Sechs Wochen Ferien. Drei davon Urlaub.
Für Kinder beginnt der Sommer mit Leichtigkeit. Für arbeitende Eltern beginnt er im Januar, mit dem Laptop und dem Buchungsportal.

Sechs Wochen Ferien. Drei davon Urlaub.
In zwei Wochen ist der letzte Schultag. Ich freue mich darauf, nicht nur weil der Kalender mir das sagt, sondern auf die längeren Abende, auf Tage ohne Schulranzen-Panik, auf drei Wochen Camping, in denen niemand irgendwo sein muss außer zusammen.
Und gleichzeitig: Wer Kinder hat und trotzdem arbeitet, kennt dieses andere Gefühl auch. Die Planung, die schon Anfang des Jahres beginnt. Denn Sommerferien sind kein Selbstläufer: Die christliche Freizeit, auf die unsere Kinder fahren, ist im Januar ausgebucht. Die Kinderferienwochen der Stadt kurz danach. Wer wartet, findet kein Plätze mehr. Also sitze ich irgendwo zwischen Weihnachten und Neujahr mit dem Laptop und buche Sommerferien, die noch in weiter Ferne liegen.
Irgendwann im Januar ist dann klar, wie der Sommer aussieht: Wie viele Wochen haben wir selbst Urlaub? Wann sind die Kinder wo? Wer holt wen ab? Und wie kriegt das alles unter einen Hut, was nicht Pause macht: Gottesdienste, Sitzungen, Spiele, Büro?
Ich möchte ehrlich darüber schreiben: Die Vorfreude ist echt. Denn die romantische Idee von Sommerferien, also endlose Nachmittage, kein Wecker und offene Tage, stimmt für Eltern nicht von Anfang an. Die Leichtigkeit kommt. Aber sie kommt nach der Planung.
Die Rechnung, die ich mache
Wir haben in diesem Jahr drei Wochen am Stück Urlaub. Das ist nicht selbstverständlich, ich weiß das. Viele Familien kriegen das nicht hin, wegen Schichtarbeit, wegen Urlaubsregelungen, wegen Geld. Wir können drei Wochen camping fahren. Das ist ein Glück, und ich sage das ohne falsche Bescheidenheit.
Aber Rheinland-Pfalz hat sechs Wochen Sommerferien. Drei davon sind abgedeckt. Bleiben drei, in denen meine Frau und ich beide arbeiten. In denen unsere Kinder noch in einem Alter sind, in dem sie nicht einfach alleine zu Hause bleiben. In denen der normale Alltag läuft, und die Kinder halt auch noch da sind.
Diese drei Wochen sind die eigentliche Frage. Und genau hier zerbricht das Bild, das wir von Sommerferien haben. Ferien sollen Leichtigkeit sein: kein Wecker, offene Tage, Zeit. Aber für arbeitende Eltern fängt die Ferienzeit nicht mit Leichtigkeit an, sondern mit der Frage, wie wir sechs Wochen abdecken, von denen wir selbst vielleicht drei oder vier in Urlaub nehmen können. Die anderen Wochen müssen irgendwie funktionieren. Das ist die Herausforderung, vor der die meisten Eltern stehen, und viele kennen das, viele reden auch darüber. Es trübt das Idealbild, weil die Lücke zwischen dem, was Ferien sein sollen, und dem, was sie für arbeitende Eltern zuerst bedeuten, größer ist als wir gerne zugeben.
Was uns hilft und nicht überall selbstverständlich ist
Unsere Kinder fahren auf christliche Freizeiten. Das passt zu uns, denn ich bin Pastor, wir sind in einer Gemeinde, das gehört zum Leben dazu. Aber ich will nicht so tun, als wäre das nur fromme Überzeugung. Diese Freizeiten sind gut. Sie bieten etwas, das wir als Eltern nicht ersetzen können: eine Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, Erwachsene, die nicht Eltern und nicht Lehrer sind, und einen Rahmen, der Sicherheit und Abenteuer gleichzeitig gibt.
Es gibt Forschung dazu, was außerfamiliäre Beziehungen für Kinder bedeuten. Gerade in einem Alter, in dem Kinder anfangen, die Welt eigenständig zu deuten, sind Erfahrungsräume jenseits von Familie und Schule prägend, weil dort anderes gelernt wird als im Unterricht: Konflikte lösen ohne die Eltern. Im Team funktionieren. Für andere da sein. Sich selbst beobachten, wenn niemand zuschaut.
