand mehr redet – weil sie längst als selbstverständlich gelten. Wer lange genug drin ist, hört auf, sie zu sehen.

Und dann ist da noch etwas Grundsätzlicheres. Fußball war in Deutschland über Jahrzehnte nicht nur eine Männerdomäne – es war eine, die aktiv durchgesetzt worden ist. Der DFB hat Frauenfußball von 1955 bis 1970 offiziell verboten. Fünfzehn Jahre. Vereinen war es untersagt, Frauenfußballabteilungen zu betreiben. Das ist keine alte Geschichte – das ist eine Generation. Die Strukturen, die in dieser Zeit gewachsen sind, sind nicht einfach verschwunden, weil das Verbot aufgehoben worden ist.

Auf der Suche nach einem Begriff für diese Dynamik bin ich auf das Konzept der Homophilie gestoßen – die Tendenz, dass Gruppen sich selbst reproduzieren. Menschen verbinden sich bevorzugt mit Menschen, die ihnen ähnlich sind. Das ist sozialpsychologisch gut belegt, unter anderem durch McPherson, Smith-Lovin und Cook in einer vielzitierten Studie aus dem Jahr 2001. Wo über Jahrzehnte Männer Fußballvereine geführt haben, fühlt sich das für andere weiterhin wie fremdes Terrain an – auch wenn es das formal längst nicht mehr ist.

Das beschäftigt mich beim FFV direkt. Wir haben notgedrungen – und trotzdem mit voller Kraft und Freude – mit einem rein männlichen Vorstand und Trainerteam angefangen. Das war nicht der Plan. Aber das waren damals unsere Möglichkeiten, mit denen wir gestartet sind. Und ich frage mich: Trägt diese Ausgangssituation dazu bei, dass Frauen sich nicht trauen, Ehrenamt beim FFV zu übernehmen? Dass eine Struktur, die mit Männern gestartet ist, für Frauen schwerer zu betreten ist – nicht weil wir das wollen, sondern weil es sich so anfühlt?

Hier müsste auf jeden Fall noch weitergedacht werden. Konkrete Antworten habe ich noch nicht.


Was wir konkret versuchen

Wir warten dabei nicht, bis wir alles verstanden haben.

Was ich dabei für richtig halte: nicht mit dem allgemeinen Aufruf anfangen, sondern mit der konkreten Aufgabe. „Engagier dich bei uns" erzeugt wenig. „Würdest du nach dem Spiel die Fotos hochladen?" erzeugt vielleicht einen Einstieg. Aus kleinen Aufgaben kann mehr werden – aber nur, wenn der erste Schritt nicht zu groß ist.

Gleichzeitig versuchen wir, unsere Spielerinnen stark in Entscheidungsprozesse einzubinden. Das Votum unserer Spielführerinnen hat beim FFV echtes Gewicht. Nicht als symbolische Geste, sondern weil wir überzeugt sind, dass die Menschen, die auf dem Platz stehen, wissen müssen, was in ihrem Verein entschieden wird – und warum.

Genauso wichtig: Wenn Spielerinnen ihre aktive Karriere beenden, fragen wir sie gezielt. Nicht mit einem allgemeinen „Bleib doch irgendwie dabei", sondern konkret: Willst du Trainerin werden? Willst du die Schiedsrichterausbildung machen? Diese Momente sind kurze Fenster. Wer gerade aufgehört hat zu spielen, denkt anders über den Verein nach als zwei Jahre später. Den Moment zu nutzen, ist die Möglichkeit, dem geliebten Sport und unserem Verein auf andere, passende Weise verbunden zu bleiben.

Beim Thema Schiedsrichterinnen versuchen wir, aktiv anzusprechen. Die Ausbildung ist nicht lang, sie ist nicht teuer. Der SWFV tut viel dafür, dass auch Frauen und Mädchen als Schiedsrichterinnen ausgebildet werden – die Förderwege sind da. Was fehlt, ist oft nur der konkrete Anlass, diesen Schritt zu gehen. Wenn wir als Verein dabei begleiten, ändert sich manchmal die Antwort.

Und dann ist da noch etwas, das sich nicht planen lässt: Wir müssen offen bleiben für die Frage, ob unsere Strukturen stimmen. Das bedeutet zuhören. Auch wenn es unbequem wird.


Warum das trotzdem ein guter Verein ist

Die erste Saison des FFV Ingelheim hat gezeigt: Es geht. Wir haben zwei Mannschaften, die Meister geworden sind. Wir haben Spielerinnen, die für diesen Verein auf eine höhere Liga verzichtet haben, weil sie an etwas geglaubt haben. Wir haben Trainer, die wirklich da sind. Wir haben eine Gemeinschaft, die sich trägt.

Das Ehrenamt ist nicht glamourös. Es kostet Zeit, Nerven und Einsatz. Es ist die Arbeit, die niemand sieht, damit das funktioniert, was alle sehen. Aber es ist auch der Grund, warum aus einer Idee ein echter Verein werden kann.

Die Frage, wie wir mehr Frauen in Leitungsrollen und hinter der Pfeife bekommen, ist nicht erledigt. Sie gehört zum FFV dazu – und das wird so bleiben.

Euer Mathis

Foto von CFPhotosin Photography auf Unsplash


Quellen und weiterführende Lektüre

Edward Deci & Richard RyanSelf-Determination Theory (1985, weiterentwickelt bis heute). Grundlagenforschung zur menschlichen Motivation: Warum Menschen sich für etwas einsetzen, das über sie selbst hinausgeht – und warum das kein Zufall ist. Überblick unter selfdeterminationtheory.org.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und JugendFünfter Deutscher Freiwilligensurvey 2019 (2020). Repräsentative Studie zur Beteiligung am Ehrenamt in Deutschland. Kostenlos unter bmfsfj.de.

Statistisches Bundesamt (Destatis)Zeitverwendungserhebung. Zeigt, wie sich Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen in Deutschland verteilt.

Deutscher Fußball-Bund (DFB) – Zahlen zum Ehrenamt im Fußball sowie aktuelle Programme zur Förderung von Frauen in Trainerstab und Vereinsführung. Unter dfb.de.

Südwestdeutscher Fußballverband (SWFV) – Informationen zur Schiedsrichterausbildung und aktuellen Förderprogrammen für Schiedsrichterinnen. Unter swfv.de.

Miller McPherson, Lynn Smith-Lovin & James M. CookBirds of a Feather: Homophily in Social Networks (Annual Review of Sociology, 2001). Grundlagenarbeit zum Konzept der Homophilie – warum Gruppen dazu neigen, sich selbst zu reproduzieren und für Außenstehende schwer zugänglich zu bleiben.

Edgar ScheinOrganizational Culture and Leadership (1985, dt. Organisationskultur und Leadership). Klassiker der Organisationsforschung: Wie tief sitzende Annahmen in Gruppen und Vereinen unsichtbar werden – und warum das ein Problem ist.

Robert MichelsZur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie (1911). Das „eiserne Gesetz der Oligarchie": Warum Verantwortung sich in Organisationen fast immer auf wenige konzentriert.