Die Paartherapie: Auf dem Sofa und plötzlich mittendrin
Vier Paare, ein Therapeut – und man selbst auf dem Sofa. „Die Paartherapie" hält Abstand für keine gute Idee.

Auf dem Sofa und plötzlich mittendrin
Wir haben die Serie nicht groß geplant. Irgendwann abends, beide auf dem Sofa, und dann lief die erste Folge. Und dann die zweite. Und dann war es zu spät, um noch aufzuhören.
„Die Paartherapie" – so heißt die Doku-Serie der ARD, die man in der Mediathek findet. Das Format ist simpel: echte Paare, ein echter Therapeut, echte Probleme. Kein Scripted Reality, keine Tränenmusik, keine dramatischen Schnitte. Stattdessen: ein Raum, zwei Menschen, und Eric Hegmann, der Hamburger Paartherapeut, der zuhört und fragt.
Vier Paare pro Staffel. Jedes Paar bringt etwas anderes mit.
Was die Serie so besonders macht
Es gibt viele Formate, die Beziehungen zum Thema machen. Die meisten leben davon, dass man von oben draufschaut. Man beobachtet, urteilt, ist froh, dass man selbst nicht so ist. Das funktioniert gut als Unterhaltung – aber es hält Abstand.
„Die Paartherapie" macht das Gegenteil. Man schaut nicht von oben, man schaut rein. Und irgendwann merkt man, dass man nicht mehr das Paar auf dem Bildschirm beobachtet, sondern anfängt, über sich selbst nachzudenken.
Das liegt an der Ehrlichkeit des Formats. Die Paare reden wirklich. Nicht für die Kamera, nicht mit einer aufgeräumten Geschichte, die sie sich vorher zurechtgelegt haben. Manchmal wissen sie selbst nicht genau, was sie eigentlich sagen wollen. Und genau das macht es so wirklich.
Eric Hegmann ist kein Therapeut vom Typ „jetzt sage ich euch, wie es geht". Er stellt Fragen. Er bremst, wenn ein Gespräch in die falsche Richtung läuft. Er macht langsam, wo Paare sonst schnell werden. Man sieht, wie das wirkt – nicht als Technik, sondern als echte Verlangsamung von etwas, das sonst immer eskaliert.
Das Paar, das nicht aus seinen Rollen herauskam
Eine der Konstellationen hat mich am meisten beschäftigt – und tut es noch.
Eine Frau organisiert. Alles. Die Familie, den Alltag, die To-dos, die Termine. Ihr Partner macht mit – aber er macht nicht vor. Er reagiert, aber ergreift keine Initiative. Beide wissen das. Beide sind damit unzufrieden. Und trotzdem ändert sich nichts.
Im Gespräch mit Hegmann wird sichtbar, warum. Die Frau will loslassen – aber kann es nicht. Nicht, weil sie kontrollsüchtig wäre. Sondern weil sie in dem Moment, wo sie loslässt, nicht sicher ist, ob es auch wirklich jemand auffängt. Und ihr Partner? Er würde gerne mehr übernehmen. Aber er spürt, dass ihm das nicht zugetraut wird. Also wartet er. Sie wartet auch. Beide warten auf den anderen, um mit dem Loslassen anzufangen.
Das ist kein böser Wille. Das ist eine Falle, die sich beide selbst gebaut haben.
Ich saß da und dachte: Das kenne ich. Nicht in dieser Intensität, aber die Logik dahinter – die ist nicht fremd. Wer übernimmt was? Wer entscheidet eigentlich? Und warum ist es so schwer, das einfach zu sagen?
Die Serie gibt keine Antwort auf diese Fragen. Aber sie macht sie sichtbar. Und das ist eigentlich schon das Wichtigste.
Das Paar, das wieder zueinander fand – noch mitten im Gespräch
Ein anderes Paar war schon sehr weit entfernt voneinander. Man merkte es. Zwischen ihnen war eine Distanz, die nicht aus einer einzelnen Krise kam, sondern aus vielen kleinen Momenten, die sich aufgestaut hatten.
Hegmann fragte sie, wie sie sich fühlen. Nicht, was der andere falsch gemacht hat. Nicht, was sie sich wünschen. Sondern: Wie fühlt es sich an? Was ist in dir?
Und dann passierte etwas, das ich nicht erwartet hatte. Beide redeten. Ohne Vorwürfe, ohne Anklage. Einfach: das ist, was in mir ist. Und weil der andere nicht angegriffen wurde, musste er sich auch nicht verteidigen. Er konnte hören. Wirklich hören.
Irgendwann fragte eine der beiden, ob sie die andere umarmen dürfe. Mitten im Gespräch, obwohl noch gar nichts gelöst war. Und – welch Überraschung – die andere sagte ja.
Das war einer der stärksten Momente in der ganzen Serie. Nicht weil alles gut wurde – sondern weil sichtbar wurde, dass unter all dem Abstand noch etwas anderes war. Und dass es manchmal sehr wenig braucht, um wieder daran zu kommen.
Was man mitnimmt
Ich bin kein Fan davon, Serien als Lebensratgeber zu verpacken. Und das ist „Die Paartherapie" auch nicht. Aber sie lässt einen nicht unberührt.
Was ich mitgenommen habe: Viele Probleme in Beziehungen sind keine Frage des guten Willens. Beide Seiten wollen meistens das Richtige. Aber sie stecken fest – in Rollen, in Mustern, in Gesprächen, die immer wieder an derselben Stelle landen. Das hat nichts damit zu tun, dass man sich nicht liebt. Es hat damit zu tun, dass man nicht weiß, wie man rauskommt.
Und: dass Nähe oft weniger von Lösungen abhängt als von Offenheit. Das Paar, das sich umarmte, hatte noch nichts gelöst. Aber es hatte sich gezeigt. Das reichte.
Meine Frau und ich haben während der Folgen geredet. Über die Paare. Mit manchen konnten wir uns identifizieren, mit anderen nicht. Aber irgendwann auch über uns. Das fand ich fast noch wertvoller als die Serie selbst.
Schaut das. Am besten zusammen.
„Die Paartherapie" ist keine schwere Kost. Sie ist ehrlich, ruhig und manchmal überraschend berührend. Man braucht keine Krise, um sie anzuschauen. Aber man sollte offen sein, dass sie Fragen aufwirft, die man sich danach stellt.
Vier Paare, ein Therapeut, und man selbst auf dem Sofa. Das reicht manchmal, um ein gutes Gespräch anzufangen.
Die Serie ist kostenlos in der ARD Mediathek zu finden – mehrere Staffeln, auch als Podcast verfügbar.
Euer
Mathis
Foto von Kelly Sikkema auf Unsplash
Eric Hegmann ist Paartherapeut in Hamburg und Autor mehrerer Bücher zum Thema Beziehung. Die erste Staffel der ARD-Doku-Serie erschien 2023.