Ich merke das jedes Mal, wenn die Kinder von einer Freizeit zurückkommen. Nicht daran, dass sie irgendetwas Besonderes erzählen. Meistens kommen die Geschichten erst Wochen später, wenn irgendwas sie daran erinnert. Sondern daran, wie sie wirken. Ein bisschen gewachsen, ohne dass ich genau sagen könnte, woran ich das festmache. Ein bisschen unabhängiger. Und meistens mit einem Bezugspunkt außerhalb unserer Familie, zu dem ich keinen direkten Zugang habe, was gut ist. Kinder brauchen das.
Dazu kommt, was die Stadt Ingelheim anbietet. Für uns ist das inzwischen normal: Kreativprogramme, Ausflüge, Sporttage, Betreuung in verschiedenen Altersgruppen. Das ist das Ergebnis von Entscheidungen, von Menschen, die sich irgendwann hingesetzt und gesagt haben: Diese sechs Wochen müssen wir mitgestalten. Aber das ist kein Standard. Eltern, die in Städten oder Dörfern leben, die das nicht anbieten, stehen vor einer echten Herausforderung: Wohin mit den Kindern, wenn weder Gemeinde noch Kommune eine Antwort haben? Die sechs Wochen werden dann schnell zur Belastungsprobe, nicht weil die Eltern schlecht organisiert sind, sondern weil die Strukturen fehlen.
Was Kinder in den Ferien eigentlich brauchen
Die Versuchung ist groß, die drei Wochen, die ohne Urlaub sind, möglichst vollzupacken. Freizeit hier, Ferienwochen da, alles durchtakten, damit die Kinder gut betreut sind und wir ruhig arbeiten können. Das funktioniert. Aber das ist gar nicht ideal.
Denn Teresa Belton, Forscherin an der University of East Anglia, hat in Studien mit Kindern und Jugendlichen eine These entwickelt, die an dieser Stelle eine neue Perspektive öffnet: Langeweile ist keine Leere, die gefüllt werden muss. Sie ist ein Zustand, aus dem Kreativität entsteht, wenn sie Raum bekommt. Kinder, die gelernt haben, sich selbst zu beschäftigen, entwickeln Fähigkeiten, die kein Ferienprogramm ersetzen kann: eigene Ideen verfolgen, Ausdauer entwickeln, mit sich selbst umgehen.
Programme sind gut, aber sie sollten nicht jeden Moment füllen.
Wir versuchen das zu balancieren. Freizeiten ja, Ferienwochen ja, aber auch Tage, an denen nichts geplant ist. An denen wir im Homeoffice arbeiten und die Kinder einfach da sind. Das bedeutet: Die Tür geht auf, jemand ist gelangweilt, jemand braucht was, jemand will reden. Und wir schicken sie wieder raus, nicht unfreundlich, aber konsequent. „Schau, was du daraus machst." Das ist nicht immer leicht auszuhalten, weil der Impuls zu helfen sofort da ist. Aber wir haben gelernt, es bewusst auszuhalten. Tage, die sich für die Kinder erst mal komisch anfühlen.
Ich kenne das Muster: Die erste Stunde ist Unruhe. Jemand ist gelangweilt, jemand streitet mit dem Bruder oder der Schwester, ich überlege kurz, ob ich doch noch schnell etwas einplane. Und dann fangen sie irgendwann doch an zu spielen, zu entdecken, Freunde auf der Straße zu treffen. Dann ist Beltons These keine Theorie mehr.
Aus solchen Tagen entstehen manchmal die Momente, über die wir noch Jahre später reden.
Was das mit Eltern macht
Die Zeit ist also nicht immer nur leicht.
Die Wochen, in denen wir Vollzeit arbeiten und gleichzeitig wissen, dass die Kinder zu Hause oder aus Freizeiten abgeholt werden müssen, das sind keine Erholungswochen. Der Abend nach einem langen Tag, an dem mir auffällt, dass ich heute kaum mit den Kindern geredet habe, hat nichts von Ferienfeeling.
Und trotzdem: Etwas verändert sich. Der Rhythmus kippt. Nicht schlecht, nur anders.
Der erste Ferienmorgen ist das beste Beispiel. Die Kinder müssen nicht aufstehen. Ich schon. Ich sitze um halb sieben mit meinem Kaffee und die Wohnung ist still, nicht weil alle schon weg sind, sondern weil alle noch schlafen dürfen. Das ist ein komisches Gefühl. Gleichzeitig der normalste Arbeitstag und irgendwie doch nicht.
Keine Schulranzen. Keine Morgenroutine mit Uhrenblick. Und damit fällt auch etwas anderes weg, das viele Eltern erst in den Ferien bemerken: der mentale Aufwand, der den Schulalltag begleitet. Hausaufgaben im Blick behalten, Elternabende koordinieren, nachfragen ob alles eingepackt ist, der nächste Ausflug, das vergessene Formular. Das läuft dauerhaft im Hintergrund. In den Ferien schaltet es sich einfach aus. Forscher der University of Bath und der University of Melbourne haben 2024 im Journal of Marriage and Family gezeigt, wie massiv dieser sogenannte Mental Load, also die unsichtbare Planungs- und Denkarbeit, die Familien am Laufen hält, den Alltag von Eltern bestimmt. Schulische Anforderungen der Kinder sind dabei ein zentraler Treiber. In den Ferien macht genau dieser Teil Pause. Die Stadt leert sich ein bisschen. Die Abende werden länger. Und weil ich viel im Homeoffice arbeite und da ziemlich flexibel bin, ist der Sommerabend um 18 Uhr ein anderer als ein Oktoberabend. Die Kinder sind noch draußen. Es gibt kein Abendbrot unter Zeitdruck. Manchmal sitzen wir noch um halb neun auf dem Balkon und machen: nichts. Und das „nichts" fühlt sich gut an.
Ferien als Eltern sind nicht durchgehend schön, aber sie haben Momente, für die sich alles lohnt.
Ellen Galinsky, Forscherin und Autorin von „Mind in the Making", hat sich jahrelang damit beschäftigt, was Kinder von ihrer Kindheit erinnern. Ihr Befund ist ernüchternd und befreiend gleichzeitig: Kinder erinnern sich nicht daran, wie viele Stunden ihre Eltern verfügbar waren. Sie erinnern sich an Momente. An einen gemeinsamen Witz. An eine Runde Karten am Campingtisch. An das Gespräch, das sich ergeben hat, weil gerade kein Zeitdruck da war.
Das ist der Kern dieser Wochen. Den Weg dorthin kriegen wir hin.
Was ich in den letzten Jahren gemerkt habe: Die Sommerferien verändern auch etwas zwischen meiner Frau und mir, nicht dramatisch, aber spürbar. In den normalen Wochen laufen wir aneinander vorbei, manchmal buchstäblich. Jede Übergabe ein kurzes Briefing: Wer hat das Kind wann, was fehlt noch im Kühlschrank, wann bin ich zurück. Das ist kein schlechtes Zeichen. Das ist normales Familienleben mit Arbeit. Aber es ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben, als wir angefangen haben.
In den Ferienwochen, auch in denen, in denen wir arbeiten, verlangsamt sich das. Weniger Takt im System, kein Stundenplan, keine Übergaben unter Zeitdruck. Und irgendwann, meist gegen Ende der Woche, sitzen wir abends zusammen und reden über etwas, das nichts mit Organisation zu tun hat. Das klingt nach wenig, ist aber mehr als es scheint.
Drei Wochen, die anders sind
Und dann kommen die drei Wochen, auf die wir das Jahr hingearbeitet haben. Campervan, irgendwo draußen. Kein WLAN, kein Programm, kein Terminkalender.
Ich habe das Packen des Campervans inzwischen auf eine Wissenschaft gebracht, die nicht wirklich eine Wissenschaft ist. Ich mache jeden Fehler zweimal und lerne trotzdem daraus. Irgendwas fehlt immer. In diesem Jahr werden es wahrscheinlich wieder die Kabelsalat-Kiste oder das fehlende Adapter-Ding sein, das ich jedes Mal kaufe und jedes Mal verliere. Das gehört dazu.
Ich habe an anderer Stelle geschrieben, was von einem Urlaub wirklich bleibt. Nicht das Reiseziel. Nicht die Sehenswürdigkeiten. Sondern die Geschichten.
Der Abend, an dem das Wetter umgeschlagen ist und wir alle unter dem Vordach gesessen haben und nichts tun konnten außer reden. Die Panne, die zur unbeabsichtigten Stadtbesichtigung geworden ist. Der Moment, in dem ein Kind sagte: „Das war der beste Tag." Weil wir nichts geplant hatten. Weil nichts anderes wichtig war. Weil für drei Wochen niemand irgendwo sein musste, außer dort, wo wir gerade waren.
Diese Momente entstehen nicht, weil wir sie geplant haben. Sie entstehen, weil wir da sind. Und weil wir nicht gleichzeitig irgendwo anders sein müssen.
Dafür lohnt sich die Rechnung vorher.
Nicht alle haben dieses Glück
Wir haben es gut. Gemeinde mit Freizeiten. Stadt mit Ferienangeboten. Die Möglichkeit, drei Wochen am Stück Urlaub zu nehmen. Das ist nicht Standard.
Es gibt Familien, die keinen gemeinsamen Urlaubstag haben. Familien, in denen ein Elternteil die ganze Betreuung trägt, weil das andere keinen Urlaub bekommt oder sich keinen leisten kann. Familien, die in Städten oder Dörfern leben, wo es schlicht kein kommunales Ferienprogramm gibt. Für die sind sechs Wochen Sommerferien keine Frage der Balance, sondern ein echtes Problem, das sie alleine lösen müssen.
Und das ist kein Zufall. Eltern sollen funktionieren: als Arbeitskräfte, als Wirtschaftsfaktor, als Steuerzahler. Gleichzeitig werden sie bei genau den Fragen, die das alles erst möglich machen: Betreuung, Ferienangebote, verlässliche Strukturen. Sie werden häufig alleine gelassen. Die Politik redet viel über Familienfreundlichkeit. Aber sechs Wochen Sommerferien ohne ausreichende Angebote sind das Gegenteil davon.
Das beschäftigt mich. Wer kämpft dafür, dass Angebote wie die Kinderferienwochen in Ingelheim nicht die Ausnahme bleiben?
Was in zwei Wochen anfängt
In zwei Wochen ist der letzte Schultag. Ich werde an diesem Tag wahrscheinlich arbeiten. Irgendwas ist immer. Aber irgendwann am Nachmittag werde ich nach Hause kommen, und die Kinder werden da sein. Ohne Schulranzen, ohne Hausaufgaben, ohne Druck. Die Energie im Haus ist dann eine andere. Ruhiger und gleichzeitig voller. Und dann fängt etwas an, das trotz allem davor gut ist.
Nicht immer, nicht jeden Tag, aber gut.
Das Schöne an Ferien ist nicht, dass alles leichter wird. Es ist, dass etwas Wichtiges wieder sichtbar wird: dass die Menschen, mit denen ich dieses Leben teile, mich kennen und ich sie kenne. Dass die Geschichten, die wir erzählen werden, wenn die Kinder groß sind, in diesen Wochen entstehen. Nicht in den perfekt geplanten, sondern oft in den unvorhergesehenen.
Dafür stehe ich gerne früh auf. Dafür plane ich gerne drei Wochen im Voraus. Und dafür fahre ich gerne mit einem vollbepackten Campervan irgendwo raus.
An alle, die das gerade lesen:
Wenn ihr noch mitten in der Planung steckt und nicht wisst, wie ihr die sechs Wochen hinkriegen sollt: Das kennen wir. Es löst sich. Nicht immer perfekt, aber es löst sich.
Schaut, was eure Gemeinde anbietet. Fragt nach, was eure Stadt für Kinder hat, und sagt auch laut, wenn das Angebot nicht gut genug ist. Und wenn ihr die Wochen habt, auf die ihr das ganze Jahr hingearbeitet habt, dann lasst sie wirklich da sein. Kein Programm, kein Anspruch. Einfach zusammen.
Es lohnt sich.
Euer Mathis
Foto von Jochen van Wylick auf Unsplash
Quellen und weiterführende Lektüre
Teresa Belton & Esther Priyadharshini – In Praise of Boredom (Journal of Curriculum Studies, 2007). Einer der wenigen wissenschaftlichen Texte, die Langeweile nicht als Problem, sondern als Ressource beschreiben. Die Autorinnen argumentieren, dass unstrukturierte Zeit eine notwendige Voraussetzung für kreative Entwicklung bei Kindern ist.
Ellen Galinsky – Mind in the Making: The Seven Essential Life Skills Every Child Needs (2010). Galinsky hat jahrelang Kinder befragt, woran sie sich erinnern. Ihr Befund: nicht an die Stunden der Verfügbarkeit ihrer Eltern, sondern an einzelne Momente. Ein Plädoyer dafür, was Kinder wirklich brauchen und was nicht.
Leah Ruppanner u. a. – Mental Load (Journal of Marriage and Family, University of Bath / University of Melbourne, 2024). Zeigt empirisch, wie massiv die unsichtbare Planungs- und Koordinationsarbeit den Alltag von Eltern bestimmt – und dass schulische Anforderungen der Kinder dabei ein zentraler Treiber sind.